Blickwinkel Spezial – Publikum des Jahres 2021 – Christoph Lieben-Seutter

„Das Publikum will zurück ins Haus“

concerti sucht das Publikum des Jahres 2021. Wie geht es dem Klassik- und Opernpublikum nach vielen Monaten in der Pandemie? Wie gehen Veranstalter mit der noch immer fehlenden Planungssicherheit um? In unserer Blickwinkel-Reihe fragen wir die Verantwortlichen von Orchestern, Opernhäusern und Konzertsälen nach dem Stand der Dinge. Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg, hat trotz allem Grund zu feiern: Vor fünf Jahren wurde die Elbphilharmonie eröffnet.

© Michael Zapf

Christoph Lieben-Seutter

Christoph Lieben-Seutter

Herr Lieben-Seutter, am 11. Januar 2017 wurde die Elbphilharmonie eröffnet. Wie begehen Sie den Jahrestag?

Christoph Lieben-Seutter: Ein fünfter Geburtstag ist noch kein ganz großes Jubiläum. Trotzdem haben wir zehn Tage lang Festkonzerte, spannende Projekte mit Orchestern aus Hamburg und auch internationale Gäste. Auch mit Jazz und Weltmusik feiern wir, wie das bei uns so üblich ist. Abgerundet werden die Tage durch eine Lichtinstallation Künstlerduos DRIFT in Kooperation mit dem Museum für Kunst und Gewerbe, die außen am Gebäude zum Geburtstag am 11. Januar erstmals präsentiert wird.

Wie hat sich das Publikum seit der Eröffnung des Hauses verändert?

Lieben-Seutter: Das Publikum für klassische Musik hat sich seit der Eröffnung der Elbphilharmonie mehr als verdreifacht: von 400.000 Besuchern im Jahr in der Laeiszhalle hin zu über 1,2 Millionen in beiden Häusern zusammen. Diese Zahlen waren bis zur vorübergehenden Schließung aufgrund der Pandemie praktisch konstant. Das Haus hat in Hamburg ein neues Stammpublikum für klassische Musik generiert.  

Sie sind selbst viel im Saal und erleben auch Menschen, die zum ersten Mal in ein klassisches Konzert gehen.

Lieben-Seutter: Die Neugier hat in den ersten Monaten viele Menschen in die Elbphilharmonie gelockt. Das hat zu einer super Stimmung geführt und manchmal auch zu Verwunderung, wenn man feststellte, dass eine Sinfonie von Gustav Mahler auch mal eineinhalb Stunden dauert. In dieser Extremform war das aber nach einem Jahr vorbei. Dass das Publikum nicht genau weiß, was es erwartet, und trotzdem gerne kommt, ist ein positiver Effekt, der sich nachhaltig auswirkt und vielleicht zu einer Art Markenzeichen des Großen Saals geworden ist. Ungewöhnliche Programme, Konzerte mit Neuer Musik, Künstler, die hier nicht so bekannt sind: Solche Veranstaltungen werden stets gut angenommen. Das hat mit dem Geist und der Erscheinung des Hauses zu tun. Die Besucher haben eine andere Erwartungshaltung, wenn sie zu uns kommen. Hier wird Klassik nicht so präsentiert, wie man es von den Generationen zuvor kennt. Man lässt sich durch die Architektur inspirieren und ist offener, etwas Neues zu erleben. 

Schwappt das auf die Laeiszhalle über?

Lieben-Seutter: Das Publikum dort hat sich weniger verändert. Die Laeiszhalle bleibt der Saal für die Kenner und für die lokalen Kräfte. Vom neuen Besucherstrom hat sie jedoch ebenfalls profitiert.

Wie hat sich das Publikum während der pandemiebedingten Schließung verhalten und wie nehmen Sie es zurzeit wahr?

Lieben-Seutter: Wir haben viele Monate nicht spielen können, aber kaum waren wir wieder da, waren fast alle Veranstaltungen trotz eines extrem kurzen Vorverkaufs so gut wie ausverkauft. Bis heute konnten wir natürlich zwar eine steigende, aber nicht die volle Saalkapazität anbieten, hatten aber meistens eine extrem hohe Auslastung. Im Sommer konnten wir durchgehend Konzerte veranstalten und bieten seit September ein Programm in einer Qualität, Dichte und Vielfalt an, wie Sie es kaum an einem anderen Ort auf der Welt finden. Nun ist die vierte Welle da, aber erst seit einer Woche merken wir, dass die Menschen zurückhaltender werden. Wir hatten ausverkaufte Uraufführungen mit toller Stimmung und Standing Ovations. Die Künstler konnten kaum fassen, wie fokussiert das Publikum war.  

© Thies Raetzke

Elbphilharmonie

Elbphilharmonie

Sie haben viel getan, um das Vertrauen in den Konzertsaal herzustellen und ein sicheres Kulturerlebnis zu ermöglichen. Wie wirkt sich das auf das Publikumsverhalten aus?

Lieben-Seutter: Wir tun alles, damit sich die Besucher wohlfühlen. Wir behandeln unsere Künstler und Gäste so, wie wir selbst behandelt werden möchten. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen und Nachfragen, aber im Großen und Ganzen fühlt sich das Publikum gut aufgehoben.  Besonders die langjährigen Abonnenten zahlen im Voraus und zeigen uns damit: Wir halten der Elbphilharmonie die Treue, egal was kommt. Das Publikum will zurück ins Haus.  

Ist die neue Situation auch eine Chance für Menschen abseits des Stammpublikums?

Lieben-Seutter: Ja, das Abo war zwischenzeitlich ausgesetzt und wir hatten einen sehr kurzfristigen Vorverkauf von Monat zu Monat. Es gab kaum Touristen in der Stadt. Das hatte zur Folge, dass auch viele Musikfans spontan kommen konnten und eben auch die, die nicht die Zeit haben, sich Monate im Voraus um die bislang raren Karten zu bemühen. Das finde ich gut so! 

Sie haben auch andere Wege zu Ihrem Publikum gefunden, zum Beispiel im digitalen Bereich. Was davon wird bleiben?

Lieben-Seutter: Es sind viele Angebote entstanden, die keine Präsenz erfordern. Gerade unsere Education-Abteilung hat sich für digitale Formate für Schulen und Familien stark gemacht. Selbstverständlich kann man zu Hause wunderbare Musik aus Lautsprechern hören. Aber wir sind ein Konzerthaus. Wenn wir die Säle bespielen können, machen wir auch weniger digital. Es ist sicher schön, wenn wir das eine oder andere Konzert auch im Internet übertragen können. So intensiv, wie wir das im Lockdown gemacht haben, geht es aber nicht, wenn wir live spielen. Im Lockdown ist dieser riesige Unterschied aufgefallen, auf dem Sofa einem Stream zu folgen oder gemeinsam mit 2.000 Leuten Kunst auf der Bühne zu erleben. Das ist durch nichts zu ersetzen. Dadurch, dass das Publikum bei uns rund um die Bühne herum sitzt, hat man sein Mit-Publikum deutlich vor Augen und wird sich der Gemeinschaft stärker gewahr als bei einem klassischen Konzertsaal. 

Was wünschen Sie sich für das Hamburger Kulturleben und die Musikbranche in der Zukunft?

Lieben-Seutter: Ich wünsche mir, dass die vierte Welle nicht so dramatisch wird und dass es zu keiner fünften mehr kommt. Der Staat und die Stadt sind verlässliche Unterstützer unserer Einrichtung, für uns ist das wirtschaftliche Problem vielleicht nicht so groß. Aber es werden Strukturen kaputtgehen, wenn die Lage so instabil bleibt. Wenn Künstler keine Auftrittsmöglichkeiten, Unternehmer keine Planungssicherheit haben und sich viele Kulturschaffende umorientieren – das merken auch wir. Unser Haus hat eine gute Zukunftsprognose, aber mir geht es um die ganze Szene.  

Sie glauben also, dass das Publikum in die Elbphilharmonie zurückkommt wie vor der Pandemie?

Lieben-Seutter: Ich bin besonders beeindruckt, mit welcher Begeisterung die Menschen wieder da sind. Und viele auf der ganzen Welt waren ja auch noch gar nicht hier und werden kommen, wenn es wieder die Möglichkeit gibt. Die Elbphilharmonie hat mehrfach bewiesen, was für ein wunderbarer Ort sie ist. Hier ist ein Konzert ein besonderes Ereignis. 

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