Reportage ARD-Musikwettbewerb

Am Ende gewinnt immer die Musik

Hoch geachtet und gefürchtet: der ARD-Musikwettbewerb. Jetzt ging er in München zu Ende. Das Rennen machten die Frauen.

© Dorothee Falke

Stolze Gewinnerin eines zweiten Preises: Die Geigerin Bomsori Kim aus Südkorea

Lange hatten sie dafür geübt, tagein, tagaus, auf Freunde und Ablenkungen aller Art verzichtet; dann den ersten und den zweiten Durchgang geschafft; im Semifinale die männliche Konkurrenz abgehängt und jetzt im Finale mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch einmal ihr Bestes gegeben. Nun standen sie da: die Bratschistinnen Yura Lee und Kyoungmin Park aus Südkorea und Katarzyna Budnik-Gałązka aus Polen. An einem Freitag dem 13. Die Anspannung und Erschöpfung stand den Musikerinnen ins Gesicht geschrieben. Gleich würde die Entscheidung fallen. Leichte Unruhe im Herkulessaal der Residenz, als Viola-Jury-Vorsitzender Robert Levin auf die Bühne trat und das Ergebnis verkündete. Der dritte Platz ging an Katarzyna Budnik-Gałązka, die sich darüber nicht richtig freuen konnte. „Heute war nicht mein Tag“, sagte sie später hinter der Bühne selbstkritisch. Den zweiten Preis erhielt Kyoungmin Park aus Südkorea – Riesen-Applaus für die zarte junge Frau mit den schulterlangen Haaren, die sich mit einem scheuen Lächeln artig auch für den Publikumspreis bedankte.

And the winner is and was … Yura Lee. Die Südkoreanerin hatte sich dem Wettbewerb lediglich gestellt, weil sie „auf der Bratsche endlich das beweisen wollte, was ich auf der Geige schon längst bewiesen habe“. Kein „Geigen-Nymphchen“ ist Lee, keine jener Virtuosinnen, die „Magnetketten in die Massen“ zu werfen verstünde, wie einst Robert Schumann über Paganini schrieb; sondern eine markant-spröde Künstlerpersönlichkeit, die sich in jedem Moment in Béla Bartóks technisch vertracktem Violakonzert manifestierte. Ganz nach dem Geschmack der Jury, die nicht auf Optik oder Charisma setzte, sondern auf rein musikalisch interpretatorische Fähigkeiten. „Wenn ich etwas liebe“, sagt die resolute Arzttochter Lee, „dann tue ich alles dafür.“ Dass sie als einzige Interpretin des ganzen Wettbewerbs einen Ersten Preis abräumen würde, konnte weder sie bis dahin nicht wissen, denn noch waren die Finali in den Fächern Violine, Fagott und Klaviertrio nicht ausgetragen. 

Und diesmal war die Jury in allen Sparten besonders streng: Neben diesem einzigen Ersten Preis wurden nur noch sieben zweite und zwei dritte Preise vergeben. Und alle an Frauen.

 

Von Zigeunergeigen, blasslila Hemden und richtigen Noten

Heute wird dem Verlierer zwar nicht mehr das Fell über die Ohren gezogen, wie einst beim Wettsingen mit Apoll, der seinen unterlegenen Konkurrenten Marsyas aufhängen und häuten ließ. Doch immer noch wird jeder Sieg ein bisschen wie ein Gottesurteil behandelt. Und als Sieger hervorzugehen und sich als der „Beste“ feiern zu lassen, danach trachteten sie alle, die 371 Musiker, die sich zum 62. ARD-Musikwettbewerb anmeldeten. Erst recht jene 222, die in die enge Wahl kamen; die meisten stammten aus Korea, Frankreich und Japan, nur wenige aus den USA und aus Russland – und auch Deutschland war gut repräsentiert: Zwei Wochen lang spielte ihr Leben nun im Auf und Ab von der Bühne, zwischen Proben und Auftritten, Pflicht(-Stücken) und Kür, Musikhochschule, Herkulessaal, Prinzregententheater und der Philharmonie.

 

Die „coolen“ Typen unter ihnen seien innerlich nervös, „aber zeigen es niemandem“, sagt eine, die es wissen muss: Pianistin und Korrepetitorin Betty Lee, seit 2009 offizielle Klavierbegleiterin beim ARD-Wettbewerb. Die „ruhigen“ Typen seien meistens sehr blass und die „lauten“ Typen redeten viel. Ihre Kollegin Anna Kirichenko, seit 2002 dabei, versuchte „in der kurzen Zeit einen zwischenmenschlichen Kontakt herzustellen“, wollte „die musikalischen Vorstellungen des Kandidaten“ begreifen und nicht nur Tempi, Ritardandi, Dynamik und Fermaten „verabreden“. Regelrechte Akkordarbeit konnte auch dies sein, denn jedem Teilnehmer standen zwei Proben zu. „Oft feilten wir bis spät in die Nacht an der Interpretation“, sagt Kirichenko, um möglichst „gut eingespielt“ am nächsten Tag vor der hochkarätig und international besetzten Jury erscheinen zu können. Denn die war ausgesprochen kritisch, wie etwa Geigen Jury-Mitglied Igor Ozim, selbst einst Preisträger des Wettbewerbs. Ozim staunte über das „enorme technische Niveau“, bedauerte aber, dass es „nur selten Hand in Hand mit dem musikalischen Ausdruck“ ginge. Auch eine teure Leihgeige ändere daran nichts, sagt Ozim. Seinen Sieg 1953 errang er auf einer „Zigeunergeige, die 800 Mark wert war. Der Geiger macht den Klang und nicht das Instrument.“ „Die spielen besser als wir damals“, meinte auch Geigen-Jurymitglied Ulf Hoelscher verblüfft, wünschte aber vielen Interpreten gleichzeitig mehr Mut, „aus dem Urtext auszubrechen, mal inspiriert zu sein, mal einen anderen Strich zu wagen, einen anderen Fingersatz. Manchmal saßen wir da“, sagt er, „und fragten uns: wann kommt es endlich?“ Standardisiert erschien auch Dag Jensen das Spiel vieler Fagottisten: „Viele machen daraus die gleiche Soße“, sagt der Norweger, „nur wenige differenzieren.“ „Eine gewisse Simplizität“ bei der Interpretation stellt auch Konzertmeisterin Esther Hoppe von der Klaviertrio-Jury fest: „Gleiches Vibrato bei Haydn und Brahms, bei über 90 Prozent der Teilnehmer.“

 

Und der bald neunzigjährige Gründer des legendären Beaux Arts Trios und Vorsitzender der Klaviertrio-Jury Menahem Pressler war nur schwer zu beeindrucken, schon gar nicht durch Äußerlichkeiten wie etwa, dass die Mitglieder des Schweizer Trio Rafale, die es immerhin bis zum Semifinale schafften, anstelle des uniformen Schwarz-Weiß Seidenhemden in Blasslila trugen und graue Hosen mit einem Designergürtel. „Wir haben nie darüber nachgedacht“, sagt Pressler, „ob wir gut sind oder nicht. Wir haben uns über den Erfolg gefreut und vom Misserfolg gelernt. Und wir waren ständig auf der Suche nach Inspiration, nach Wahrhaftigkeit. Heute haben Musiker eine andere Einstellung, nutzen ihr Instrument, um sich darzustellen.“ Pressler hadert mit dem sportiven Kräftemessen, das nach Perfektion trachtet, aber nicht nach Vollendung. „Keine einzige falsche Note, aber auch keine richtige …“, hätte der große Pianist Edwin Fischer gesagt.

Ein guter Rat der Jury


Gnädiger gab sich Robert Levin, der Vorsitzende der Viola-Jury, die als einzige der vier Jurys einen ersten Preis vergab. „Die Preise können eine Karriere fördern“, sagt Levin. „Wichtiger erscheint mir, dass die jungen Künstler die Möglichkeit haben, sich Rat zu holen. Am liebsten würde ich ihnen sagen: Macht Euch keine Sorgen um unterschiedliche Urteile. Stellt diese in eine Glasdose in ein Regal. Irgendwann kommt der Moment, wo ihr sagt: Jetzt begreife ich, was er damit meinte.“ Viola-Jungstar und Jurymitglied Nils Mönkemeyer freute sich über die bunte Zusammensetzung der Jury: Kammermusiker aus den USA, „die einen anderen Stil haben“ neben Jürgen Kussmaul, „der von der Alten Musik kommt“. Ein Zitat von Heinrich Heine fällt ihm dazu ein: „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu.“ Sie spielten alle das Gleiche, sagt Mönkemeyer, und doch erzähle jeder eine andere Geschichte. „Jeder bekommt die Chance, gehört zu werden.“ Und was sagt die langjährig erfahrene Klavierbegleiterin Kasia Wieczorek dazu? „Am Ende gewinnt immer die Musik“. So sah das wohl auch die Jury. 

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