Die kulturelle Situation in der Schweiz

Vom grüneren Gras auf der anderen Seite

Die Schweiz öffnet, Deutschland zögert. Doch herrschen im Nachbarland wirklich paradiesische Zustände?

© gemeinfrei

Schweizer Veranstalter halten die kulturelle Fahne hoch.

Schweizer Veranstalter halten die kulturelle Fahne hoch.

Das Verlangen nach einem Konzertbesuch wächst bei deutschen Musikliebhabern mit jedem Tag. In der Schweiz dürfen seit dem 19. April wieder Konzerte stattfinden. Da ist die Versuchung groß, unseren Nachbarn einen kurzen Besuch abzustatten. Mittlerweile dürfen Deutsche wieder ohne Einschränkungen in die Schweiz einreisen, mit Ausnahme von Einwohnern aus Thüringen und Sachsen. Jedoch werden bei der Rückreise Quarantäne und PCR-Test fällig, allein Nordrhein-Westfalen verzichtet auf diese Maßnahmen. Für Geimpfte und für von Covid-19 Genesene ist die Quarantäne-Regelung seit dem 9. Mai aufgehoben.

Eine ähnliche Situation wie in Deutschland

Doch lohnt sich der sehnsüchtige Blick ins Nachbarland überhaupt? Denn auch dort gibt es weiterhin starke Einschränkungen. Neben einem strengen Hygienekonzept gilt unter anderem auch eine stark begrenzte Besucherzahl, zudem werden die Karten oftmals zuerst an Abonnenten vergeben. „Wir machen Konzerte mit Publikum bis zu den maximal erlaubten fünfzig Besuchern. Das ist in allen Belangen sehr aufwendig, aber noch immer besser als die Streaming-Kultur“, sagt Jürg Hochuli, der mit der Hochuli Konzert AG seit Jahrzehnten erfolgreich Konzertreihen in der Schweiz veranstaltet.

Für viele Veranstalter gilt es abzuwägen, ob Konzerte oder Opernaufführungen überhaupt personell umsetzbar und finanziell lohnenswert sind. Da heißt es trotz aller Umstände: flexibel bleiben! „Wir reagieren unvermittelt und so schnell wie möglich, und meist gibt es innerhalb weniger Tage ein Konzert“, erklärt Hochuli. Doch vor allem größere Events sind meist nicht kostendeckend realisierbar. Die Verluste der Institutionen werden anhalten, kleine Einrichtungen müssen weiter um ihre Existenz bangen. Staatlich finanzierte Häuser kommen besser weg. Alles in allem also eine ähnliche Situation wie in Deutschland.

Eine Sisyphusarbeit

Die lautten compagney BERLIN nimmt momentan große Mühen in Kauf, um aller Widerstände zum Trotz in der Schweiz auftreten zu können. „Die Veranstalter in der Schweiz retten gerade zu einem ganz großen Teil unsere Existenz“, erzählt Dörte Reisener. Sie ist verantwortlich für das künstlerische Management des freien Ensembles und muss sich nun zusätzlich um die Einhaltung aller Auflagen kümmern. „Im April waren wir am Theater Winterthur, und alle Mitwirkenden der Produktion mussten getestet sein. Musiker aus Sachsen sind gleich noch nach der Vorstellung nach Deutschland gereist oder haben eine Nacht vor der ersten Probe nahe der Grenze zur Schweiz übernachtet, um die 72 Stunden-Regelung des Arbeits-Aufenthaltes in einem Risikogebiet einzuhalten. Das war eine Sisyphusarbeit für uns und hat sehr viel Arbeitszeit in Anspruch genommen.“ Ähnliche Verhältnisse werden sie wohl auch noch Mitte Mai für ihr Gastspiel am Theater Schaffhausen mit Händels „Ariodante“ als Marionettenoper vorfinden.

„Wir stehen in den Startlöchern“

Zumindest gab es weder personelle noch finanzielle Einbußen. „Wir finden es sehr weitsichtig, wenn Theater und Festivals ihr eingeplantes Budget auch tatsächlich für die künstlerische Arbeit ausgeben“, sagt Reisener. „Auch wenn es nur für ein sehr kleines Publikum ist, kann so ein Live-Erlebnis doch diese Wechselwirkung zwischen Publikum und Künstler wiederherstellen, nach der wir alle gieren. Wir stehen jedenfalls in den Startlöchern, sobald der Spielbetrieb in Deutschland wieder losgeht. Große Teile unserer Förderung haben wir für CD-Aufnahmen genutzt. Dafür haben wir geprobt und mehr als konzertreif gespielt. Es sind so drei neue Konzerte entstanden, die wir sofort spielen können.“ Bleibt zu hoffen, dass es bald auch in Deutschland wieder zu solchen Begegnungen kommt.

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