Termintipp Internationale Messiaen-Tage

WHITE – Quartett auf das Ende der Zeit

© Europäisches Zentrum für Bildung und Kultur/www.fundacjacentrum.eu

Konzert des Lager-Orchesters im Stalag VIII A

Konzert des Lager-Orchesters im Stalag VIII A

Bitterkalt und dunkel war es an diesem 15. Januar 1941 in der Theaterbaracke des Stammlagers VIII A bei Görlitz östlich der Neiße. Um 18 Uhr setzte sich der seit fast neun Monaten hier als Kriegsbeute inhaftierte Olivier Messiaen ans Klavier und hob mit drei ebenfalls gefangenen Musikerkollegen sein im „Stalag“ vollendetes Quatuor pour la fin du temps aus der Taufe. Entsprechend bedrückend ist die Stimmung, die von diesem achtsätzigen „Quartett zum Ende der Zeit“ ausgeht: Das Schmerzensepos entfacht aus der Stille eine ganz besondere Kraft, die nicht nur aus der 78 Jahre alten Geschichte erwächst, sondern wegen aktueller Bezüge doppelt erschüttert. Es ist erst wenige Monate her, dass in Görlitz ein erster deutscher AfD-Oberbürgermeister nur mühsam durch die vereinten Stimmen aller Konkurrenten verhindert werden konnte. Und im nur wenige Kilometer entfernten Ostritz treffen sich alljährlich Neonazis aus ganz Deutschland – immerhin treffen sie aber auch auf Widerstand. Seit 2008 erinnert der Verein „Meetingpoint Music Messiaen“ am historischen Ort alljährlich am 15. Januar mit der Programmierung des Quartetts an dessen besondere Uraufführung. Neun Jahre später entwickelte sich daraus zu Ehren des französischen Komponisten und Organisten ein mehrtägiges Festival beidseits der heutigen Neißegrenze. In seiner vierten Auflage widmet es sich der Syn­ästhesie: Messiaen war selbst ein bekannter Vertreter dieser wundersamen Multisensualität, konnte Farben hören und Töne färben.

So bietet das Festival nicht nur vielfältige Vorträge und Führungen durch das ehemalige Lager, wo sich seit 2015 ein europäisches Begegnungszentrum für Jugendliche mit einer sehenswerten Ausstellung befindet, sondern auch zu Messiaens synästhetischen Kompositionstechniken. Mehrere Konzerte mit Annäherungen zeitgenössischer Kollegen führen als Klang-Licht-Installationen in die Welt der musikalischen Farben ein. Und nebenbei findet sich garantiert auch noch Gelegenheit, bei einem Winterspaziergang an der dürren, um diese Jahreszeit gespenstisch fahl besonnten Neiße über das Trennende und Verbindende von Musik und die Lehren aus der Geschichte nachzudenken. (Christian Schmidt)

Interpreten

Sebastian Manz (Klarinette)
Martin Klett (Klavier)
Sarah Christian (Violine)
Julian Steckel (Violoncello)

Termine

Mittwoch, 15.01.2020
19:00 Uhr
Europäisches Zentrum für Erinnerung, Bildung, Kultur Görlitz/Zgorzelec

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