Opern-Kritik: Das Meininger Theater – Der Barbier von Sevilla

Tempo, Tempo!

(Meiningen, 14.10.2016) Lars Warnecke inszeniert Rossini als abendfüllendes Tanz- und Straßentheater

© Marie Liebig

Meiniger Theater/Der Barbeier von Sevilla

Die Theaterstadt Meiningen im Werratal ist ein historistisches Kulturbad zum Eintauchen und Verlieben. Sie hat ein Publikum, das sein riesiges Theater aufrichtig schätzt und aus der Rhönregion und Franken regelmäßig anreist. Nachts strahlen das Schloss Elisabethenburg und vielleicht noch stärker der Theatertempel. Nach der Premiere von Rossinis Il barbiere di Siviglia akzentuierte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zwanglos die wichtige Bedeutung des Meininger Theaters gegen Fremdenhass und Ausgrenzungen. Insofern zeigte dieser Abend neben der künstlerischen ebenso viel politische Bedeutung.

Die Tagträume des Signor Figaro

Noch vor Beginn der Ouvertüre wummern Techno und verpoppter Rossini aus dem Radio. Figaro wartet in seinem abwrackendem „Barbershop“ auf Kunden, irgendwo im Heute. Niemand kommt. Dann schneidet er sich auch noch beim Rasieren vor den erblindenden Spiegeln und versinkt frustriert in sich – Figaros Tagträume gewinnen Gestalt. Helge Ullmann setzt einen riesigen Barbierstuhl auf die Hauptbühne und ermöglicht so ein Spiel zu ebener Erde und im ersten Stock, auf der Sitzfläche. Die Rückenlehne wird zum Balkon von Bartolos Haus, aus dem Rosina um jeden Preis raus will. Das gesamte Handwerkszeug Figaros – Lockenwickler, Kämme, Scheren – spielen riesenhaft mit. Die Darsteller wuseln alle wie Ameisen über den Boden. Und der Strichcode einer Kosmetiktube wird für Graf Almaviva in der Musikstunde zur Klaviertastatur. In dieses Ambiente braust Figaro herein auf seinem multifunktionalen Barbiermobil im Rasierpinsel-Design. Das gibt ihm wenigstens im Traum ein paar Streicheleinheiten für’s Ego. Wenn Rosina und Almaviva sich endlich kriegen und der ausgeschmierte Bartolo das Nachsehen hat, beginnt für Figaro der traurige Feierabend.

Commedia dell’arte um den Friseurstuhl

Böse Bitternis gewinnt die Inszenierung des Musiktheater-Oberspielleiters Lars Warnecke auf den zweiten Blick. Was schiebt Figaro für einen Frust, dass er Menschen oder Kunden nur als aufgezogene Automatenfiguren wahrzunehmen vermag? Mit überzogenen Commedia dell’arte-Bewegungen tänzeln und gestikulieren menschliche Hülsen abendfüllend dahin. Gefühle: Fehlanzeige. Die Komödie schnurrt durch, Situationswitz wird gerade deshalb stellenweise ausgebremst. Offenbar sucht Lars Wernecke von den ihn umtreibenden Powerthemen Entspannung in Rossinis genialer Opera buffa. Dabei hatte doch Beaumarchais die Floskeln der Typenkomödie charakterisierend aufgeladen und damit Rossinis musikalischen Witz erst ermöglicht.

Unsere Gegenwart bricht in das Jahrmarktbuden-Spanien von Figaros Traum, wenn Almaviva mit Munitionsweste- und -gürtel an der Spitze einer Soldateska aus dem Nahen Osten zur wie eine aufgezogene Ballerina agierenden Rosina eindringt. Tatsächlich ist der Meininger Barbier von Sevilla ein abendfüllendes Tanz- und Straßentheater, vom Regisseur ohne Beistand von Ballett-Seite ganz allein realisiert.

Weich fließender Rossini

Der als Gast ans Haus geholte Barbiere-Experte Stefano Seghedoni zeichnet eher die feinen und sanften Töne. Dabei hätte die Szene doch mehr rhythmische Motorik und Befeuerung als den lyrischen Kanzonenton gebraucht. Die Meininger Hofkapelle ist souverän von Brahms bis Reger und hat heute einen Ruf bei Werken des „kräftigen“ Belcanto und frühen 19. Jahrhunderts. Die beiläufigen Beschleunigungen und mit listiger Lust zelebrierten Rossini-Delikatessen kommen sicher noch in den Folgevorstellungen. Das Publikum reagierte mit Sympathie auf diese labile Balance: Liebevoller und lautstarker Applaus im ersten Teil nach fast jeder Arie, später gaben sich die Anwesenden etwas zurückhaltender, um dann an Ende ihr „Ja“ deutlich und einmütig zu demonstrieren. Das ist ebenso als eindeutiges Bekenntnis zum Theater an den hohen politischen Besuch adressiert.

Turbodrive und Turbulenzen

In das nicht immer ganz homogene Räderwerk zwischen Motorik, Tanz, Pointen und lyrischer Linie geraten vor allem die Solisten. Siyabonga Maqungo macht im Lauf des Abends immer deutlicher, wer bei Rossini die musikalische und dramatische Führung innehat. Die Stärke des jungen Südafrikaners ist sein sängerisches Flirtpotenzial für den Lover Almaviva, dem er ein stetig feines Leuchten im Ton wie in den schön verblendeten Koloraturen gibt. Eigentlich ideal für eine Rosina ist das zwischen Sopran und Mezzo farbreich changierende und kräftige Timbre von Carolina Krogius. Ungebremste extrovertierte Energie hat sie überdies. Figaro kann in dieser Rahmenhandlung nicht der forsche Sonnyboy sein, noch in den Prahlereien scheint die reale Situation durch. Dae-Hee Shin hält sich deshalb in den hochtourigen Momenten etwas zurück. Die Krone gebührt Marián Krejcik. Dieser Bartolo, ein intellektueller „Trachtenvogel“ mit schütterer blonder Wallemähne und roten Socken, schmachtet und schachert hinreißend trocken um Rosina. Deshalb entfesselt er gehöriges Humorvolumen und reißt genauso imponierend die aberwitzigen Parlandofolgen. Mikko Järviluoto spielt die Verschlagenheit des Musiklehrers Basilio nicht so aus, wie er kann und will. Seine Fiesitäten und die hintergründige Abgebrühtheit gehen im Turbotempo unter, das nur Monika Reinhard an manchen Stellen aufhält. Sie setzt hier als Berta einen lyrischen Gegenpol an unerwarteter Stelle.

In den letzten Strophen des Vaudeville-Finales findet sich Figaro allein in seinem Frisiersalon. Das geht fast unter, weil man am Ende erschlagen ist von Turbodrive und Turbulenzen. Stillstand im Trubel von Bewegung und Beschleunigung bis in unsere Träume? Das ist ein möglicher und gewiss bedeutsamer Aspekt – doch Rossinis Geist und das, was Heinrich Heine an ihm „Tiefe“ nannte, kamen ein bisschen ins Hintertreffen.

Das Meininger Theater

Rossini: Il barbiere di Siviglia (Der Barbier von Sevilla)

Stefano Seghedoni (Leitung), Lars Wernecke (Regie), Helge Ullmann (Bühne & Kostüme), Martin Wettges (Chöre), Siyabonga Maqungo, Dae-Hee Shin, Marián Krejčik, Carolina Krogius/Elif Aytekin, Mikko Järviluoto, Monika Reinhard/Sonja Freitag, Sang-Seon Won, Herrenchor des Meininger Theaters, Meininger Hofkapelle

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