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Opern-Kritik: Theater Basel – Macbeth

Es ist Macbeth, aber in komisch

(Basel, 22.1.2026) Am Theater Basel inszeniert Herbert Fritsch Verdis „Macbeth“ als grelles, choreografisch verdichtetes Spiel, das den Schrecken der Machtgier mit burlesker Lust an der Überzeichnung bricht.

vonPatrick Erb,

Fünf mächtige Rahmen, die sich zum Bühnenraum hin verjüngen und jede Bewegung leicht grotesk verzerren, dominieren das Bild. Die bestimmende Farbe ist ein grelles Rot. Wie könnte es bei einer blutigen Tragödie anders sein. Dazu schwarz gewandete Gestalten mit kreideweißen Gesichtern. Weiß, weil sich die Schreckenstaten Macbeths vorankündigen, die sie atemlos machen. Weiß, weil sie ihn fürchten, während er sich selbst fürchtet. Schwarz, weil es Mode war. Schwarz, weil es die Farbe mancher dieser verkommenden Seelen ist. Schwarz, wie der Tod.

Am Theater Basel feierte nun Giuseppe Verdis „Macbeth“ in einer Neuinszenierung von Herbert Fritsch Premiere. Doch ist dabei alles so grausam, wie man es von William Shakespeare und Verdi gewohnt ist? Freilich nicht. Und gerade das macht diese Lesart so eigentümlich.

Choreografie nach Drehbuch

Ob tänzerisches Schunkeln der Schotten, überschwängliche Ballettsprünge Bancos oder ein altersmüder Duncan, der beim herrschaftlichen Einzug auf Macbeths Burg mitsamt Winkbewegungen à la Queen Elizabeth immer wieder von seinen Dienern neu ausbalanciert werden muss, damit er nicht in den Orchestergraben stürzt: Über weite Strecken folgt das Geschehen einer humoristisch grundierten, rhythmisch präzisen Choreografie. Fritsch greift dabei zwei zentrale Aspekte auf. Zum einen erprobt er, ob Körper, Gestus und Mimik als nahezu einzige Requisiten die Handlung tragen können. Zum anderen distanziert er sich bewusst von Pathos und übersteigerter Tragik, die „Macbeth“ sonst so häufig bestimmen. Darin ist er Shakespeare näher, als es zunächst scheint, denn auch dieser suchte im Tragischen immer wieder das Komische.

Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel
Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel

Die Atmosphäre eines blutroten Puppentheaters

Die strenge Raumflucht mit ihren zahlreichen Auf- und Abgangsmöglichkeiten lässt das Szenario bisweilen wie ein barockes Kasperletheater wirken. Bemerkenswert ist dabei, wie interpretationsfreudig Verdis Musik auf diese Lesart reagiert. Sie kommentiert das Gesungene oft mit subtiler Ironie und bietet natürliche Rampen für die exzentrischen Bewegungen der Choreografie. Etwa bei der selbstverliebten Selbstdarstellung der Lady Macbeth während ihres Melodrams und des Trinklieds beim Bankett oder beim musikalisch fein ausgehörten Schleichen der Dienerin vor der Schlafwandlerarie.

Die Komik wird hier zur Pflicht, der Humor zur Flucht nach vorn. Darin liegt zugleich die einzige Schwäche dieser starken Produktion. Die Slapstickelemente erschöpfen sich mit der Zeit, und auch wenn neue Einfälle hinzukommen, trägt die Bildsprache nicht ganz bis zum Ende.

Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel
Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel

Sehr gut kuratierte Darsteller

Schauspielerisch und gesanglich allerdings sehr wohl. Iain MacNeil gestaltet einen grandios infantilen Macbeth, der sich zunächst ebenso sehr zu seiner mitintriganten Lady hingezogen fühlt wie zu seinem Herrschaftsanspruch, um sich bald als verängstigtes Häuflein Elend in ihrem Schoß trösten zu lassen. MacNeil verfügt über eine beeindruckend breite, stets kraftvolle Palette an Ausdrucksformen, vom erschrockenen Morendo bei Bancos Geistererscheinung bis zur finalen Arie „Perfidi! All’anglo contro me v’unite“, in der falscher Stolz und reumütige Selbsterkenntnis ineinanderfallen.

Genug Lady Macbeth für zwei Vorstellungen

Eine Sensation ist Heather Engebretson als tragikomische Lady Macbeth. Im weißen Nachthemd scheint sie für diese Produktion maßgeschneidert. Die zierliche Erscheinung der Sopranistin steht in paradoxem Kontrast zu einem Klangvolumen von bemerkenswerter Klarheit, Vitalität und weinrotem Timbre. Auch die Nebenrollen sind sorgfältig besetzt. Bassbariton Sam Carl gibt mit weitem Grinsen einen Banco von fadenscheiniger Natur, dessen Tod allenfalls im Hinblick auf das Schicksal seines Sohnes berührt. Rolf Romei setzt als Macduff die Riege der überzeichneten Figuren kongenial fort. Zwar liefert er sich mit Macbeth einen stark entschleunigten, karnevalisierten finalen Kampf, überzeugt jedoch umso mehr in seiner großen Scena ed Aria „O figli, o figli miei! da quel tiranno“ durch Würde, Größe und raumgreifende Präsenz. Hope Nelson schließlich bewegt sich im Schlafwandel der Lady Macbeth an der Seite eines zusätzlichen Clowns gleichermaßen heiter und schauerlich.

Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel
Szenenbild aus „Macbeth“ am Theater Basel

Orchestrale Begleittöne

Aus dem Orchestergraben kommt unter der Leitung von Dirk Kaftan ein zurückhaltender, sängerfreundlicher Klang. Kaftan verzichtet auf exaltierte Zuspitzungen zugunsten einer gleichmäßig moderierenden Tonsprache. Den so entstehenden Freiraum nutzen nicht nur die Solisten, sondern vor allem der Basler Opernchor, dem Kaftan ein besonderes Gespür für dynamische Feinabstufungen zugesteht. Hier zeigt sich eine weitere Stärke der Inszenierung: Die holzschnittartig verallgemeinerten Kostüme lassen das spielfreudige Ensemble zur geschlossenen Einheit verschmelzen. Jeder Schritt sitzt, der Hexenchor kann sich hinter seinen Masken ganz auf den Gesang konzentrieren.

Basel beweist, wie wenige Mittel es braucht, um wirkungsvolles Regietheater zu schaffen. Mit einigen wenigen Kniffen vielleicht sogar noch wirkungsvoller.

Theater Basel
Verdi: Macbeth

Dirk Kaftan (Leitung), Herbert Fritsch (Regie, Bühne & Kostüme), Cornelius Hunziker (Licht), Michael Clark (Chor), Benjamin Wäntig (Dramaturgie), Iain MacNeil, Sam Carl, Heather Engebretson, Hope Nelson, Rolf Romei, Ervin Ahmeti, Chor und Extrachor des Theater Basel, Sinfonieorchester Basel






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