Opern-Kritik: Dvořák Festival Prag – Alfred

Wagners schlechteste Oper?

(Prag, 17.9.2014) Späte Uraufführung des Opern-Erstlings von Antonín Dvořák

© Martin Divíšek/Dvořákova Praha

Über Richard Wagners groß gedachten, ziemlich präpotent überambitionierten, die französische Grand Opéra übertrumpfen wollenden Rienzi wird gern gespottet, das Frühwerk des Meisters sei „Meyerbeers beste Oper“. Analog ließe sich, hört man denn nur auf die nicht minder überschwänglich posaunenden lauten Stellen, über Antonín Dvořáks Bühnen-Erstling Alfred herziehen, der sei doch bloß „Wagners schlechteste Oper“. Bei so manchen Textstellen des deutschen Librettos von Theodor Körner will man sich als aus Deutschland angereister Besucher dieser späten Prager Uraufführung der Urfassung fürwahr in Grund und Boden des ehrenwerten Rudolfinums schämen – so heftigst kriegsbegeistert werden da die Schwerter zum Kampf gewetzt, so martialisch wird dann gar „das hohe Lied von der geschlag’nen Schlacht“ geschmettert.

Pioniertat des Dvořák-Festivals

Wer nicht näher hinhört, der kann so immerhin die gängigen Dvořák-Vorurteile widerlegen, die besagen, der Tscheche habe zumal in seinen elf Opern, an deren Spitze die bekannte märchensüße Rusalka steht, doch bloß lyrisch, lieblich und doch auch ein wenig langweilig schöne Musik geschrieben. Nichts dergleichen in seiner vom eigenen Wollen berauschten Debüt-Oper, die Dvořák freilich selbst nie erlebt hat. Es kam erst postmortal anno 1938 in Olmütz zu einer Einstudierung in tschechischer Sprache – dem Dvořák Festival in Prag ist es nun zu danken, dass das Stück erstmals – von einigen willkommenen Strichen abgesehen – in seiner Urgestalt zu hören war.

Diese veritable Uraufführung ist letztlich das Vermächtnis Gerd Albrechts. Der im Februar verstorbene deutsche Dirigent wollte sein Streben nach immer weiterer tschechisch-deutscher Versöhnung nach seinen von politischen Querelen getrübten Jahren als erster nicht-tschechischer Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie vollenden. Welch‘ treffliche Werkwahl er dafür gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter des Festivals, Marek Vrabec, getroffen hat: Denn dieser Alfred „gehört“ weder den Tschechen noch den Deutschen. Er demonstriert, dass die Oper im Jahrhundert der sich festigenden Nationalstaaten und der parallelen Ausprägung von allzu oft beschworenen nationalen Opernstilen letztlich ein zutiefst europäisches, ein Kulturgrenzen sprengendes Phänomen blieb. Da komponierte eben ein Dvořák so deutsch, wie ein Wagner italienisch und ein Verdi französisch schrieben.

Tristanesk sehnsüchtige Steigerungszüge

Beim Blindhören des Alfred jedenfalls würde kaum ein Opernkenner auf den Nationalkomponisten unserer östlichen Nachbarn tippen. Und das liegt nicht nur an der Sprache des Librettos. Da ist die harmonische Kühnheit nicht nur deutlich ausgeprägter als in den in dieser Hinsicht wohltemperierten späteren Hauptwerken, sie ist so wagemutig wagnerwogend, mitunter gar verrückt und unerwartet, dass sie die Chromatik- und Enharmonik-Verliebtheit des Bayreuthers mitunter in ihren Schatten stellt. Schon im Vorspiel überraschen die tristanesk sehnsüchtigen Steigerungszüge, die das Prager Radiosymphonieorchester denn auch mit wohltönender Emphase ausmusizierte. Der Applaus nach der ausgelassenen Ouvertüre aber blieb noch verhalten. Die Tschechen wirkten zögerlich, schienen sich zu fragen: „Ist das wirklich unser Dvořák?“

Auch im Text wird man immer wieder auf das deutsche Vorbild des Tschechen gestoßen: Die nordischen Götter – Odin, also Wotan, und Freia, nebst Walhall und Walküren – werden zur Segnung des Kampfes zwischen Dänen und Briten um Beistand angerufen. Schließlich kreist die opernübliche Dreiecksgeschichte um die schöne Alvina, die dem englischen König Alfred zugetan ist, aber auch von dessen Gegenspieler, dem Dänenprinzen Harald, brutal begehrt wird. Das Schema ist also wie üblich: Bariton und Tenor wollen beide die Sopranistin. Als Vorlage dazu diente Librettist Körner Realhistorisches: Anno 878 nach Christus drangen wilde Wikinger auf englisches wie französisches Gebiet vor. Am Ende der Oper triumphieren die Briten, und die Liebenden kriegen sich.

Tenor und Bariton lieben beide den Sopran

Das Grundmuster ähnelt somit Wagners mittelalterbegeisterten Stoffen, wie er sie im Lohengrin und Tannhäuser verarbeitet hat. Heidnische und christliche Welt kreuzen sich, gigantische patriotische gestimmte Chorszenen sorgen für Gänsehauteffekte, das Orchester malt martialisch blechbläserpotent das Geschehen aus, die Herren säuseln nicht, sondern stehen als Helden stimmstark ihren Mann, die Primadonna steht wie Elsa oder Elisabeth jungfräulich für ihre Liebe ein. Auch beim jungen Dvořák entfalten diesen gut gewürzten Zutaten enorme Wirkungsmacht und Sogkraft. Was nun nicht zuletzt an den exzellenten Interpreten lag. Heiko Matthias Förster am Pult hielt eben nicht nur die Fäden zwischen Soli, Chor und Orchester zusammen, sondern auch die Spannung durchgehend sehr hoch. Der Abend gerät packend.

Ein sängerisches Ausnahmeereignis ist Ferdinand von Bothmer als Harald. Sein aristokratisches Lohengrin-Timbre, seine stupend strahlende Höhe, seine differenzierte Diktion und sein Charisma rücken den unerschrockenen Dänen-Helden ganz in Mittelpunkt der Oper. Mehr Wolfram als Wotan ist Felix Rumpf als Haralds nobler Gegenspieler Alfred. Mit Romanze und Gebet gehören ihm einige der stärksten Nummern der Opern: Hier findet Dvořák zu ruhig fließendem, gern harfenumflortem Melos und immerhin zu Anklängen folkloristischer Farbe – da sind die späteren Kernkompetenzen des Komponisten schon spürbar. Die helle Höhe des wohlerzogen kultivierten Kavaliersbaritons von Felix Rumpf löste darin mitunter Tenorverdacht aus.

Nicht ganz auf dem Niveau der männlichen Widersacher sang Sopranistin Petra Froese, ihrer lyrisch veranlagten Stimme fehlt als Alvina noch der in der Mittellage fundierte Sieglinden-Furor. Exzellent besetzt die mittleren Partien: Einen metallischen Jung-Siegfried ließ Tilmann Unger als Dorset und Bote hören, einen Wagner-Bass vom alten Schlag der famos pastose Peter Mikuláš als Sieward, einen prägnant artikulierenden Gunther oder auch Holländer Jörg Sabrowski als Gothron. Eine heimliche Hauptrolle ersangen sich zudem die Damen und Herren des Tschechischen Philharmonischen Chors aus Brünn – welch ein überwältigend homogenes und potentes Ensemble. Am Ende: großer Jubel für alle Beteiligten.

Doch hat diese Oper eine Zukunft – auch szenisch? Heiko Matthias Förster glaubt an das Stück, ist begeistert von Talent, Mut und geschicktem Amalgam der Einflüsse von Mendelssohn, über Schumann bis Wagner, das Dvořák hier zu einer schon eigenständigen Sprache verdichtet hat. Der Dirigent überlegt, den Alfred nun auch nach Deutschland zu bringen. Der Live-Mitschnitt, der in Kürze auf CD veröffentlicht wird, erlaubt einem größeren Hörerkreis, das eigene Dvořák-Bild zu erweitern. Auch andere Festivals mit Dvořák-Fokus sollten sich nach der Prager Pioniertat dringend dem frühen Opus zuwenden. Für eine Befragung auf der Opernbühne bleibt der Hang zur Materialschlacht so problematisch wie die wenig psychologisch durchformten Figuren des Stücks. Aber „Wagners schlechteste Oper“ ist der Alfred mitnichten – das bewies die Prager Uraufführung mit Nachdruck.

Rudolfinum

Dvořák: Alfred

 

Heiko Matthias Förster (Leitung), Petra Froese, Ferdinand von Bothmer, Felix Rumpf, Peter Mikuláš, Tilmann Unger, Jörg Sabrowski, Prager Radiosymphonieorchester, Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn

Was es im Bereich Festival außerhalb von Prag zu entdecken gibt, stellen wir Ihnen in unserem Festivalguide vor.

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