Opern-Kritik: Grand Théâtre de Gèneve – Elektra

Regressives Zurück in die Zukunft

(Genf, 25.1.2022) Der im Schauspiel als Regiestar gefeierte Ulrich Rasche wagt sich erstmals an eine Oper – und scheitert auf visuell sehr hohem Niveau. Dirigent Jonathan Nott kreiert dazu als kreativen Kontrapunkt eine subtile Sinfonie mit Singstimmen.

© Carole Parodi

Szenenbild aus „Elektra“

Szenenbild aus „Elektra“

Diese Operninszenierung wird in die Geschichte eingehen. Nein, gar nicht für ihre grandiose Neudeutung der „Elektra“ des Erfolgsduos Hofmannsthal-Strauss – denn eine echte szenische Deutung des schockierenden Werks bietet dieser Abend ja gar nicht. Aber das Bühnenbild ist dann doch so imposant, ja von so gigantischen Ausmaßen, dass man sich fragt, was diese Installation, die das Grand Théâtre de Genève üppig ausfüllt, wohl gekostet haben mag. Ulrich Rasche hat hier ein Monstrum ersonnen, das diesen äußerlich der griechischen Antike entlehnten und innerlich durch den (Un-)Geist einer freudianischen Moderne inspirierten expressionistischen Horrorstreifen der Oper geradewegs in George Orwells Science Fiction-Welt transformiert. Der „Planet der Affen“ scheint auch nicht weit entfernt von dieser Gesellschaft des Grauens zu liegen.

Reglementierte Rituale: Abweichung unerlaubt!

Wie die Mägde zu Beginn über die in die Bühnenhöhe emporgehievte Drehbühne so seltsam gebückt schreiten, ohne wirklich voranzukommen, erinnert jedenfalls verdächtig an den Gang der dem Menschen einst vorangegangenen Gorillas. Das regressive Zurück in die Zukunft der Inszenierung führt in einen durch und durch totalitären Staat, in dem menschliche Individualität verboten ist und Gefühlsäußerungen unter Höchststrafe stehen. Ausnahmslos alle Wesen dieses Kosmos sind schwarz gekleidet, gleichsam uniform. Das Leben läuft in eng reglementierten Ritualen ab. Es wiederholt sich im Immergleichen. Abweichung unerlaubt. Assoziationen an Diktaturen wie in Nordkorea, an Straflager in China oder Guantanamo kommen auf. Über der schwebenden Drehbühne bewegt sich ein auf- und abfahrendes Gestänge, dass ein riesiges Teleskop des staatstragenden Sicherheitsapparats sein könnte. Big brother is watching you.

© Carole Parodi

Szenenbild aus „Elektra“

Szenenbild aus „Elektra“

Der strenge Stil eines szenischen Minimalismus im gigantischen Wurf des Bühnenbilds

So weit, so gut, weil eindrucksvoll. In diesem initialen Setting, das ein starkes Statement ist, könnte man nun die „Elektra“ spielen. Man könnte die Abgründe von Inzest, Verdrängung und Alptraum aufzeigen, die unseligen familiären Verstrickungen aufdröseln, vom Schicksal des titelgebenden Opfers erzählen, das uns berührt, das uns so viel angeht, das uns zum Heulen bringen soll. Doch nichts dergleichen ereignet sich nun in Genf. Denn so ambitioniert und visionär der Bühnenbildner Ulrich Rasche arbeitet, so wenig ist ihm als Regisseur eingefallen. Nun: Er meidet jeden blutrünstigen Naturalismus, nicht mal Requisiten braucht er. Seine Inszenierung sucht den choreographischen Weg des Formalisierten, des strengen Stils eines szenischen Minimalismus im gigantischen Wurf des Bühnenbilds. Eine Ruth Berghaus konnte einst so vorgehen – mit höchster Konsequenz und handwerklicher Genauigkeit. Auch ein Robert Wilson arbeitet seit Jahrzehnten mit derart surrealen, stilisierten Bildern.

© Carole Parodi

Szenenbild aus „Elektra“

Szenenbild aus „Elektra“

Die Figuren interessieren Ulrich Rasche so gar nicht

Die „Elektra“ des deutschen Regisseurs, der im Schauspiel gerühmt wird (übrigens durchaus auch für seine Inszenierung der Hofmannsthal-„Elektra“ am Residenztheater in München), nun aber in der Oper debütiert, gerät nun allerdings so unterkomplex wie beiläufig. Sie lässt das Publikum, das so gern das Mitleiden lernen würde, vollends kalt und sich in der Folge gleichgültig unberührt durch den Abend langweilen. Denn die Figuren interessieren Ulrich Rasche so gar nicht. Sie bleiben austauschbar, die Duette zwischen den ungleichen Schwestern Elektra und Chrysothemis werden zwar gut gesungen, sie finden aber szenisch nicht wirklich statt. Einzig die Begegnung von Mutter Klytämnestra und Tochter Elektra erzeugt Spannung, weil Tanja Ariane Baumgartner als überragende Sängerdarstellerin aus der mörderischen Alten eine alternde Königin macht, die Grandezza und Würde besitzt. Da sitzen jede Geste und jeder Blick, da sorgen allein die Körperspannung und das Charisma der dramatischen Mezzosopranistin für eine präzise Durchformung der Figur. Ihr Liebhaber Ägisth kommt ihr dank Tenor Michael Laurenz trotz seiner nur sehr kleinen Partie darin beglückend nah: Die beiden starken Persönlichkeiten zeigen, dass das System von Schauspielmann Ulrich Rasche sehr wohl auch in der Oper funktionieren könnte. Aber mit den anderen Sängern kam er offensichtlich in keinerlei sinnstiftenden und zielführenden Arbeitsprozess.

© Carole Parodi

Szenenbild aus „Elektra“

Szenenbild aus „Elektra“

Technikverliebte Beliebigkeit der Verwandlungen des Bühnenbilds

Doch den Abend retten die beiden genannten Sänger nicht wirklich. Dafür passiert dann doch zu viel szenischer Leerlauf und zu viel technikverliebte Beliebigkeit der Verwandlungen des Bühnenbilds, das nur auf den ersten Blick oder eben nur wenige Minuten zu Beginn eindrucksvoll wirkt. Und es ereignet sich zu wenig genuine Personenregie, die den Gesang beglaubigen und den Figuren Profil verleihen würde. Wer das Werk nicht genau kennt, wird nicht einmal zweifelsfrei das Schwesternpaar Chrysothemis und Elektra unterscheiden können. Denn auch die Kostüme von Sara Schwartz und Romy Springsguth machen alle Figuren gleich. Die apokalyptische Antike, die Rasche hier imaginiert, ist eine an sich passende Horrorvorstellung, nur schlägt der Regisseur daraus so gar kein musiktheatralisches Kapital. Ingela Brimberg singt die Elektra souverän, doch ohne hochdramatische Expansionskraft, sie gelangt an ihre Grenzen. Sarah Jakubiak als kleine Schwester hat zwar die Sopranjubeltöne für ihren Traum von der Mutterschaft, nur darf sie szenisch nichts daraus machen.

© Carole Parodi

Szenenbild aus „Elektra“

Szenenbild aus „Elektra“

Entschädigung durchs Orchester

Richard Strauss findet dennoch statt – im Orchester. Jonathan Nott hat mit seinem Orchestre de la Suisse Romande eine südländisch luzide Lesart vorbereitet. Es gibt, oh Wunder bei dieser oft viel zu laut musizierten Partitur, viele herrliche Pianissimi, viele Zwischentöne, viele gut ausgehörte Farbwerte. Soweit dies denn geht, wagt Nott eine kammermusikalische „Elektra“, die den Wumm der Überwältigung bewusst meidet. Zur gewaltigen Installation kreiert Nott somit als kreativen Kontrapunkt eine subtile Sinfonie mit Singstimmen.

Grand Théâtre de Genève
R. Strauss: Elektra

Jonathan Nott (Leitung), Ulrich Rasche (Regie & Bühne), Sara Schwartz & Romy Springsguth (Kostüme), Michael Bauer (Licht), Jonathan Heck, Yannik Stöbener, Justus Pfankuch (Choreographie), Stephan Müller (Dramaturgie), Ingela Brimberg, Tanja Ariane Baumgartner, Sarah Jakubiak, Michael Laurenz, Karoly Szemeredy, Orchestre de la Suisse Romande

Termine

Donnerstag, 16.02.2023 20:00 Uhr Die Glocke Bremen

Khatia Buniatishvili, Orchestre de la Suisse Romande, Jonathan Nott

Honegger: Mouvement symphonique Nr. 2, Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30, Strawinsky: Petruschka

Mittwoch, 29.03.2023 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Stefan Dohr & Carsten Duffin, Junge Deutsche Philharmonie, Jonathan Nott

Borboudakis: „Z – Metamorphosis“, Schumann: Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester F-Dur op. 86, Ligeti: Hamburgisches Hornkonzert, Dvořák: Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

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