Porträt Yuval Weinberg

Keine Rollen spielen

Jung, aber mit erstaunlicher musikalischer Reife: Yuval Weinberg ist neuer Chefdirigent des SWR Vokalensembles.

© SWR/Klaus J. A. Mellenthin

Yuval Weinberg

Yuval Weinberg

Käsekuchen. Den, so verriet die Managerin des SWR Vokalensembles, würde Yuval Weinberg schätzen, und so findet das Treffen mit dem neuen Chefdirigenten in einem Stuttgarter Café statt. Seit vier Wochen ist Weinberg nun offi­ziell im Amt, gerade kommt er von einer Probe für sein Antrittskonzert. Das SWR Vokal­ensemble, einer der weltweit besten Profichöre, hatte sich nach nur einer Probe für den 29-Jährigen ausgesprochen – auch er selbst, so erzählt Weinberg, dessen Käsekuchen gerade serviert wird, sei davon überrascht gewesen. Er war damals nur für ein Proben­dirigat verpflichtet worden. Zwar habe er sich darauf sehr gut vorbereitet, doch in der Probe selbst sei er in Gedanken vor allem bei seiner in München weilenden Freundin gewesen: Die war nämlich schwanger, der Geburtstermin stand kurz bevor. „Ich hatte sogar mein Handy bei der Probe angelassen, was ich sonst nie mache“, erzählt Weinberg. „Aber dadurch war ich auch sehr entspannt, denn ich dachte: Das Wichtigste passiert ja woanders.“

„Das ist genau das, was ich machen möchte“

Der Eindruck, den er auf die 33 Sänger gemacht hat, muss jedenfalls nachhaltig gewesen sein. Von „schockverliebt“ war die Rede, alle waren voll des Lobes für Weinbergs gleichzeitig ziel­gerichtete und freundlich-­entspannte Art, so dass sich der Chor kollektiv für ihn als Nachfolger des nach 18 Jahren abtretenden Chefdirigenten Marcus Creed aussprach. Zwar habe er zu der Zeit auch andere Optionen gehabt. „Aber als das Angebot aus Stuttgart kam, war mir klar: Das ist genau das, was ich machen möchte.“

Sein musikalischer Werdegang begann in einem Kinderchor seiner Heimatstadt Tel Aviv. Die Chorleiterin sei damals in alle Klassen gekommen und hätte gefragt, wer zum Vorsingen antreten wolle. Und da man für diese Zeit vom Unterricht befreit wurde, meldete sich der achtjährige Yuval. Doch das Singen, das merkte er rasch, war sein Ding, und das, obwohl er ziemlich darunter litt, der einzige Junge im Kinderchor zu sein. So studierte er nach dem Abitur in Tel Aviv Gesang und Orchester­dirigieren und wechselte danach an die Musik­hochschule in Berlin, um mit Jörg-Peter Weigle zu arbeiten.

© SWR/Klaus J.A. Mellenthin

Yuval Weinberg

Yuval Weinberg

Von Tel Aviv über Berlin nach Oslo

Zuvor, so erzählt Weinberg, während er seinen Kräutertee probiert, habe er sich viele Hochschulen angesehen. Bei Weigle habe er das Gefühl gehabt: „Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Er hat eine klare Struktur und ist sehr genau, lässt einem aber trotzdem Freiheiten.“ Allerdings war der Unterricht in Berlin wenig praxis­orientiert. Nur selten hatte er die Gelegenheit, selbst einen Chor zu dirigieren, weshalb es Weinberg nach den zweieinhalb Jahren dorthin zog, wo die Chortradition schon immer großgeschrieben wird: nach Skandinavien an die Musikakademie in Oslo, wo die bekannte Chorleiterin Grete Pedersen eine Professur hat.

Und was ihm dabei, neben dem Umstand, selber mit hervorragenden Chören arbeiten zu können, vor allem gefiel, war der entspannte, lockere Umgangston. Alle, so begeistert sich Weinberg, befänden sich dort auf einer Ebene, egal ob man Professor sei oder Student, Sänger oder Dirigent. „Und das will ich eigentlich auch so. Ich möchte keine Rollen spielen, egal ob als Mensch oder Dirigent. Das hat mir die Zeit in Oslo gezeigt.“ Authentisch sein – eine Qualität, die er auch in seine Arbeit mit dem SWR Vokalensemble einbringen wird, das, wie viele Ensembles, sehr unter den Coronabedingungen leidet. Gleichwohl kann Weinberg den Abstandsregeln auch ein wenig Gutes abgewinnen. Die Chormitglieder, erläutert er, hätten auf diese Weise gelernt, quasi solistisch zu singen. „Aber so, dass es am Ende doch zusammen klingt.“ Man muss eben positiv denken.

concerti-Tipp

Antrittskonzert von Yuval Weinberg im Livestream
21.11.2020, 18:00 Uhr
SWR Vokalensemble, Yuval Weinberg (Leitung)
Werke von Brahms, Messiaen & Matre
Hier geht’s zum Livestream!

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