Rossini: Der Barbier von Sevilla

(UA Rom 1816)

Die Ouvertüre klatscht in die Hände, und alle dienstbaren Geister trippeln herbei und verneigen sich: Worum geht es bitte? Graf Almaviva will die junge, begüterte Rosina aus den Fängen ihres gierigen Vormunds Don Bartolo befreien und zu seiner Gräfin machen. Figaro, der gewitzte Barbier, und Basilio, der schmierige Gesangslehrer, sollen dabei helfen. Mit Marzelline, Haushälterin und Gouvernante, wird man schon fertigwerden – geht in Ordnung! Wie fangen wir an? Mit einer Morgenmusik für Rosina – Musikanten her! Almaviva muss zahlen.

Rossini war als Komponist so einfallsreich wie als Koch – man nehme: Eine saftige, leicht fassliche Melodie, eine würzige, muntere Begleitung, schüttele beides zwischen Tonika und Dominante hin und her, dann koche man es unter ständigem Umrühren des Dirigenten auf, bis es schaumig wird. Jede Nummer ist ein musikalischer Leckerbissen!

In der Zeit des Belcanto gehörte es zum guten Ton, Arien auszuzieren. Dabei beriefen sich die Sänger/innen auf barocke Praktiken. Rossini soll gelegentlich seinen Hut gelüftet haben, wenn er eine seiner Arien noch wiedererkannte. Aber er war eine zufriedene Natur: Er duldete, dass von Anfang an die Koloratursopranistinnen seine für einen Koloraturmezzo geschriebene Rosina adaptierten. Dafür müssen Passagen punktiert (höhergelegt) oder ganze Nummern transponiert werden. Als Mezzo ist Rosina natürlich und sinnlich, als Sopran ist sie brillant und frech – wer die Wahl hat ...

Das Personal kennen wir! Beaumarchais, der „Sturmvogel der französischen Revolution“, hatte zwei Komödien vorgelegt: Der Barbiert von Sevillia (1775) und Die Hochzeit des Figaro (1784). Mozart vertonte letztere 1784, Rossini erstere 1816 – die Handlung bei Rossini geht der Handlung bei Mozart voraus – verwirrend!

Almaviva ist bei Rossini Tenor, „wird“ bei Mozart Bariton, Rosina ist bei Rossini Mezzo, „wird“ bei Mozart Sopran, Bartolo bleibt Bass, wechselt aber beruflich vom Apotheker zum Advokaten, Basilio bleibt Gesangslehrer, wechselt aber vom Bass zum Tenor, Marzellina wechselt vom Sopran zum Alt, Figaro schließlich ist bei Rossini Bariton, „wird“ bei Mozart Bassbariton und macht – aufgrund seiner Verdienste um Graf Almavivas Vermählung – Karriere vom Barbier zum Kammerdiener. Noch Fragen? Ja, diese: Haben (bei Rossini) Bartolo und Marzelline ein Verhältnis gehabt? Denn „später“ (beim „früheren“ Mozart) stellt sich heraus, dass Figaro beider Sohn ist.

Die modernste Erfindung Rossinis ist die „musikalische Dampfmaschine“: Lagen im zweiten Finale des Figaro aller Nerven blank, so wird im ersten Finale des Barbier daraus eine Maschine, die in rasendem Tempo und idiotischem Leerlauf Silben und Töne produziert. Die Maschinenassoziation wird vom Sistrum ausgelöst, einem schellenähnlichen Schlaginstrument, das auf jeder letzten Zählzeit dieses „Viertakters“ zischt, als wäre ein Ventil undicht – und in der Tat scheinen alle Personen dieser akrobatisch virtuosen Buffa nicht ganz dicht zu sein.

(Mathias Husmann)

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