Opern-Kritik: Deutsches Nationaltheater Weimar – Lohengrin

Wagner: Lohengrin

(Weimar, 7.9.2013) Lohengrin als die Uraufführung wiederbelebendes Spiel im Spiel

© Matthias Horn

Deutsches Nationaltheater Weimar

Wer das Opernmärchen vom Schwanenritter am Ort der von Franz Liszt anno 1850 geleiteten Uraufführung im Wagnerjahr 2013 neu inszenieren darf, braucht gute Nerven und gute Ideen: Eines der spannendsten jungen deutschen Regieteams hat beides. Tobias Kratzer und Rainer Sellmaier haben zuletzt in Bremen mit ihrem zwischen Bankern, Theaterleuten und Terroristen angesiedelten Tannhäuser gezeigt, wie sich Wagners dualistisches Weltbild frisch und frech in die Gegenwart übertragen lässt. Der Lohengrin, neben Goethes Faust die Eröffnungspremiere der neuen Intendanz von Hasko Weber am Nationaltheater Weimar, ist freilich eine deutlich härtere Nuss. Ganz geknackt haben die Gewinner des Grazer Regiewettbewerbs „ring.award“ von 2008 sie zwar nicht. Viel mehr als die beiden klugen jungen Wilden ist indes kaum zu schaffen. Denn Wagners romantische Oper ist und bleibt ein problematisches Stück, das man jedenfalls in Deutschland kaum mehr unbelastet hören und sehen kann. Die martialischen „Heil“-Rufe, das plärrende Blech, manch unausgegorene kompositorische Struktur, zumal im ersten Aufzug, die Beschwörung der Gefahren aus dem Osten, die Figur eines allzu strahlenden Heilsbringers – man muss trotz aller gralsgeigenflirrenden Schönheit der Partitur und der psychologisch spannenden Paarbeziehung von Elsa und Lohengrin im Zeichen des Frageverbots dennoch immer wieder schlucken  – in der Weimarer Inszenierung mitunter sogar mehr als sonst.

Kratzer und Sellmaier wagen dazu die Versuchsanordnung des Spiels im Spiel. Im Vorspiel der Oper erblicken wir eine tief deprimierte Gesellschaft des Heute, die den hier evozierten Zauber der Musik gar nicht zu spüren scheint. Dennoch erblicken wir den Schriftzug „Wir warten auf das große Wunder“. Ein kleiner Junge, der spätere Gottfried und Schwan, findet in einer alten Kiste den Klavierauszug des Lohengrin, dazu die zentralen Requisiten des Stücks, Helme für die diversen Protagonisten, dazu Krone und Schwert des Schwanenritters. Der Heerufer reicht sie als Spielmacher den einzelnen Mitgliedern des Kollektivs. Den Bösewicht Telramund wollen gleich zwei Herren mimen, den König übernimmt ein Koreaner nur widerwillig und singt ihn später, zumal bei den kriegsbegeisterten Textstellen, mit sichtlichem Unbehagen. Den Strahlemann Lohengrin selbst will zunächst gar keiner spielen, obwohl die Damen des Chores ihre Kollegen eifrig animieren. Erst als Elsa gar herzerweichend fleht, entscheidet sich ein junger Mann, ihr beizuspringen, seine Courage scheint er jedoch alsbald zu bereuen. Einmal ins Spiel gerufen gibt es nun aber kein Zurück mehr. Die der Uraufführung nachempfundenen Kostüme werden angelegt – und los geht’s mit einer Art Lohengrin-Laienspiel, das geradewegs an die abgestandene Operngestik des 19. Jahrhunderts anknüpft. Das ist ungeheuer komisch und mit größter Präzision durchgeführt.

Und natürlich ist dieser Ansatz der Brechung eine Gratwanderung – zwischen dem immer drohenden Absturz in die Verballhornungsironie, dem Versuch, ein gleichsam unschuldiges Märchen zu erzählen, und der spannenden Frage, an welchem Punkt das spätpubertäre Spiel denn nun in die Wirklichkeit kippen muss. Die Entzauberung des Gralsritters beginnt dabei bereits mit seinem Auftritt, denn sein Zauber ist ja hier nur eine gesellschaftliche Zuschreibung, entspringt ja nicht dem wahrhaft göttlichen Wesen des „ganz Anderen“. Wagners Religionskritik wird überdeutlich geschärft in eine transzendenzfreie Gegenwart weitergedacht, die aber immerhin noch den Traum des Utopischen kennt. Der virtuos gearbeitete Ansatz der Inszenierung hat nur den Nachteil, dass uns die Schicksale der Figuren über zwei Akte lang kaum etwas angehen. Das kurzweilige Spiel hat etwas Selbstzweckhaftes, dabei stets Unterhaltsames, die Tragik Elsas und Lohengrins gleichwohl zunächst Unterlaufendes.

Um Desavouierung geht es den Weimaraner Wagnerwaghalsigen aber nicht. Denn die Ironisierung läuft mit Konsequenz auf das böse Ende hin, bis zu dem sich die reale Wirklichkeit des Spiels zunehmend bemächtigt. Die klugen Intriganten Ortrud Telramund sind die ersten, Spielmacher Heerrufer ist der letzte, der aus der Versuchsanordnung des Spiels aussteigt, die Tragödienwirklichkeit einräumt und uns schließlich wie weiland der Bajazzo sagen will: „La commedia è finita“. Der Ausgang der Geschichte ist dann zwar nicht wirklich überraschend, und doch überwältigt er: Ein Haufen der nun komplett abgelegten historischen Klamotten begleitet den Einbruch des psychologischen Realismus in das Spiel. Und wir werden auf einmal – und das ist bestürzend – gefragt, was denn blindes Vertrauen, was Romantik und Zauber in der Liebe heute heißen könnten.

Beglaubigt wird dieser Lohengrin durch intensive Singschauspieler: Heiko Börner als spießbürgerlich ungöttlicher Lohengrin, Johanni van Oostrum als sehr moderne Elsa und Andrea Baker als urweibisch böse Ortrud – mit ihr erreicht der von Stefan Solyom temporeich energisch dirigierte Abend auch musikalisch Metropolenformat. Alles in Allem: In Weimar ist ein leichtgängiger und dabei gewichtiger Beitrag zum Wagner-Jahr zu besichtigen.

Deutsches Nationaltheater Weimar

Wagner: Lohengrin

Ausführende: Stefan Solyom (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Rainer Sellmaier (Ausstattung), Heiko Börner, Johanni van Oostrum, Andrea Baker, Bjørn Waag

Termine: 29.09., 16:00 Uhr; 13.10., 16:00 Uhr; 02.11., 17:00 Uhr; 30.11., 17:00 Uhr; 26.12., 17:00 Uhr; 09.02.14, 16:00 Uhr; 22.03., 17:00 Uhr & 18.04., 17:00 Uhr

Weitere Termine der Deutschen Nationaltheaters Weimar finden Sie hier.

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