Opern-Kritik Wiener Staatsoper – Die Weiden

Wenn die Dämme brechen

(Wien, 11.12.2018) Die Wiener Staatsoper glänzt endlich wieder mit einem packenden Stück neuen Musiktheaters: Komponist Johannes Maria Staud, Autor Durs Grünbein und Regisseurin Andrea Moses verantworten es gemeinsam.

Die Weiden/Wiener Staatsoper: Rachel Frenkel (Lea, eine junge Philosophin) und Tomasz Konieczny (Peter, ein junger Künstler) © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH

Szenenbild aus "Die Weiden"

„Donau so blau“ – so walzert es ganz von selbst, wenn man an Wien denkt. „Dorma so braun“ – hört und sieht man jetzt in der Wiener Staatsoper. Nach acht Jahren hat das Haus, an dem täglich (!) gespielt wird, mit „Die Weiden“ endlich wieder mal eine Uraufführung zu vermelden. Dazu eine, die es durchaus in sich hat. Nicht nur, weil zeitgenössische Musik mit ihrem Streben nach Originalität eine besondere Herausforderung ist. Da gibt es schrägere, abgehobenere Klangsprachen, als die des 1974 in Innsbruck geborenen Komponisten Johannes Maria Staud. Schon lange hat sich aber keine Opernnovität so direkt dem politischen Diskurs der Gegenwart gestellt.

Eine Opernnovität, die politische Diskurse der Gegenwart direkt spiegelt

Szenenbild aus "Die Weiden"

Die Weiden/Wiener Staatsoper © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH

Mitten in der Hauptstadt des schwarz-blau regierten Österreich werden hier die eigene Erinnerungskultur, die Ressentiments gegen Fremde schürende Heimatrhetorik der Rechtspopulisten auf der Bühne verhandelt. Das kommt nicht als plattes irgendwie linkes Agitprop-Theater daher, ist aber doch so deutlich, dass man es nicht überhören kann. Die Inszenierung von Andrea Moses (die auch in den Entstehungsprozess einbezogen war) verfremdet das kritische Potenzial der Vorlage nicht, sondern findet überwiegend klare, sinnliche Bilder. Wie Jan Pappelbaum (Bühne), Kathrin Platz (Kostüme) und Arian Andiel (Video) die projizierten Flusslandschaften hinter den beiden Insel-Drehscheiben, mit den abgestorbenen Weiden, dem schwebenden roten Kanu für die Flussfahrt, aber auch die Tafel bei Peters Eltern, die Demagogenrede auf dem Dorfmarktplatz oder die am Ende einsetzende Naturkatastrophe zu einer Bühnenästhetik aus schnell wechselnden Bildern formen, das ist überzeugend und prägt sich ein.

Die Leute „von hier“ und die „dazugekommen“ sind

Das Stück aus sechs Bildern (plus vier Passagen und einem Zwischenspiel) beginnt in New York bei Leas Eltern (Monika Bohinec und Herbert Lippert). Ziemlich nobel, nicht ganz frei vom Klischee, mit einem echten Schiele-Bild auf der Staffelei und einem Blick auf Manhattan. Die junge Philosophin und Tochter jüdischer Eltern bricht von hier zu einer Reise in die frühere Heimat (das Land am Fluss Dorma) ihrer Vorfahren auf und unternimmt mit ihrem Liebhaber Peter eine Bootsfahrt in dessen Heimat. Bis zu seinen Eltern. An deren Tafel die Mutter (Donna Ellen) in Richtung von Lea sagt, wie schade es doch ist, dass manche Menschen nachtragend seien. Und wo zum Dessert Waffen verteilt werden.

Szenenbild aus "Die Weiden"

Die Weiden/Wiener Staatsoper: Thomas Ebenstein (Edgar, Peters alter Schulfreund), Andrea Carroll (Kitty, Edgars Geliebte), Rachel Frenkel (Lea, eine junge Philosophin) und Tomasz Konieczny (Peter, ein junger Künstler) © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH

Was in Österreich durchaus ein Fingerzeig auf Elfriede Jelineks erinnerndes „Rechnitz“ Stück ist. Sie treffen bei ihrer Fahrt dorthin ein Hochzeitspaar – auch Peters Schulfreund Edgar (Thomas Ebenstein) ist „von hier“ und Kitty (Andrea Carroll) „dazugekommen“ und erst durch die Heirat „legal“. Und auf den Komponisten Krachmayer: Udo Samel, ein Guru mit langen weißen Haaren.

Die Mitläufer-Karpfenköpfe

Seine demonstrative Vorliebe für Richard Wagner gilt wohl nicht nur dessen Opern, sondern ebenso dessen Schrift übers Judentum in der Musik. Kann man zumindest seinem gewichtigen Gerede entnehmen. Der Librettist Durs Grünbein hat in der Eingangsszene in New York die Geschichte der Judenverfolgung und des Holocaust in einen (flott swingenden) Song von den Karpfenmenschen gegossen. Diese Karpfen, die sich im Schlamm wohlfühlen, stehen für die Mitläufer, die Täter, die Wegseher.

Bierzeltdemagoge im Postkartendorf

Genau diese Karpfenköpfe sieht Lea irgendwann auf den Schultern von Peters Leuten wie sie ihre Mäuler bewegen. Bei seiner Familie und vor allem bei jener Versammlung auf dem idyllischen Marktplatz eines Postkartendorfes irgendwo in der Nähe der östlichen Grenze, auf dem ein Bierzeltdemagoge eine kernige Rede hält, wie sie heute nicht nur in dieser Gegend gehalten werden.

Szenenbild aus "Die Weiden"

Die Weiden/Wiener Staatsoper: Udo Samel (Krachmeyer, Komponist, Freund von Peters Familie) © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH

Wie die Fallhöhe zur Tauchtiefe wird

Was sonst als Fallhöhe daher kommt, könnte man hier eher Tauchtiefe nennen. In den metaphorischen Fluss, dessen Name Dorma nicht zufällig nach Donau klingt, sich aber auch mit Elbe übersetzten ließe. Gebrochen wird die Geschichte noch durch eine Fernsehreporterin (Sylvie Rohrer) und ihr Team, die von der großen Überschwemmung des Flusses berichten, die die realen und metaphorischen Dämme brechen lässt. Und von den zwei Paaren, die vermisst werden.

Das Verhältnis aus realer Geschichte und tieferer Bedeutung gerät vor allem in Grünbeins Libretto gegen Ende etwas aus der Balance. Im Programmheft ist ein Epilog abgedruckt, der auf der Bühne dann doch etwas zu viel gewesen wäre. Grünbein ist halt in erster Linie ein Dichter und Poet und erst danach Librettist. Am Ende gehen nicht nur Edgar und Kitty unter, sondern auch Peter wird von einer Flut mitgerissen. Aber nicht von strömendem Wasser, sondern von entschlossen marschierenden, schwarz gekleideten Männern. Lea aber begegnet mit dem Zug der Deportierten der Vergangenheit, ihren Vorfahren und damit sich selbst.

Szenenbild aus "Die Weiden"

Die Weiden/Wiener Staatsoper: Rachel Frenkel (Lea, eine junge Philosophin) © Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH

„Die Weiden“ von Johannes Maria Staud: Eine Komposition von unheildräunder Dichte

Staud passt die musikalische Sprache des Orchesters in den Rezitativen eng an das gesprochene Wort an. Lässt es öfter mal auch einfach alleine weiterlaufen. In den instrumentalen Zwischenspielen oder beim vollen Orchestereinsatz gelingt ihm allemal eine atmosphärische oder gar unheildräuende Dichte, die sozusagen den Schlamm am Grunde des metaphorischen Stromes mitdenkt. Einmal klingt es so, als würde Glas zersplittern. Wer an die Pogromnacht der Nazis vor 80 Jahren erinnern wollte, könnte das so klingen lassen. Staud zitiert aber auch ganz direkt Wagners Meistersinger– und Tristanmusik. Das ordnet er ebenso unverblümt denen zu, gegen deren dumpfen Heimat-Populismus sich er, sein Librettist Durs Grünbein und Andrea Moses und ihr Regieteam stellen.

Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper spielt Ingo Metzmacher seine große Affinität zur Moderne voll aus. Exzellent gelingt die Anreicherung des Orchestersklangs mit Atem- und Hauchgeräuschen, verfremdetem Plätschern und Zwitschern sowie mit elektronischen Klangzugaben, die vom SWR Experimentalstudio beigesteuert werden.

Das funktioniert durchweg fabelhaft und sorgt für einen Klang, der den Raum füllt. Rachel Frenkel (deren rotes Kostüm, an das Mädchen im roten Kleid in Schindlers Liste erinnert) ist eine, wenn auch eindimensionale, so doch intensive Lea. Herausragend in seiner vitalen Präsenz der Peter von Tomasz Konieczny. Die Wiener Staatsoper glänzt das erste Mal nach Aribert Reimanns „Medea“ wieder mit einem packenden Stück neuen Musiktheaters, das nicht kalt lässt.

Wiener Staatsoper
Staud: Die Weiden

Ingo Metzmacher (Leitung), Andreas Moses (Regie), Vicki Mortimer (Ausstattung), Jan Pappelbaum (Bühne), Kathrin Plath (Kostüme), Rachel Frenkel, Tomasz Konieczny, Thomas Ebenstein, Andrea Carroll, Sylvie Rohrer, Udo Samel, Monika Bohinec, Herbert Lippert, Donna Ellen, Alexandru Moisiuc, Wolfgang Bankl, Katrina Galka, Jeni Houser

Durs Grünbein und Johannes Maria Staud geben Einblicke in die Inszenierung:

Weitere Termine: 14., 16. & 20.12.2018

Kommentare sind geschlossen.