Sommerreihe: Starke Frauen – Lili Boulanger

Hart erkämpfter Triumph

Das nur kurze Leben von Lili Boulanger war bestimmt von schwerer Krankheit. Sie ließ sich sich dennoch nicht entmutigen zu Komponieren und schrieb nebenbei Musikgeschichte

© gemeinfrei (13), F. Hoffmann La Roche Ltd., Yamaha, shutterstock, Christophe Abramowitz

Collage Komponistinnen

Collage Komponistinnen

Das Jahr 1913 sollte zum Schicksalsjahr für Lili Boulanger werden. Schon seit frühester Kindheit war das Leben der 1893 in Paris geborenen Tochter einer Musikerfamilie geprägt von einer chronischen Lungenkrankheit. An ihrer Entscheidung, Komponistin zu werden, änderte das nichts: Jede freie Minute investierte sie in die Musik. In Zeiten zu großer Schmerzen blieb sie per Brief mit ihren Lehrern in Kontakt, gleich als ob sie bereits in jungen Jahren ahnte, dass ihr nur wenig Lebenszeit vergönnt sein würde. Ihre feste Entschlossenheit zahlte sich schließlich aus, als sie in besagtem Jahr 1913 ihr selbst gestecktes Ziel erreichte: Sie erhielt als erste Frau der Musikgeschichte den Prix de Rome – eine renommierte Auszeichnung, die mit einem Studienstipendium an der Académie de France à Rome verbunden war. Ein bis dato undenkbarer Erfolg.

Dass der Preis einer Frau zugesprochen wurde, glich einer Sensation, denn dadurch wurde erstmals in der 110-jährigen Auszeichnungsgeschichte einer Frau die Möglichkeit gegeben, in der berühmten Villa Medici in Rom zu studieren. Trotz der offensichtlichen Frauenfeindlichkeit der Jury und der im Vorwege des Wettbewerbs von der Fachpresse ausgerufenen „rosa Gefahr“ durch aufstrebende Komponistinnen, überzeugte Boulanger, die unter anderem Kompositionsunterricht bei Gabriel Fauré erhalten hatte, mit einem souveränen Auftritt in der Endrunde – und mit eiserner Disziplin. Die Krankheit war bereits fortgeschritten, sie litt unter qualvollen Schmerzen, aber ihr Wunsch als erste Frau ausgezeichnet zu werden, überwog. Ihre siegreiche Kantate „Faust und Hélène“ für Tenor, Bariton, Mezzosopran und Orchester wurde kurze Zeit später in Paris aufgeführt und vom Publikum begeistert aufgenommen.

Wegweisend erfolgreich: Lili Boulanger

Neben dem persönlichen Erfolg war Boulanger damit ein entscheidender Schritt zur Anerkennung der Frau in der Musikwelt gelungen – wobei ihre Ausgangsposition, abgesehen von der lebensbedrohlichen gesundheitlichen Verfassung, im Gegensatz zu anderen komponierenden Kolleginnen durchaus privilegiert war. Ihre Eltern, angesehene Musiker in Paris, hatten nichts gegen eine künstlerische Ausbildung ihrer Tochter einzuwenden und unterstützten diese nachhaltig. Boulanger wuchs in Künstlerkreisen heran, Charles Gounod und Camille Saint-Saëns waren gern gesehene Gäste in der Wohnung der Eltern und der Klavier- und Orgelunterricht gehörte bereits in jungen Jahren zum Alltag der jungen Musikerin. Parallel dazu lernte sie Harfe, Violine und Cello und begleitete ihre Schwester Nadia, wenn es die körperliche Verfassung zuließ, zu deren Unterrichtseinheiten am Pariser Konservatorium. Im Alter von nur acht Jahren trat sie dann erstmals als Violinistin auf.

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters, war es die fiktive Figur „Princesse Maleine“ des belgischen Schriftstellers und Dramatikers Maurice Maeterlinck, aus deren Geschichte Boulanger Inspiration schöpfte und schließlich den Plan entwickelte, es ihrem Vater gleichzutun und den Prix de Rome zu gewinnen. Den ersten Anlauf unternahm sie 1912, jedoch war es ihr aufgrund verschiedener Folgeerkrankungen nicht möglich, den Wettbewerb bis zur letzte Runde durchzustehen. Geschwächt brach sie ab, was aber an ihrem Siegeswillen nichts änderte. Ein Jahr später dann der große Erfolg, der ihr einen Vertrag mit dem Verlagshaus Ricordi einbrachte und zahlreiche Konzerte folgen ließ – der Komponistin jedoch die letzten Kräfte raubte.

© TCY/Wikimedia Commons

Gedenktafel für Nadia und Lili Boulanger an deren ehemaligem Wohnhaus in der Rue Ballu Nr. 36 in Paris © TCY/Wikimedia Commons

Gedenktafel für Nadia und Lili Boulanger in Paris

Pionierarbeit trotz Krankheit

Der heißbegehrte Studienaufenthalt in Rom war für die nun europaweit bekannte Boulanger gesundheitlich nicht mehr durchzustehen und musste zudem nach kurzer Zeit aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges abgebrochen werden. Wieder in der französischen Heimat angekommen, setzte sie sich noch mit einem selbstgegründeten Verein gemeinsam mit ihrer Schwester Nadia für Soldaten ein. 1916 überbrachten ihr die Ärzte dann die Schreckensnachricht, dass ihr nur noch wenig Lebenszeit verbleiben würde. Boulanger stürzte sich in die Kompositionsarbeit, verlor aber zunehmend an Kraft und verstarb am 15. März 1918 im Alter von nur vierundzwanzig Jahren. Nach ihrem Tod war es ihre Schwester, die das kompositorische Erbe Lili Boulangers in Konzerten weiterführte, bis es in den 1960er Jahren durch Plattenaufnahmen eine größere Öffentlichkeit fand.

Ihren Traum, Komponistin zu werden, konnte sich Lili Boulanger in ihrem nur kurzen Leben erfüllen. Nebenbei schrieb sie unter größten Strapazen Musikgeschichte und ebnete mit ihrem Handeln für viele ihrer Kolleginnen den Weg – ein hart erkämpfter Triumph mit weitreichenden Folgen.

Hören Sie hier die Kantate „Faust und Hélène“ von Lili Boulanger:

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