Tschaikowsky: Pique Dame

(UA St. Petersburg 1890)

In einem Park in St. Petersburg, dem „Sommergarten“ spielen Kinder. Opernszenen mit Kindern kommen immer zu Beginn, denn der Kinderschutz schaut auf die Uhr, auch soll ihnen die weitere Handlung erspart bleiben... Einen Erwachsenenschutz gibt es nicht – diese sind ihrer Gesellschaft, ihrem Charakter und ihren Leidenschaften ausgeliefert.

Die Gesellschaft um Fürst Jeletzky und Graf Tomsky erlebt – mit Abscheu und Vergnügen, wie Hermann, ein deutschstämmiger Russe mit unruhigem Charakter, seinen Leidenschaften erliegt. Erst ist es die Leidenschaft für die junge Gräfin Lisa – frisch verlobt mit Jeletzky, die er triebhaft verfolgt, doch bald wendet er sich – aus Spielleidenschaft – ihrer Großmutter zu, als er erfährt, dass diese in jungen Jahren eine leidenschaftliche Kartenspielerin war und über diabolisch-magische Kräfte verfügt. Er bedrängt die Gräfin, ihm eine treffsichere Dreierkombination (drei Karten, drei Karten, drei Karten) zu verraten – aber angesichts seiner Pistole erleidet die alte Dame einen Herzanfall. Als Geist erscheint sie dem mittlerweile wahnsinnigen Hermann, bittet ihn, Lisa zu retten, und verrät ihm die Kombination. Leider erweist sie sich als falsch – Pique Dame statt Ass wäre richtig gewesen. Lisa ist aus Verzweiflung in die Newa gesprungen, die „Freunde“ singen Hermann ein Requiem ...

Hermann – ein sich auflösender Charakter wie „Hoffmann“ (Jacques Offenbach) – ist eine sängerisch wie darstellerisch kaum zu bewältigende Partie.

- beklemmend: das Quintett um den erbleichenden Hermann, als dieser Lisa und die alte Gräfin im Park erblickt,

- spukhaft: die Ballade des Tomsky über die frühere Spielleidenschaft der Gräfin,

- traurig schön: Paulines Lied – in seiner Hoffnungslosigkeit ist es das klingende Motto dieser Oper,

- zerrissen: Lisas Sehnsuchtsarie – sie möchte ihrem Verlobten treu sein, ist aber Hermann verfallen,

- eindringlich: Hermanns Liebeswerben – schwankend zwischen Kniefall und Gewalt,

- wohltuend: Jeletzkys Arie – er bietet Lisa seine Nachsicht und wirbt um ihr Vertrauen,

- makaber: das nostalgische Lied der alten Gräfin aus ihrer Jugend – ein „vermodert“ aufgemachtes Zitat aus einer Oper von Gretry,

- schaurig: die Kasernenszene – der Geist der Gräfin erscheint Hermann, im Hintergrund – wie aus der Verdammnis – erklingt sein Requiem,

- hinreißend: das Spiellied des Chores – mit hakenschlagenden Taktwechseln,

- tiefsinnig: Hermanns Lied: das Leben gleicht dem Spiel ...

Die Hauptprobe im Kaiserlichen Theater wurde vom Zarenpaar besucht – da in der Oper der Festakt beim Fürsten Jeletzky ebenfalls von der seinerzeitigen Zarin besucht wird, war der Riesenerfolg der Premiere programmiert ...

(Mathias Husmann)