Corona: Viele Lehrbeauftragte an Musikhochschulen trifft die Krise hart

„Hier muss man das Hochschulsystem wirklich infrage stellen“

Rund die Hälfte der Lehrtätigkeit an deutschen Musikhochschulen wird von Lehrbeauftragten geleistet. Schlechte Bezahlung sowie die fehlende rechtliche und soziale Absicherung können in Zeiten von Corona zur Feuerprobe werden.

© K.ristof/Wikimedia Commons

Musikhochschule Lübeck

Musikhochschule Lübeck

Vielerorts wird zurecht darauf Aufmerksam gemacht, in welch prekärer Lage sich derzeit Tausende freischaffende Musiker durch Corona-bedingte Konzertausfälle befinden. Schön früh haben jedoch der Deutsche Musikrat und die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen darauf aufmerksam gemacht, dass ebenfalls viele Lehrende an den Hochschulen, die dort und auch anderswo keine feste Anstellung haben, jetzt in existenzielle Bedrängnis geraten. Denn Geld gibt es hier nur, wenn auch Unterricht stattfindet. Wie reagieren die Institute auf diese heikle Situation?

„Wir haben in Abstimmung mit dem Ministerium alle Lehraufträge vergeben und voll auf eine virtuelle Hochschule umgeschaltet“, sagt Rico Gubler, Präsident der Musikhochschule Lübeck. „Dabei haben wir alle Lehrbeauftragten einzeln kontaktiert, um fächer- und personenspezifische Lösungen für die neue Arbeitsweise zu finden. Wer etwas Flexibilität mitbringt und dieses Angebot annimmt, wird von uns auch weiterhin bezahlt werden können, wobei wir in den Formaten sehr offen sind.“

Der Senkung der Lehrbeauftragtenquote sind Grenzen gesetzt

123 Lehrbeauftragte zählte man in Lübeck im letzten Wintersemester. Dem gegenüber standen 49 Professorinnen und Professoren. Mittelfristig soll die Lehrbeauftragtenquote durch Umwandlung in feste Stellen auf 40 Prozent gesenkt werden. Aber auch diese Zahl scheint hoch, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte der Unterrichtsstunden von Menschen bestritten wird, die als freie Unternehmer keinerlei arbeitsrechtliche Absicherungen haben, sich komplett selbst versichern müssen und mit 35 bis 46 Euro pro Stunde für eine hochqualifizierte Arbeit nur gering entlohnt werden. Hinzu kommt die unbezahlte Vorbereitungszeit für den Unterricht und die Zeit für Prüfungen der Studenten. Daher möchte man in Lübeck die Quote der Honorarkräfte langfristig noch weiter senken, wobei die Fahnenstange nicht beliebig gekürzt werden kann.

„Wir stehen dazu, dass es Lehraufträge in einem gewissen Umfang braucht“, sagt Gubler. „Um die Quote sehr weit abzusenken, müsste das deutsche Arbeitsrecht geändert werden, denn wir haben in vielen Bereichen nicht die Möglichkeit, jemanden zu mindestens 50 Prozent auszulasten, was für Festanstellungen rechtlich vorgeschrieben ist. Einen Musiker für das Partiturspiel im Bereich Chorleitung können wir nicht durchgängig mit zwölf Wochenstunden im Rahmen einer halben Mittelbaustelle beschäftigen, weil der Bedarf einfach fehlt.“

Netzgestützter Unterricht ruft zwiespältige Reaktionen hervor

In Hannover ist die Lehrbeauftragtenquote nur geringfügig niedriger als in Lübeck. Auch hier soll nun ein netzunterstützter Unterricht mit dem bereits vorhandenen Fernlernsystem stattfinden. „Wir haben sehr zwiegespalten darauf reagiert“, sagt Arvid Ong, Sprecher der dortigen Musikhochschule. „Da stellen sich die Probleme der Verfügbarkeit von technischem Equipment und Software-Plattformen sowie des Datenschutzes. Außerdem ist nicht geklärt, wieviel Aufwand damit verbunden ist. Es kann sein, dass wir für das gleiche Geld dann deutlich mehr arbeiten müssen.“

Deshalb das Handtuch schmeißen, kommt für den Musikwissenschaftler und Komponisten jedoch nicht in Frage, weil „ich die Studierenden auf den letzten Metern jetzt nicht im Stich lassen möchte“. Wie bei Ong ist bei den meisten Lehrbeauftragten die Identifikation mit dem Institut und den Studierenden hoch. Nicht zuletzt hält die Hoffnung auf eine feste Stelle viele bei der Stange. Eine Hoffnung, die sich bei Ong erfüllt hat (der zusätzlich immer noch Lehraufträge übernimmt), während andere jahrzehntelang im System der Selbstausbeutung ausharren. Zwar führen die Hochschulen an, der Lehrauftrag sei kein Hauptberuf. Faktisch ist er das für viele aber doch. Und wer nebenher noch freischaffend Privatstunden und Konzerte gibt, ist jetzt – in Zeiten von Corona – auch nicht besser dran.

Müssen Lehrbeauftragte um ihre Weiterbeschäftigung bangen?

„Durch kostengünstige Lehraufträge haben die Hochschulen sich querfinanziert. Gerade für Daueraufgaben ist das nicht das richtige Mittel. Hier muss man das Hochschulsystem wirklich stark infrage stellen“, sagt Ong, der befürchtet, dass viele Honorarkräfte bei finanziellen Engpässen der Institute um Folgeaufträge bangen müssen. „Wenn wir böse wären, würden wir jetzt sagen: Wir kommen alle nicht wieder. Denn wir sehen, dass die Hochschulen in der Krise keine Instrumente haben, um die Leute zu versorgen. Aber dieses Bewusstsein muss auch bei den Kollegen einsetzen, die dieses System mittragen, indem sie die Arbeitsbedingungen akzeptieren. Vielleicht wird sich das jetzt ändern, wenn allen bewusst wird, wie fragil so eine Beschäftigung sein kann, wenn es mal richtig dicke kommt.“

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