Opern-Kritik: Staatstheater Darmstadt – Lucrezia / Faust et Hélène

Wirklichkeit und Illusion

(Darmstadt, 9.4.2021) Mariame Clément vereint Händels Kantate „Lucrezia“ und Lili Boulangers „Faust et Hélène“ zu einer überraschend überzeugenden Einheit.

© Nils Heck

„Lucrezia“ – Lena Sutor-Wernich

„Lucrezia“ – Lena Sutor-Wernich

Verstört und zitternd kommt Lucrezia von einer Party nach Hause, schnell schließt sie sich in ihrem Badezimmer ein. Der kleine Raum ist gewöhnlich, beengend, das Licht kalt, abweisend und trostlos. Lucrezia bricht zusammen, übergibt sich, verschwindet in der Dusche. Ihr schwarzes Glitzerkleid liegt auf dem Fußboden. Lange bleibt der Duschvorhang geschlossen. Sie versucht das Geschehene wegzuspülen.

Händels „Lucrezia“ entstand zwischen 1706 und 1707. Das ist drei Jahrhunderte her, umso erschreckender ist die Aktualität, die dem inneren seelischen Kampf der tragischen Titelfigur noch immer zuzuschreiben ist. Lucrezia ist das Opfer einer Vergewaltigung. Doch ist es nicht die Tat, die im Mittelpunkt der halbstündigen Kantate steht, es sind die Folgen, die dem Zuschauer vor Augen geführt werden; und die sind fatal – damals wie heute.

Hoher Grad an Realismus

Regisseurin Mariame Clément, deren „Don Quichotte“ bereits bei den Bregenzer Festspielen 2019 für Aufsehen sorgte, katapultiert die Handlung des altrömischen Gründungsmythos in die Gegenwart und setzt den rahmenden Realismusgrad auf eine hohe Stufe – die Wirkung ist intensiv. Lucrezias Kampf mit sich selbst und ihr verzweifelter Versuch des normalen Weiterlebens fühlen sich überraschend echt an. Wut, Reue, Rachegelüste und Ekel stehen im ständigen Wechsel, was nicht nur in Händels impulsiv stimmungsschwankender Musik spürbar ist.

Lena Sutor-Wernich trägt die beklemmende Stimmung mit ihrem dunkel gefärbten Mezzosopran mehr als glaubwürdig. Ihr Monolog ist Ausdruck der seelischen Isolation, stark und verletzt in gleicher Weise. Obwohl Händels Kantate eigentlich mehr eine Momentaufnahme beschreibt, wirkt der Vorgang wie großes Operndrama. Dafür sorgen unter anderem auch geschickt eingegliederte Zeitsprünge, die zwischen einzelnen Nummern zunächst drei Stunden, dann drei Wochen und schließlich drei Monate vergehen lassen. Die Schwere und Langwierigkeit der Folgen wird dadurch unmittelbar, immer deutlicher die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Protagonistin.

Opfer sind keine Mittäter

© Nils Heck

„Faust et Hélène“ – Julian Orlishausen, Lena Sutor-Wernich

„Faust et Hélène“ – Julian Orlishausen, Lena Sutor-Wernich

Von Anfang an läuft die gesamte Szenerie auf den Suizid Lucrezias hinaus. Schließlich kommt der Moment. Der Abschiedsbrief ist geschrieben, die Schlaftabletten werden zum Munde geführt. Aber Lucrezia schmeißt sie von sich. Stürmisch verlässt sie den Raum. Mit dieser Geste widersetzt sie sich dem lange überholten, falschen Heroismus des Freitods als vermeintlich einziger Flucht vor einem Schicksal, das noch schlimmer sei als der Tod. Alles Farce – schädliche Überbleibsel einer alten, von Männern geschaffenen Weltanschauung. Denn eine vergewaltigte Frau ist Opfer eines Verbrechens, keine Mittäterin – das gilt auch für Lucrezia.

Brücke zwischen zwei Welten

Szenenwechsel ins parallele Kontrastprogramm. Mit Lili Boulangers leider selten gespielter Kantate „Faust et Hélène“ aus dem Jahr 1913 wird eine gegensätzliche Welt aufgezogen, die in ihrem Kern jedoch gleiche Inhalte birgt. Der vorige Realismus wird zur Abstraktion, Sein wird Schein, Wahrheit wird Illusion. Julia Hansens Bühnenbild, das von der ursprünglich geplanten „Don Quichotte“-Inszenierung übernommen wurde, verwandelt sich vom alltäglichen Badezimmer in eine Zauberermanege, in der der Zauberer Méphistophélès (Julian Orlishausen) die Träume des geistig nimmersatten Faust (David Lee) unwirkliche Wirklichkeit werden lässt. Auch Lucrezia ist dabei, als Stumme Zeugin eines dem ihrigen ähnlichen Schicksals und als Brücke zwischen den beiden Welten.

Unfreiwillige „femme fatale“

Händels barocke, klangliche Nostalgie wird dabei von einer farbvollen, intensiven, vollmundigen und packenden Tonsprache abgelöst. Diese hatte der jung gestorbenen Lili Boulanger ihrerzeit als erster Frau überhaupt den unter Komponisten so heiß begehrten Prix de Rome eingebracht. Das Staatsorchester Darmstadt unter der Leitung von Daniel Cohen liefert einmalige Klänge mit Kraft und Präzision.

© Nils Heck

„Faust et Hélène“ – David Lee, Solgerd Isalv

„Faust et Hélène“ – David Lee, Solgerd Isalv

Makabres Treiben, das einem finalen Hexensabbat gleicht, begleitet die Erweckung Hélènes (Solgerd Islav), der schönsten aller Frauen, die der fanatische – und mit hoch greifendem Tenor glänzende – Faust für sich gewinnen will. Doch auch sie, die unfreiwillig in die Rolle einer „femme fatale“ gedrängt wird, ist – wie Lucrezia – nichts weiter als ein Objekt der Begierde. Von Faust bedrängt, als Schaufensterpuppe in einzelne Körperteile zerlegt, ist sie wehrlos, dem Willen anderer ausgeliefert. Und trotzdem ist es stets die Frau, die Schuld und Strafe tragen muss.

Gekrönt von intensiver Musik

Mariame Clément nähert sich einem heiklen Sujet mit beeindruckender Unmittelbarkeit und Aktualität und vereint in der insgesamt einstündigen Produktion zwei entstehungszeitlich wie stilistisch völlig unabhängige Werke zu einer überraschend überzeugenden Einheit. Neben der kleinen Vokalbesetzung, die eine starke gesangliche und schauspielerische Leistung zeigt, lebt die Inszenierung vor allem vom direkten Austausch von Realem und Surrealem. Gekrönt wird das Ganze von der intensiven Musik Händels und Boulangers; insbesondere mit dem Schaffen letzterer ist eine gründlichere Auseinandersetzung absolut lohnenswert.

Staatstheater Darmstadt
Händel: Lucrezia / Boulanger: Faust et Hélène

Daniel Cohen (Leitung), Mariame Clément (Regie), Julia Hansen (Bühne & Kostüm), Lena Sutor-Wernich, Solgerd Islav, David Lee, Julian Orlishausen, Staatsorchester Darmstadt

Weitere Streaming-Termine am 11., 16. & 24.4., jeweils 19:30 Uhr

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