Ein fremder Mann, den niemand kennt, kommt in ein hoffnungsloses, vom Krieg versehrtes Land. Dessen Herrscher und bisheriger Feldherr ist altersmüde. Da entdeckt das Volk den hehren Unbekannten als einzig möglichen Retter aus der Not. Es projiziert alle Hoffnungen auf ihn, himmelt ihn als Erlöser an, überhöht ihn zum übermenschlichen Helden. Wenn da zur Premiere und deutschen Erstaufführung der „Mazeppa“ von Clémence de Grandval an der Oper Dortmund der stimmpotente Chor des Theater Dortmund, verstärkt durch den Projekt-Extrachor, diesen Mann aus dem Nirgendwo zum veritablen Superman emporsingt, dann wähnten wir uns zunächst gar nicht in der von Jubel-Hymen strotzenden (sehr) späten Grand Opéra der französischen Komponistin, Pianistin und Sängerin.
Wir erinnerten uns vielmehr an jenen deutschen Strahlemann und Schwanenritter, der erst in den letzten Minuten der nach ihm benannten Oper seine Identität preisgibt – Wagners Lohengrin. Wie verführbar menschliche Kollektive nun mal sind, sei es durch weiße oder durch schwarze Magie, führte uns Richard Wagner in seiner romantischen Oper schon 1850 vor Augen und Ohren. Seine nur 15 Jahre jüngere französische Kollegin Clémence de Grandval stellte die bis heute kaum weniger ausgeprägte Schwäche unserer Spezies nun in den Mittelpunkt ihrer 1892 in Bordeaux aus der Taufe gehobenen Oper.

Französischer Wagnerismus
Während die musikalischen Bezüge zwischen dem deutschen Meister und der französischen Meisterin trotz der in „Lohengrin“ wie in „Mazeppa“ jeweils extra bombastisch aufgebauschten Aktschlüsse und einer gemeinsamen Neigung zum Leitmotiv eher überschaubar bleiben, ist das geteilte inhaltliche Motiv beider Schöpfer aufschlussreich genug. Und so stellt Dortmunds Opernintendant Heribert Germeshausen die szenische deutsche Erstaufführung von „Mazeppa“ nun auch in den Kontext der mittlerweile siebten Ausgabe seines Festivals „Wagner-Kosmos“, das in diesem Jahr vom 14. bis 17. Mai erstmals ohne ein Musikdrama Wagners stattfindet. Neben der Operngala, die wiederum wagnersinnig mit „Mein lieber Schwan“ überschrieben ist, kommt es dann am 14. Mai auch zur Uraufführung eines Auftragswerks der Oper Dortmund: Sarah Nemtsov komponiert ihr Werk „Wir“ nach dem dystopischen Roman von Jewgeni Samjatin, der seinerseits Autoren wie Aldous Huxley und George Orwell zu ihren düsteren Zukunftsvisionen inspirierte.

Ein Feldherr zwischen den Fronten
Nicht minder hoffnungslos ist die Geschichte des Schlachtengemäldes um Mazeppa, jenes Nationalhelden der Ukraine, den Russen abgrundtief verachten, dessen Legende Victor Hugo, Lord Byron und Alexander Puschkin literarisch aufgreifen und dem Peter Tschaikowsky 1884 bereits ein Operndenkmal setzte. Mazeppa, ein weitgereister, polnisch-ukrainischer Adliger des 17. Jahrhunderts, wechselte als Feldherr zwischen den Fronten, vermittelte, schmiedete Allianzen, intrigierte.
In einer durchaus freien, der Opernemotion maximal dienlichen Mischung aus historischen Vorlagen und Legendenbildung zeichnen Clémence de Grandval und ihre Librettisten Charles Grandmougin und Georges Hartmann ihren Mazeppa so schillernd als ambivalente, zerrissene Figur, dass man seiner aufrichtigen Liebe zu Matréna, der Tochter des alternden Feldherrn Kotchoubey (Artyom Wasnetsov mit gigantischer Bass-Wucht), dessen Platz er bald einnehmen wird, so sehr Glauben schenkt, wie man von seinen Machenschaften erschüttert ist. Zunächst aber – da wirkt das Verführungspotenzial der Musik ohne Umschweife ansteckend – lassen wir uns alle vom Charisma des Lohengrin-gleichen Erlösers einlullen, wollen sozusagen direkt in die Jubelchöre einstimmen.

Eine starke Frau zwischen Passion und Pflicht
Doch der strahlende, virile Good Guy, der zunächst durchaus einen militärischen Sieg ins neue Zuhause bringt und die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt, hat auch eine Schattenseite. Die aber will niemand wahrnehmen, außer seinem Nebenbuhler in Liebesdingen, dem jungen Krieger Iskra, den Sungho Kim mit voller Tenoremphase ausstattet. Doch da Mandla Mndebele als Mazeppa sich mit seinem so einschmeichelnd warmem wie heldisch imposanten Bariton die Seele aus dem Leib spielt und singt, bleibt er aus Sicht des Volkes und des Publikums gleichermaßen lange der absolute Sympathieträger.
Die Duette mit Matréna sind denn auch von solcher ungebrochenen, überschwänglichen Aufrichtigkeit, dass wir an die Zukunft dieses Paars lange Zeit unbedingt glauben wollen. Dies liegt natürlich auch an Anna Sohn, die ihren französisch schlank geführten, so klaren wie innigen, klug in die emotionale Expansion führenden Sopran in den Dienst des Portraits einer großen berührenden Frauenfigur stellt: Zwischen der Liebe zum fremden Mann, der Freundschaft zum Verehrer Iskra, der Treue zu Vater und Vaterland, mithin also (wie weiland Verdis Aida) zwischen Passion und Pflicht, versucht sie ein ums andere Mal zu vermitteln – und ist darin doch zum Scheitern verurteilt.

Die Mutter der Filmmusik
Liebe in Zeiten des Krieges hat es schwer. Das verdeutlichen allein die kompositorischen Anteile in dieser von dramatischem Feuer durchpulsten Partitur, der man zwar in den berührend lyrischen, von Holzbläsern utopiezart und melodienfein umflorten Duetten die „weibliche“ Handschrift anmerkt. Doch sonst dominieren die Schlachtgesänge, der Hymnenüberschwang, der pralle, krasse, bunte Effekt der Grand Opéra. Da schreibt Clémence de Grandval, um noch einmal das Geschlechterklischee zu bemühen, ausdrücklich „männliche“ Musik, scheint übererfüllen zu wollen, was ihre französischen Kollegen vor ihr zum Modell erhoben haben: Die Meyerbeer-, Halévy- und Saint-Saëns-Attacke dominiert die Versponnenheit Massenets.
Da könnte die Komponistin – gemeinsam mit Richard Wagner – als Mutter der Filmmusik zu entdecken sein. Und da nimmt nun Jordan de Souza, Dortmunds neuer GMD, Clémence de Grandval mit den glänzend aufgelegten Philharmonikern sehr wohl beim Wort: Die Spannungskurven sind maximal ausgearbeitet, laufen auf immer neue Höhepunkte zu: Die Entschärfung dieses musikalischen Monumentalgemäldes ist so gar nicht des Dirigenten Sache. Und das ist sehr gut so: Er stellt die Partitur als das zur Diskussion, was sie ist, glättet nicht, stutzt nicht zurecht, fokussiert vielmehr das filmmusikalisch Plakative – um in den utopischen Augenblicken umso feiner in die Seele der Musik einzutauchen.

Manipulation der Massen trifft Psychologie der Individuen
Genau in diesem Sinne tritt auch Martin G. Berger beherzt die Regieflucht nach vorn an. Mit Vincent Stefan setzt er auf eine dominante filmische Ebene des Erzählens in Rückblenden. Bereits in der Ouvertüre fliegt Mandla Mndebele als Mazeppa wie Iron Man über die Hochhäuser von Dortmund. Um den Täter Mazeppa auch als Opfer zu zeigen, erfahren wir von der Jugend des gedemütigten Außenseiters, der sich von ganz unten in der Gesellschaft durch einen Pakt mit dem Bösen empordient. Martin G. Berger verknüpft klug die Manipulation der Massen mit der Psychologie der Individuen.
Auf der imposanten Treppenkonstruktion von Sarah-Katharina Karl kommt die Macht der Chöre vokal und darstellerisch zur vollen Geltung. Der Steg vor dem Orchestergraben wiederum zoomt die Figuren wie in Close-ups ans Publikum. Das Monumentale und das Intime bedingen und durchdringen sich ideal. Historische Verortung braucht das Regieteam an diesem starken Abend nicht, der ganz auf das Allgemeingültige der brutalen Geschichte setzt. In Dortmund ereignet sich also Oper als großes Kino. Mit verblüffend differenzierten Charakteren jenseits aller Gut-Böse-Kolportage – Menschen zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Kalkül und Gefühl, zwischen Stärke und Fragilität. Eine grandiose Ausgrabung und Wiederbelebung der „Mazeppa“ von Clémence de Grandval.
Oper Dortmund
De Grandval: Mazeppa
Jordan de Souza (Leitung), Martin G. Berger (Regie), Sarah-Katharina Karl (Bühne),Alexander Djurkov Hotter (Kostüme), Vincent Stefan (Video), Kevin Schröter (Licht), Fabio Mancini (Chor), Nikita Dubov (Dramaturgie), Anna Sohn, Mandla Mndebele, Sungho Kim, Artyom Wasnetsov, Denis Velev, Opernchor des Theater Dortmund, Projekt-Extrachor, Dortmunder Philharmoniker
So., 22. März 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Grandval: Mazeppa
Jordan de Souza (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Fr., 10. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Grandval: Mazeppa
Jordan de Souza (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Sa., 02. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Grandval: Mazeppa
Jordan de Souza (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Fr., 15. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Grandval: Mazeppa
Jordan de Souza (Leitung), Martin G. Berger (Regie)




