Opern-Kritik: Theater Heidelberg – Lulu

Manege frei!

(Heidelberg, 17.4.2021) Bergs „Lulu“ ist als packender Livestream quasi die Vorpremiere für die echten Aufführungen im Theater Heidelberg.

© Susanne Reichardt

Jenifer Lary

Jenifer Lary

Die beiden Opern Alban Bergs sind Schlüsselwerke der Moderne. „Wozzeck“ und „Lulu“ gehören zu den Stücken, die es nach dem Krieg ins Repertoire und zu allseitiger Anerkennung gebracht haben. Die „Lulu“ umweht zudem nicht nur der besondere Hauch des Unvollendeten, es gibt auch etablierte Versuche einer Komplettierung. Das nach Frank Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ komponierte Opernfragment wird heute oft in der von Friedrich Cerha 1979 geschaffenen dreiaktigen Fassung gespielt. Lulu bleibt also weder die Londoner Absteige noch die finale Begegnung mit Jack the Ripper erspart. Und auch die Geschwitz kann ihren Plan, künftig für die Rechte der Frauen zu kämpfen, nicht umsetzen, weil auch sie dem berühmten Massenmörder zum Opfer fällt.

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Bekenntnis zum Fragment

© Susanne Reichardt

Ipča Ramanović, Katarina Morfa

Im Umfeld dieser Rezeptionspraxis ist das Bekenntnis zum zweiaktigen Originalfragment allein schon etwas besonderes. Heidelberg hat sich für die „Gesamtbearbeitung für Soli und Kammerorchester“ durch Eberhard Kloke (Jahrgang 1948) entschieden. Der Hamburger Komponist und Dirigent hat selbst schon 2010 in Kopenhagen eine eigene Neufassung des dritten Aktes vorgestellt und in Wien, drei Jahre vorher, eine Gesamtbearbeitung der Oper für Soli und Kammerorchester-Besetzung. Diese Fassung war jetzt in der Heidelberger Streamingpremiere der „Lulu“ in der Regie von Axel Vornam und unter der musikalischen Leitung von GMD Elias Grandy zu erleben. Der setzt zwar betont auf die dramatische Wirkung der Musik, überdeckt dabei aber nie die Sänger. Weil man diese Streamingpremiere aber nicht als einen digitalen Ersatz, sondern lediglich als eine besondere Art der Voraufführung ansieht, gab es sie nur als Live-Stream und nicht als Video on Demand danach. Immerhin auch eine Variante, mit der aktuellen Lage umzugehen.

Zwischen Totale und Closeup

Am Bildschirm fürs heimische Opernkino funktionierte die Inszenierung! Und wer kann schon genau sagen, wo die Ursachen für ein paar schnell zu korrigierende Hänger in der Übertragung liegen. Die Kameraführung wechselte geschickt zwischen der Totale des Einheitsbühnenbildes und den Naheinstellungen auf die Protagonisten, sodass die zwei Stunden durchweg die szenische Spannung hielten. Musikalisch beglaubigt wurde das sowohl von Elias Grandy und den Musikern des Philharmonischen Orchesters Heidelberg, vor allem aber von einem fabelhaften, sozusagen in jeder Hinsicht rollendeckenden Protagonistenensemble.

© Susanne Reichardt

João Terleira

João Terleira

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Versuchskaninchen im Terrarium

Das manegenartige Halbrund von Tom Muschs Bühne mit vier Drehtürelementen erweist sich als praktisch und im Handumdrehen wandelbar für alle Schauplätze. Dazu bedarf es „nur“ noch eines roten XL-Sofas und ein paar Versatzstücken des Lulu-Porträts, die hier als Lettern herumstehen, die Lulus Namen formen oder als gut dosierte Videoeinblendungen (Video: Stefan Bischoff) gelegentlich über die Rückwand schweben. Manchmal schaut einer der Protagonisten von oben über den Rand auf die Szene. Ganz so, als würde er in einem Terrarium Versuchskaninchen oder Laborratten beobachten. Und ein wenig verfremden die fantasievoll ausschweifenden, und bei passender Gelegenheit jede Menge nackter Haut zeigenden Kostüme von Cornelia Kraske Lulu und die Männer (und die Frau) um sie herum tatsächlich in diese Richtung.

Jenifer Lary spielt alle Facetten einer schillernden Lulu aus.

© Susanne Reichardt

Corby Welch, James Homann, Jenifer Lary

Corby Welch, James Homann, Jenifer Lary

Regisseur Axel Vornam erzählt die Geschichte zwar mit dieser leichten Entrückung der Figuren ins Distanzierte, aber er hängt dabei niemanden ab. Bleibt bei der Sache. Und ermöglicht insbesondere Jenifer Lary, alle Facetten einer schillernden Lulu auszuspielen. Kapriziös, offensiv verführerisch, skrupellos und dennoch einsam. Sie liefert alles und macht dabei – einschließlich der wortwörtlichen oder metaphorischen Entblößung – eine gute Figur. Aber nicht nur optisch, sondern auch vokal mit Prägnanz und Leichtigkeit. Sie ist das Zentralgestirn, um das die anderen kreisen. Und sich die Finger verbrennen bzw. ihr Leben verlieren. James Homann ist als Dr. Schön der sozusagen seriöse Fels in den Brandungen ihres bewegten Lebens, aber ihrer Lebensgier nicht gewachsen. Corby Welch macht in seinem gesamten Habitus als dessen Sohn Alwa deutlich, dass er dieser Frau nicht mal ansatzweise etwas entgegensetzen könnte. Auch die virile Attraktivität, die João Terleira als Maler und Ipča Ramanović als Tierbändiger zu Schau stellen, oder die hochkonzentrierte Präsenz der Andersartigkeit, mit der Zlata Khershberg ihre Gräfin Geschwitz ausstattet, retten Lulu nicht. Vor dem Scheitern an sich selbst und den Erwartungen, die eine gierige, vom Männerfantasien beherrschte Welt auf sie projiziert.

Am Ende entschwindet dieses (Alp-)Traumbild Frau fast wie unbemerkt. Und ein spannender Opernabend aus einem Guss am Bildschirm, macht Lust aufs Original. Demnächst hoffentlich im Theater Heidelberg.

Theater Heidelberg
Berg: Lulu

Elias Grandy (Leitung), Axel Vornam (Regie), Tom Musch (Bühne), Cornelia Kraske (Kostüme), Ralf Kabrhel (Licht), Stefan Bischoff (Video), Ulrike Schumann (Dramaturgie), Jenifer Lary, Zlata Khershberg, Katarina Morfa, Wilfried Staber, João Terleira, James Homann, Corby Welch, Ipča Ramanović, Ewandro Stenzowski, Xiangnan Yao, Brandon Ess, Philharmonisches Orchester Heidelberg

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