KURZ GEFRAGT ERWIN SCHROTT

„Ich habe mit dem Taxi­fahrer über Schostakowitsch diskutiert!“

Der aus Uruguay stammende Bass-Bariton Erwin Schrott lebt heute mit seiner Frau Anna Netrebko in Wien. Hier spricht er über...

© Universal Music

…die wichtigste Empfehlung für Uruguay-Reisende

Am besten, Sie legen die Uhr beiseite und machen keinerlei Pläne. Denn unser Tagesrhythmus und Zeitempfinden ist ein ganz anderes, als Sie es kennen. Vergessen Sie die Zeit, den Stress, und versuchen Sie einfach zu entspannen.

…das Land mit dem emotionalsten Publikum

Für mich gibt es zwei Länder, wo mich das Interesse an Oper und klassischer Musik besonders beeindruckt: Deutschland und Österreich. Natürlich erlebe ich auch an der Met oder dem Royal Opera House ein leidenschaftliches Publikum, doch im Alltag spielt Oper dort keine große Rolle. Dagegen ist es in München, Baden-Baden, Berlin oder Wien Gesprächsthema Nr. 1, jeder geht in die Oper. Und nach der Vorstellung reden die Menschen darüber, in der Zeitung wird darüber geschrieben. Neulich saß ich im Taxi, im Autoradio lief Schostakowitsch –  da fand ich mich plötzlich in einer Diskussion mit dem Taxifahrer über diese Schostakowitsch-Sinfonie wieder. Unglaublich, toll!

…Operndiven

Die Menschen, die ich kenne und mit denen ich Zeit verbringe, sind sehr normal, da gibt es keine Diven. Das wäre auch keine Haltung, mit der ich mich anfreunden kann.

…Klatschzeitschriften

Wenn über mich geschrieben wird und es hat nichts mit Oper zu tun, dann lese ich das normalerweise nicht. Ich komme allerdings manchmal in Berührung mit solchen Zeitschriften, wenn ich sie bei uns im Badezimmer finde: weil meine Frau ab und zu wissen möchte, ob es Brad Pitt und Angelina Jolie immer noch gut geht und wie sehr Jennifer Aniston darunter leidet, dass Brad sie vor Jahren verlassen hat.

…gemeinsame Opernauftritte mit seiner Frau

Wir haben das letzte Mal 2007 in London gemeinsam eine Oper gesungen. Danach haben wir das aber nicht weiter forciert, wir wollten gar nicht die ganze Zeit zusammen arbeiten. Es ist auch gut, ein unterschiedliches Timing im Leben zu haben. Wobei es natürlich schöner ist, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, als wenn der eine arbeitet und der andere nichts zu tun hat. Ich bin immer sehr glücklich, wenn ich mit so extrem talentierten Künstlern zusammenarbeiten kann, von denen ich lernen kann, Menschen, die diesen Beruf genauso lieben wie Anna und ich.

…Lampenfieber

Das habe ich vor jeder Aufführung. Lampenfieber ist etwas, was ich nicht kontrollieren kann, was ich aber auch nicht kontrollieren will, weil es dafür sorgt, dass meine Konzentration auf 110 oder sogar 120 Prozent hochfährt. Ich kann nicht loslegen, ohne dass meine Akkus komplett aufgeladen sind, dabei spielt Adrenalin eine ganz wichtige Rolle.

…Kondition

Man sollte jeden Tag trainieren. Früher habe ich hauptsächlich geboxt, vor vier Jahren habe ich dann angefangen, mit einem Triathlon-Trainer zu arbeiten. Seitdem besteht mein Training aus Laufen, Radfahren und Schwimmen. Ich kann an einem Tag 45 Kilometer fahren, 10 Kilometer laufen und zwei bis drei Kilometer schwimmen.

…das beste Premierengeschenk 

Vor kurzem bekam ich in London einen wunderbaren Brief von einem Jungen namens Leo. Ich erinnerte mich, als ich 2006 dort Die Hochzeit des Figaro sang, dass Leos Mutter ihren Sohn zu mir hinter die Bühne brachte: Er wollte mir einfach Guten Tag sagen. Ich habe ihn dann mit auf die Bühne genommen und ihm alles hinter den Kulissen gezeigt. Und jetzt, sechs Jahre später, bekam ich nach einer Don Giovanni-Aufführung am Royal Opera House diesen Brief von ihm. Das hat mich als Mensch sehr berührt. Zu sehen, wie Leo wieder in die Oper kam, hat mich als Sänger stolz gemacht, weil ich etwas dazu beitragen konnte, bei einem acht Jahre alten Jungen die Liebe zur Oper zu entfachen. Ich weiß, dass dieser Junge heute nicht allein über Fußball und Fernsehsendungen reden wird.

…die schönste Garderobe

Da fällt mir die von Santiago Calatrava gebaute Oper in Valencia ein, der Palau de les Arts Reina Sofia. Dort sind die Garderoben wie kleine Wohnungen. Ich weiß nicht warum, aber das ist einfach komplett übertrieben (lacht). In den anderen historischen Gebäuden sind die Garderoben sehr klein, da bewegt es mich immer, wenn ich daran denke, wie viele wunderbare Menschen und Stimmen in diesen kleinen Zimmern über die vielen Jahre anwesend waren.

CD-Tipp

Arias
Werke von Mozart, Verdi,
Massenet, Boito, Offenbach, Bizet,
Gounod, Sorozabál & Gomes
Sony Classical

Termine

Freitag, 03.07.2020 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

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