Wenn Hoffmann in seiner ersten Erzählung die magischen Brillengläser zerbrechen und er erkennt, dass seine innige Liebe zu Olympia nichts weiter war als die Projektion auf eine emotional unterkühlte Maschine, ist die Schmach groß. Die Schaulustigen sind gekommen, um die aufsehenerregende Erfindung des Physikers Spalanzani zu bestaunen – bloßgestellt aber wird Hoffmann selbst. Und doch liegt in diesem Moment eine eigentümliche Größe: der Dichter und Komponist, dessen Liebeskrise auch immer schnell zur künstlerischen Schaffenskrise hochgejazzt wird, zeigt sich hier bewusst im Moment des nichtigen Scheiterns. Es ist einer jener Augenblicke, von denen es in Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ mehrere gibt.

Regie aus einem Guss
Zeit zum Verzweifeln bleibt dem Protagonisten deshalb nicht. Die nacherzählten Schicksalsschläge entwickeln ihre eigene Dynamik, werden von Episode zu Episode unheilvoller, der Film des Lebens läuft unaufhaltsam weiter. Am Theater Lübeck feierte das unvollendete Künstlerdrama Offenbachs nun in einer Neuinszenierung von Philipp Himmelmann Premiere. Aus der Vielzahl möglicher Fassungen wählte der Regisseur eine stark geraffte, rund zweistündige Kernfassung, die auf eine Pause verzichtet. Neben Prolog und Epilog fällt dabei beträchtliches musikalisches Material weg, nicht jedoch die populären Höhepunkte des Werks. Gerade diese Verdichtung verleiht dem Abend eine Eigendynamik, die sich schlüssig in das Regiekonzept einfügt.
Gemeinsam mit Bühnenbildner David Hohmann entwickelte Himmelmann dafür eine dreiteilige Drehbühne. Jeder Abschnitt zeigt denselben Ort: Luthers Bar mit kalten weißen Wänden und nüchterner Theke. Die starke Raumflucht erzeugt ein leicht quirliges Moment. Ist eine Geschichte auserzählt, wechseln Muse Nicklausse, Hoffmann oder auch sein dämonischer Gegenspieler – Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel und Dapertutto hier in Personalunion – den Raum, während die Bühne weiterdreht.
Der Ort der Tragödie bleibt derselbe, die Gesichter wechseln: drei Facetten einer Medaille. Für das nahezu filmische Durcherzählen ohne künstliche Unterbrechungen ist diese Lösung ein Gewinn. Wo sonst Umbauten nötig wären, kann hier stringent weitergespielt werden. Schlussendlich erzählt sich Hoffmann an sein persönliches Ende. Die Trennwende heben sich und was übrig bleibt ist buchstäbliche Desillusion, der sich der Protagonist nun stellen muss. Ob hinter den verschiedenen Bühnensegmenten nicht auch andere Räume denkbar gewesen wären, mag man erwägen – klug ist das Regiekonzept allemal.

Das Hausensemble ganz Herr der Lage
Für das Hausensemble bedeutet der pausenlose Verlauf freilich eine zusätzliche Herausforderung, vor allem für den Titelhelden, der seine Geschichten nicht erzählt, sondern mit leidenschaftlichem Pathos besingt. Konstantinos Klironomos, dem in dieser Fassung der Löwenanteil zufällt, meistert diese Aufgabe mit beeindruckender Ausdauer. Die sängerfreundliche Akustik des Lübecker Theaters voll auskostend, führt das heldische Timbre seines Tenors eher in den Kampf als in die Resignation – sei es in der affektierten Kleinzach-Arie mit den Studenten oder im melancholischen, zukunftsbejahenden Duett mit Antonia. Von der im Vorfeld angedeuteten Lebenskrise ist hier wenig zu spüren, von darstellerischer Lust umso mehr. Entsprechend stürmisch fällt der Beifall beim Schlussapplaus aus.
Zur Leidtragenden der fokussierten Fassung wird allerdings Frederike Schulten: Der Muse fehlen wesentliche Elemente der Rahmenhandlung, sodass ihr neben dem imposanten Auftritt im Sattel vor allem die Barcarole mit Giulietta als Glanzpunkt verbleibt. Bariton Jacob Scharfman gewinnt hingegen als vierfacher Schurke deutlich an Profil. Mit großer Spielfreude setzt er den unterschiedlichen Temperamenten der Rollen – Wut, Missgunst, Dämonie und verschmitzter Gewitztheit – farbige Kontraste im Gesang entgegen und kompensiert so kleinere dynamische Ermüdungen. Mehr noch als die funkelnde Diamanten-Arie begeistern seine zahlreichen Sticheleien gegen Hoffmann und die komödiantische Note der Figur, die neben tierischen Verhaltensweisen auch so manche Hehlerware unter dem lila Mantel bereithält.

Grau wie die Gedanken, rot wie die Liebe
Sophie Naubert erweist sich als Publikumsliebling in der Rolle der Olympia. In ihrer heiteren, bewusst überspitzten Arie „Die Vögel im Laubengang“ wird die groteske Puppe in roter Maskierung nicht neu aufgezogen, sondern – einem mechanischen Klavier gleich – mit frischem Notenmaterial gefüttert, was zu äußerst komischen Reaktionen der Maschine auf Hoffmanns „Input“ führt. Die Sopranistinnen Andrea Stadel und Aditi Smeets komplettieren als Antonia und Giulietta, ebenfalls farbsymbolisch in Rot, den Cast mit schön ausgeformten lyrischen Stimmen. Die eine singt aufrichtig und scheitert an ihrer Leidenschaft, die andere hinterhältig und bringt zum Scheitern.
Musikalisch nähert sich Takahiro Nagasaki, Erster Kapellmeister am Theater Lübeck, „Les Contes d’Hoffmann“ mit routinierter Souveränität, ohne markante neue Akzente zu setzen. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt hält er mit gemäßigten Tempi und kontrollierten Dynamiken sicher auf Kurs – eine Entscheidung, die den Sängerinnen und Sängern zugutekommt, da sie keinen zusätzlichen orchestralen Widerstand überwinden müssen. So ergibt sich insgesamt ein stimmiges Offenbach-Best-of: mit elegant konstruiertem Bühnenbild, einem starken Ensemble und einem ambitionierten Hoffmann im Zentrum.
Theater Lübeck
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Takahiro Nagasaki (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie), David Hohmann (Bühne), Meentje Nielsen (Kostüme), Falk Hampel (Licht), Jan-Michael Krüger (Chor), Konstantinos Klironomos, Frederike Schulten, Jacob Scharfman, Wonjun Kim, Sophie Naubert, Andrea Stadel, Aditi Smeets, Delia Bacher, Changjun Lee, Tomasz Myśliwiec, Viktor Aksentijević, Chor und Extrachor des Theater Lübeck, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Sa., 07. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Frederike Schulten (Die Muse & Niklas), Jacob Scharfman (Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel & Dapertutto), Sophie Naubert (Olympia), Andrea Stadel (Antonia), Takahiro Nagasaki (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie)
Do., 19. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Frederike Schulten (Die Muse & Niklas), Jacob Scharfman (Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel & Dapertutto), Sophie Naubert (Olympia), Andrea Stadel (Antonia), Takahiro Nagasaki (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie)
So., 08. März 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Frederike Schulten (Die Muse & Niklas), Jacob Scharfman (Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel & Dapertutto), Sophie Naubert (Olympia), Andrea Stadel (Antonia), Takahiro Nagasaki (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie)
Fr., 20. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Frederike Schulten (Die Muse & Niklas), Jacob Scharfman (Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel & Dapertutto), Sophie Naubert (Olympia), Andrea Stadel (Antonia), Nathan Bas (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie)
So., 19. April 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Offenbach: Les Contes d’Hoffmann
Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Frederike Schulten (Die Muse & Niklas), Jacob Scharfman (Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel & Dapertutto), Sophie Naubert (Olympia), Andrea Stadel (Antonia), Takahiro Nagasaki (Leitung), Philipp Himmelmann (Regie)




