Opern-Kritik: Hamburgische Staatsoper – La Battaglia di Legnano

„Wir haben alle mal groß angefangen“

(Hamburg, 20.10.2013) Mit dem Verdi-Frühwerk startet Simone Young die Trilogie wenig gespielter Opern des Jubilars, es inszeniert der einstige Regie-Revoluzzer David Alden.

© Bernd Uhlig

Giorgio Caoduro (Rolando), Szymon Kobylinski (Il Podestà di Como), Komparsen

Im München der Opernintendanz von Sir Peter Jonas war David Alden der Mann für die glorreiche Barock-Renaissance. An der Isar etablierte er einen postmodern frechen Zugriff auf Händel, erschloss dem Haus nachhaltig ein junges Publikum. Die Barockstadt entdeckte die Barockoper. Da kam die antike Götterwelt als Comicstrip und schriller Krimi daher. Aber auch in Wagners Tannhäuser bohrte er den Stachel einer politischen Lesart. Wut, Leidenschaft und eine Hochspannung, die beunruhigt, paarten sich in streitbaren, nie belanglosen Inszenierungen. Oper in der Offensive.

20 Jahre später widmet sich der gereifte Revoluzzer Alden nun in der Hamburger Staatsoper gemeinsam mit Simone Young dem jungen patriotischen Verdi – eine Begegnung mit Sprengkraft. So möchte man meinen. Doch im ersten Teil der Trilogie, dem allzu martialisch zur Sache gehenden und mit dickem Pinsel gemalten Schlachtengemälde La Battaglia di Legnano, geht Alden erstmal in die Defensive. Keine Regiemätzchen und keine Verfremdung sorgen für Aufregung, nicht mal der Versuch, den Charakteren psychologische Glaubwürdigkeit zu verleihen, ist hier zu beobachten. Die Marathon-Aufgabe, in drei Wochen drei Premieren zu stemmen, muss dazu geführt haben, dass die erste, auch kompositorisch schwächste Oper dieser „Trilogia non popolare“ mit ein paar hastigen Stellproben auszukommen hatte. Dabei passt das Bühnenbild von Charles Edwards ökonomisch sinnvoll zu jeder Oper: Wir sehen ein heruntergekommenes altes Opernhaus, das sich flink zwischen Lazarett, Kirche und Turmzimmer wandelt. Darin wird der Historienschinken, der stolzbrüstig und holzschnittig zwischen guten Italienern und bösem Barbarossa unterscheidet, mehr oder weniger deutlich ins Gewand des Zweiten Weltkriegs gesteckt, eindeutig uneindeutig wird hier mal mit Mittelalter-Speeren, mal mit Pistolen gefuchtelt. Und seitens der Sänger dazu stereotyp mit Herz-Schmerz-Rache-Eifersuchts-Gestik hantiert.

Das macht alles insofern nichts, da uns die Story sowieso wenig angeht, die Besetzung allerdings das Beste aus diesem überschwänglichen Verdi der Galeerenjahre macht. Im besonderen gilt dies für Alexia Voulgaridou, die, ihren lyrischen Jahren als entzückende Mimì entwachsen, zu einer Verdi-Heldin mit Mut zum vokalen Risiko gereift ist. Die griechische Sopranistin berührt uns stark, weil sie die einzige wirkliche Persönlichkeit auf der Bühne ist. Da ist dieses dunkle Glühen ihrer aufregend verschatteten, in Mittellage und Tiefe an enorm satter Substanz gewonnenen Stimme. Bei ihr ahnt man schon, wohin die Reise bei Verdi, dem großen Psychologen und Schöpfer großer Frauengestalten, später gehen sollte.

Die Herren steuern der Dreiecksgeschichte deutlich weniger bei. Wohl besitzen sie prächtiges Stimm-Material. Doch sowohl Yonghoon Lee als tenorstrahlender Arrigo als auch Giorgio Caodura als baritonprotzender Rolando verlassen sich zu sehr auf ihr üppiges Kapital, als dass sie daraus feine Früchte wachsen ließen. Da nun Verdi selbst hier zwar sein schon sicheres Handwerk demonstriert, indes nur gut gemachte, aber noch keine bleibenden Melodien kreiert, hakt man den von Simone Young höchst engagiert dirigierten Abend als willkommenen Erfahrungszuwachs ab, um zu erkennen, dass selbst für einen Verdi gilt: „Wir haben alle mal groß angefangen.“ Da ist – Gleiches gilt ja für seinen Jahrgansgenossen Richard Wagner – kein Genie vom Opernhimmel gefallen, sondern ein ganz fleißiger, ganz eifriger junger Maestro mit riesigem Potenzial. Gespannt sein darf man freilich, was diese Hamburger Verdi-Trilogie uns noch bescheren wird: Vom Jubilar selbst, aber auch von David Alden, in dem mehr musiktheatralische Passion steckt, als dieser Abend nahelegt.

Hamburgische Staatsoper

Verdi: La Battaglia di Legnano

Ausführende: Simone Young (Leitung), David Alden (Inszenierung), Charles Edward (Bühnenbild), Brigitte Reiffenstuel (Kostüme), Alexia Voulgaridou, Yonghoon Lee, Giorgio Caodura, Philharmoniker Hamburg

Termine:  26.10., 15.11., 20.11., je 19:30 Uhr

Weitere Termine der Hamburgischen Staatsoper finden Sie hier.

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