Opern-Kritik: Theater Magdeburg – Salome

Brutaler Dialog der Religionen

(Magdeburg, 5.5.2018) Regisseur Ulrich Schulz und GMD Kimbo Ishii sorgen für multiple Adrenalinstöße

© Nilz Böhme

Szenenbild aus "Salome"

Salome/Theater Magdeburg

Als Parodie einer Pietá beginnt dieses Passionsspiel ohne Erlösung: Auf ein Gitter gefesselt, Hände und Füße in Ketten, kommt der Wüstenprediger Jochanaan vor die gierigen Blicke der Prinzessin Salome von Judäa. Ein schleierartiges, schwarzes Tuch bedeckt zuerst Jochanaans vollbärtiges Gesicht. Sein Overall, den ihm Esther Bialas verpasst hat, leuchtet im aggressiven und sinnlichen Rot. Hier begehrt das Mädchen den Mann und artikuliert das selbstsicher.

Die brutalen Buße-Botschaften des gewaltbereiten Täufers, der die selbstbestimmte Erotik von Frauen geißelt, sieht man zum optimalen Verständnis auch als Schriftzüge: „Tochter der Unzucht!“ In der Oper Magdeburg bringt der Bühne und Regie verantwortende Ulrich Schulz also alle inneren Alarmsirenen zum Aufheulen. Zwischen radikaler Glückssuche und fundamentalistischem Ordnungsterror, egal welcher religiösen Schattierung, gibt es nichts.

Sprengstoff

Richard Strauss‘ prickelndes Musikdrama nach Oscar Wilde, der Dresdner Uraufführungsexzess von 1905, dieses lockende und publicityträchtige Gemisch aus Skandal und Sensationserfolg gewinnt Siedehitze durch Ulrich Schulz, GMD Kimbo Ishii und die stimmlich wie szenisch erregende Susanne Serfling als Salome. Verursacht werden die Adrenalinstöße durch Religionskonflikte, aber nicht mehr durch die vergleichsweise harmlose und bibelnahe Wollust des Sujets wie vor 113 Jahren.

Vier Sektionen bilden zu später Stunde eine knirschende Zusammenkunft der Abrahamitischen Religionen. Die fünf Juden schleudern ihr Entrüstungsquintett mit imponierend gemeißelter Präzision heraus. Soldaten und Bedienstete rekrutieren sich aus Muslimen oder Kopten. Die den Messias verkündenden Nazarener treten als orthodoxe Geistliche der Ostkirche auf.

© Nilz Böhme

Szenenbild aus "Salome"

Salome/Theater Magdeburg

Übergriffige Körperlichkeit

Auf offener Szene attackiert Jochanaan nicht nur Salome, sondern auch die männergierige Herodias. Sangmin Lee zeigt dafür eine imponierende stimmliche Gewaltbereitschaft, ebenbürtig den Posaunen von Jericho: Nach dem Crash mit Salome, die sich mit üppiger Vitalität und übergriffiger Körperlichkeit artikuliert, kehrt er nur kurz in sein Verließ zurück. Verzweifelte Aggression auf beiden Seiten. Erst auf den zweiten Blick gewahrt man die Blutspuren auf der Betonmauer.

Schöne Freie Welt im Nahen Westen

Nur die amoralischen Führungsspitzen kommen, erkennbar am hellen Blondhaar, aus der Schönen Freien Welt im Nahen Westen: Infantile Dummies sind sie, die animalisch regredieren und überreichlich Machtgene abbekommen haben. Herodes wühlt am liebsten im Glitzertand oder kniet zwischen den Beinen seiner Stieftochter Salome. Jonathan Winell, der auch stimmlich wachsweiche Hauptmann Narraboth mit strohblondem Scheitel, agiert so klebrig und neutral, dass sein blutiger Selbstmord als echte Überraschung zündet. Bezaubernde Familie. Zum Sympathieträger taugt allenfalls der Page. Stine Marie Fischer spielt eine kleine schwule Coming-of-age-Episode. Dieses kurze Hohelied der Liebe lagert als Idylle vor der Apokalypse.

Gelassen beobachten die Wachen, immer einen Finger am Gewehrabzug. Nur bei Salomes Tanz öffnen sich die Vorhänge des Partypavillons und geben den Blick frei auf eine plakative Orgie. Burkas, Gewehre, Jackets fallen. Im Rotlicht schreit laute Gier nach Vereinigung mit den islamischen, christlichen, hebräischen Fremden.

Orientierungsverlust

Susanne Serfling als Salome bleibt Kindfrau bis zum Schluss, noch wenn sie sich schwarz umhüllt und zur Waffe greift. Die beim Tanz der sieben Schleier verdreifachte Salome zieht ihre Kreise als sexuelles Opfer und zugleich sexuelle Aktivistin, ein bizarrer Kontrast. Lasziv spreizt sie die aufreizenden Beine. Staunen kann sie nur über die bremsenden Barrieren auf ihrem Weg zur Lust. Genial: Susanne Serfling setzt gläserne Spitzentöne, lallt und gluckst ihre Texte, schaltet mit Biss blitzschnell um auf bravourös attackierende Ausbrüche. Ihre Salome ist eine totsichere Strategin, die alle Probleme mit Sexappeal enthebelt und nichts verloren hat außer sich selbst.

© Nilz Böhme

Szenenbild aus "Salome"

Salome/Theater Magdeburg

Ulrich Schulz riskiert einige Widersprüche mit dieser szenischen Argumentation. Stellenweise polarisiert und polemisiert er bis zur grotesken Überspitzung. An einigen Stellen erstarren die Figuren und fallen, so beim ersten Auftritt Jochanaans, etwas aus der Aufmerksamkeit. Diese Irregularitäten heizen andere Szenen umso machtvoller auf.

Schürfende Reibungsattacken im glänzenden Orchester

Dafür kommen die Musiker unter Kimbo Ishii keine Sekunde der pausenlosen 100 Minuten zur Ruhe. Immer bilden die Streicher das runde, dichte Netz des Orchestergeflechtes. Jeder Bläsereinsatz hat solistische Glanzqualität und eine dramatisch bedeutsame Stimme. Kimbo Ishii holt alles, was geht, aus der genialen Partitur mit ihren schwülen Melodien und dem hier so bedrohlich eingesetzten Schlagwerk. Die Magdeburgische Philharmonie will lieber schürfende Reibungsattacken als süffige Kulinarik und zeigt das in Hochform. Beim Schlussgesang setzt sie noch eines drauf und steigert das lange Solo Salomes zum Minidrama, dem die Regie keine Intimität gönnt und mit Videoprojektion zum medialen Spektakel weitet.

Indes verzehrt Undine Dreißig als Mutter Herodias ein sahniges Dessert, lutscht versonnen am Löffel und beobachtet genüsslich das erotische Spiel ihrer Tochter mit dem abgeschlagenen Haupt Jochanaans. Gegen diese persönlichkeits- und stimmstarke Fürstin ist Herodes ein Zwerg von moralischer und körperlicher Impotenz. Manfred Wulfert zieht in diesem enervierenden Ehe- und Macht-Pingpong den Kürzeren, charakterisiert das mit Penetranz. Wenn die Juden mit Steinen auf Salome zielen, blendet eine Neonleiste gnädig auf. Heilsbotschaften und Rettungsversuche haben sich erledigt. Langer Applaus.

Theater Magdeburg
R. Strauss: Salome

Kimbo Ishii (Leitung), Ulrich Schulz (Regie & Bühne), Esther Bialas (Kostüme), Susanne Serfling (Salome), Sangmin Lee (Jochanaan), Manfred Wulfert (Herodes), Undine Dreißig (Herodias), Jonathan Winell (Narraboth), Stine Marie Fischer (Page der Herodias), Peter Diebschlag, Alejandro Muñoz Castillo, Yong Hoon Cho, Chan Young Lee, Frank Heinrich (Fünf Juden), Markus Liske, Johannes Stermann (Zwei Nazarener), Magdeburgische Philharmonie

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