Interview Eckart von Hirschhausen

„Musik ist etwas Ur-Menschliches“

Eckart von Hirschhausen über das Verhältnis von Kultur und Natur – und warum beides wieder mehr miteinander zu tun haben sollte.

© WDR/Ben Knabe

Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Autor, Bühnenkünstler, Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ und Musik­liebhaber. Sein neues Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ handelt von Nachhaltigkeit, dem Klima und von uns.

Als Mensch und Natur noch im Einklang lebten: Was war wohl der Impuls der ersten Menschen, Musik zu machen?

Eckart von Hirschhausen: Ich war ja leider nicht dabei. Evolutionsbiologen sehen einen Ursprung im Paarungs­verhalten. Sicher ist es kein Zufall, dass das erotische Element in der Popmusik eine große Rolle spielt! Dasselbe gilt natürlich auch auf der Opernbühne und im Lied. Das nennt man „nicht-fälschbare“ Zeichen, um sich attraktiv erscheinen zu lassen. Wenn man singt oder ein Instrument spielt, sig­nalisiert man: Ich habe Begabung, Kreativität und Zeit zu üben! Und wenn man keine Begabung hat, fällt das auch sehr schnell auf.

Man schreibt der Musik eine positive Wirkung auf unser Immunsystem zu. Wie entsteht diese?

Hirschhausen: Musik ist etwas Ur-Menschliches. Der Herzschlag, die Geräusche im Bauch und die Stimme der Mutter sind das erste, was man als Mensch klanglich erlebt. Kein Wunder, dass jedes Elternteil den Impuls hat, mit der eigenen Stimme sein Kind zu beruhigen. Da kommt das Bindungshormon Oxytocin ins Spiel, das sowohl beim Stillen, beim Kuscheln und eben beim Singen bei Mutter und Kind ausgeschüttet wird. Musik verbinden wir mit dem Grundbedürfnis nach Nähe – zu uns selbst und zu anderen. Wir fühlen uns wohl. Das macht uns auch in medizinischer Hinsicht stark in der Abwehr, weil es Stress und Angst etwas entgegensetzt.

Was ist das Gesunde am Musikhören?

Hirschhausen: Musikgenuss nutzt nicht so schnell ab. Schokotorte macht auch glücklich, aber nur ein Stück. Nach fünf Stücken hat man genug und Bauchschmerzen. Ein toller Song kann uns ein Leben lang erfreuen und begleiten. Das Signal beim Musik­hören geht nicht über die Hirnrinde, also über den Verstand, sondern direkt ins limbische System, einem evolu­tionsgeschichtlich sehr alten Teil des Gehirns, wo die Emotionen reguliert werden. Musik kann uns in Stimmungen versetzen, die uns entsprechen. Auch traurige Musik ist daher wichtig für unsere Seelenhygiene. Die positive Wirkung des Musikhörens kann man aber noch steigern.

Und wie?

Hirschhausen: Indem man Musik macht! Es wäre mehr Menschen zu wünschen, dass sie Musik nicht nur als ständig verfügbare Ablenkung erfahren. Wir müssen wiederentdecken, wie viel Freude das Musizieren macht. Meine Großeltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Estland nach Deutschland gekommen. Die Tradition, gemeinsam zu singen, haben sie mitgenommen. Singen oder ein Instrument zu spielen, ist ganz wichtig im Sinne der Selbstwirksamkeit, wie die Psychologen das nennen. Außerdem aktiviert Musik­machen, weil ja viel Koordination und Vernetzung involviert ist, viele Gehirnregionen, die für das Lernen wichtig sind.

Kann Musik heilen?

Hirschhausen: Heilen ist ein großes Wort. Sie kann aber sehr wohl trösten und therapeutische Wirkung entfalten – „therapeutisch“ im Sinne von „begleitend“, über den ganzen Lebenszyklus. Mit meiner Stiftung „Humor hilf heilen“ unterstütze ich seit Jahren die Musiktherapie bei den Frühgeborenen in der Charité, in der Abteilung, in der ich selber einmal als angehender Kinderarzt gearbeitet habe. Als meine Tante im Sterben lag, bin ich mit meinem Pianisten Christoph Reuter an ihr Bett gefahren und habe ihr ihre Lieblingsstücke vorgespielt. Dadurch ist sie natürlich nicht wieder gesund geworden, aber sie hat Momente des Friedens gefunden, des „Ein-Klangs“.

Viele Komponisten haben Krankheiten und Traumata durch Musik überwunden …

Hirschhausen: Ludwig van Beethoven ist das Paradebeispiel für diese Resilienz-Idee: Als er über den Verlust seines Hörsinns so verzweifelt war, dass er nicht mehr leben wollte, hielt ihn die Musik, die er noch in sich trug. Auf dieser Idee beruht auch das Projekt zum Beethovenjahr „Starke Kinderstimmen – gut eingestimmt ins Leben“, das hoffentlich bald nach der Zwangspause durch Corona fortgesetzt wird. Dort lernen Kinder der Klassen 1 bis 4, gemeinsam zu singen durch externe Profis, denn oft wird Musik fachfremd unterrichtet oder fällt als erstes aus. Je früher man im Leben in Kontakt mit der Musikwelt kommt, desto besser.

Gibt es Musik, die gesünder ist als andere?

Hirschhausen: Es war mal Mode zu sagen: Mit diesen Musikstücken kommst du in diese Stimmung, und wenn du das hörst, passiert das mit dir. Aber natürlich werden nicht alle mit Bach und Mozart zu besseren Menschen. Es muss die Lieblingsmusik sein, dann kann sie leicht unseren Stress- und Schmerzpegel senken. Welche Musik dich entspannt, hängt mit deiner Kindheit und jugendlichen Prägung zusammen. Bei mir würde das nicht funktionieren, aber bei so manch einem geht sogar bei Heavy Metal der Puls herunter – wenn man’s mag.

Wie sieht die Prägung denn bei Ihnen aus?

Hirschhausen: Ich liebe Bach, weil ich im Jugendchor die Oratorien kennen und schätzen gelernt habe, ich mag Mendelssohn, Beethoven und gerne Crossover-Projekte. Die finde ich spannend, wenn sie mich aus meiner konventionellen Komfortzone herauslocken. Improvisierte Musik hat es mir besonders angetan, da hat mich mein Gitarrenlehrer Coco Schumann, der eine Zeit in Theresienstadt verbringen musste, geprägt. Er hat mir den Jazz nahegebracht sowie die Erkenntnis, dass Musik überlebenswichtig sein kann.

Wie ist denn der Unterschied zwischen Trällern unter der Dusche und dem Singen im Chor bzw. dem gemeinsamen Musikerlebnis? Wird im Konzertsaal mehr Oxytocin ausgeschüttet als vor dem Radio?

Hirschhausen: Dazu sind mir keine Studien bekannt, aber mir fällt eine Anekdote ein. Als ich Bobby McFerrin vor einem seiner Konzerte sprach, schlug ich ihm vor, Speichelproben von den Zuschauern zu nehmen, um die Änderungen im Hormon- und im Immunsystem nachzuweisen. Dieser Musiker hat Bahnbrechendes geleistet, wenn es darum geht, das Publikum glücklich zu machen. Mein Buch „Glück kommt selten allein“ war gerade erschienen, und ich hätte so gerne gewusst, was da im Publikum passiert. Er lachte nur und fragte: Warum braucht ihr in eurer wissenschaftlichen, an Zahlen orientierten Welt ein mess­bares Ergebnis? Es reicht, mit offenem Herzen dabei zu sein. Das hat mir zu denken gegeben. Wir wissen genug, es kommt darauf an, jetzt unsere Kenntnisse gut einzusetzen.

Was genau schwebt Ihnen da vor?

Hirschhausen: Meine Hoffnung ist, dass wir Dinge wiederentdecken, die uns guttun und nicht an Ressourcen-Verbrauch gekoppelt sind. Wir müssen die Kunst wiederentdecken als Weg, sich mit Krisen gemeinsam auseinanderzusetzen, ohne Treibhausgase und Müll zu produzieren. Die Kernthese meines neuen Buches über den Zusammenhang von Klimawandel und unserer Gesundheit ist ja, dass es nicht um „Verzicht“ geht. Wir müssen nicht die Erde retten, sondern uns. Ein nachhaltiger Lebensstil kann mit höherer Lebensqualität einhergehen, ohne exzessive Dinge zu tun. Wer mit sich etwas anzufangen weiß, muss nicht ständig durch die Gegend düsen. Da steht auch das Erlernen eines Instruments oder ein Konzertbesuch mit regionalen Künstlern ganz oben auf der Liste.

Haben wir uns die coronabedingte Dürre in der Kultur mit unserem Umgang mit der Natur selbst zuzuschreiben?

Hirschhausen: Klimakrise, Artensterben und Pandemie sind aufs engste miteinander verwoben. Ich finde es großartig, dass jetzt auch viele namhafte Musikerinnen und Musiker diese Zusammenhänge zum Teil ihrer Kommunikation machen wie mit dem internationalen Pastorale-Projekt beispielsweise. Eine Ur-Inspiration der Musik ist ja auch die Natur selbst, denken Sie nur an die Melodien in der Vogelwelt! Kultur und Natur müssen ihre tiefe innere Verbindung wiederentdecken.

Wird sich der Mensch jetzt nicht an die Vereinzelung des Kulturgenusses am Screen gewöhnen?

Hirschhausen: Nach der Corona-Zeit wird sich das Kulturleben neu etablieren, gerade weil wir so viel vermisst haben. Die Ruhrfestspiele sind aus so einem Hunger nach Kultur entstanden. Für die ersten Veranstaltungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kohlebriketts als Eintrittskarten verwendet. Die Währung war Wärme. Damit wurde dann das Theater geheizt. Jeder hat also etwas dazu beigetragen, damit dieses Gemeinschaftserlebnis stattfinden konnte. Das finde ich ein unheimlich starkes Bild. Positive Erlebnisse, seien sie als Konzert, Lesung, Diskussion oder Kabarett, sind doch kein Pillepalle, sondern Grundpfeiler unserer Kultur und Demokratie!

Also ein Appell für das erneute Aufblühen des Live-Geschehens?

Hirschhausen: Ja, auch wenn das zur Zeit nicht absehbar ist. Ich begrüße in diesem Fall alle wissenschaftlichen Pilotversuche, die das wieder möglich machen werden, denn die Aura in einem Raum mit Menschen kann man nicht nachbilden. Ich habe nach einem Bühnenauftritt dieses Ritual, dass ich nochmal durch den Saal gehe. Da, wo gerade Menschen begeistert applaudiert haben, ist es nun still, und man weiß: Es ist einmalig gewesen. Live schwingt etwas mit, was nicht konservierbar ist – und genau das macht seinen Zauber aus.

Buch-Tipp

Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben.

Eckart von Hirschhausen
dtv, 528 Seiten
24 Euro

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