INTERVIEW LIZA FERSCHTMAN

„Wie man ist, so spielt man“

Liza Ferschtman über den Charakter ihrer Stradivari, das geigerische Ideal des Singens und künstlerische Freiheit in Zeiten des Kommerz

Liza Ferschtman © Marco Borggreve

Liza Ferschtman

Ihre Liebe zur Musik ist noch größer als ihre Faszination für die Geige. Liza Ferschtman, Tochter russischer Musikereltern, schätzt tiefgründige Untertöne mehr als bloß brillante Obertöne. Als Künstlerische Leiterin des Kammermusikfestivals von Delft setzt sie auf Musikvermittlung, die begeistert. 

Frau Ferschtman, warum spielen Sie Geige? 

 

Ich bin keine Geigerin, bei der sich alles um das eigene Instrument dreht. Ich muss unbedingt Musik machen. Die Geige ist nur ein Weg zur Musik. Ich habe eine Zeit lang Klavier gespielt, hatte aber keine Begabung dafür. Wenn ich singen könnte, wäre ich Sängerin geworden. Aber ich habe eben keine gute Stimme. Dafür bin ich nun mit einem Sänger zusammen. (lacht) Mich fasziniert auch sehr der tiefe Klang des Cellos – das Instrument meines Vaters. Meine Eltern legten Wert darauf, dass ich normal aufwachsen konnte. Ich war auch kein Wunderkind, aber ich liebte Musik. Erst mit zwölf Jahren ging das Üben mit mehr Disziplin los. So hatte ich die Chance, mich zu entwickeln, und das tue ich hoffentlich immer noch. Die Freiheit und der Spaß am Musizieren sind bis heute meine Motivation.

Ihre Eltern entstammen der legendären russischen Schule. Spüren Sie diese Wurzeln?

 

Dieses System hat ja ganz verschiedene Arten von Musikern hervorgebracht. Da hat man einerseits diese starken Virtuosen mit ihrem klangvollen Spiel, und andererseits diese breit gebildeten Künstler, die sich auch in der Literatur und Kunst sehr gut auskennen. Meine Eltern kommen eher aus dieser Richtung. Wenn manche Leute sagen, sie hörten die russische Seele in mir, dann finde ich es schwer, dies auf meine Eltern, meine Persönlichkeit oder meinen kulturellen Hintergrund aus dem russischen Judentum zurückzuführen.

Wo fühlen Sie sich zugehörig?

 

Das ist schwierig zu sagen. Ich bin Holländerin. Aber sicher auch nicht immer. Als in den Niederlanden aufgewachsenes Kind hatte ich den Vorteil, von „den Russen“ oder „den Holländern“ sprechen zu können. Ich habe immer sehr gern in Holland gelebt. Seit wir jetzt auch in Stuttgart eine Wohnung haben, bin ich da sehr glücklich, vielleicht einfach deshalb, weil die Liebe dort ist. Russisch ist meine Familiensprache, es vermittelt dieses besondere Vertrautsein, obwohl ich seit 15 Jahren nicht in Russland war. Damals hatte ich die Hoffnung, dort etwas zu finden, was mein Mutterland ist, habe das aber nicht gespürt. Darüber war ich enttäuscht. 

Ihr Partner ist Sänger. Spielt das Ideal des Singens eine Rolle für Ihr Geigenspiel?

 

Sehr stark. Zwei Dinge spielen eine Rolle: Da ist diese Lyrik des Singens, man muss mit der Stimme diesen schönen Klang machen, man muss atmen und phrasieren wie ein Sänger. Und da ist das Erzählende des Singens. Für mich ist es sehr wichtig, ohne Text etwas zu erzählen und die Menschen auf diese Weise mitzunehmen. Ich spiele von A nach B, mache ein Komma, spreche dann weiter: Auch komplizierte Zusammenhänge werden so für das Publikum nachvollziehbar. Schon als Kind habe ich Aufnahmen von Sängern wie Kathleen Ferrier, Hans Hotter und Dietrich Fischer-Dieskau gehört. Für meine Eltern war der Gesang das höchste Ideal für alles Musizieren. Ich versuche, mir beim Geigenspielen „Klangworte“ oder sogar Geschichten vorzustellen.

Wie findet man die Balance zwischen Klang und Deklamation?

 

Das ist sehr abhängig von jedem Stück. Ich unterscheide zwischen instrumentalem und musikalischem Spiel. Wenn ich eine Aufnahme abhöre, denke ich manchmal: Das klingt jetzt instrumental richtig gut, aber ich habe noch nicht genug „gesagt“. Man muss aufpassen, nicht nur „schön Geige zu spielen“. Das können viele! Natürlich gibt es Musik, für die der schöne Klang genau richtig ist. Aber in einer Sonate von Beethoven muss man sprechen und zulassen, die reine Schönheit zu verlassen.

Große Sänger erkennt man an ihrem unverwechselbaren Timbre. Wie findet man als Geigerin den eigenen, ganz persönlichen Ton? 

 

Wie man ist, so spielt man. Manchmal ärgere ich mich über mein eigenes Spiel, weil es zu nervös ist. Denn ich bin nun mal kein ganz ruhiger Typ. Wenn das Stück es verlangt, muss man aber genau diese Ruhe suchen, und doch bleibt die eigene Persönlichkeit im Klang immer spürbar. Die Suche nach dem eigenen Ton ist bei uns natürlich sehr von der Geige abhängig. Sehr lang habe ich auf einer sehr schönen Storioni gespielt – eine Geige mit ganz tiefer Stimmung, fast wie eine Bratsche. Nun spiele ich auf einer Stradivari, die eher einer Sopranistin gleicht. Ich habe mir viel Mühe gegeben, damit sie mehr wie ein Mezzo klingt, weil mir dieser Charakter mehr entspricht. Für mich ist es sehr wichtig, dass es unter dem Ton noch etwas gibt, dass es eine Stütze von unten gibt – das ist auch wieder so eine sängerische Vorstellung. Als ich mit meiner neuen Geige anfing, war das, als würde ein Sänger seine Stimmbänder austauschen: Ich habe mich auf Aufnahmen in Stil und Klang nicht genug erkannt. Spieler und Geige müssen einander kennenlernen: Ich musste lernen, was die Geige will. Heute macht meine Stradivari viel mehr das, was ich will. 

Sie spielen ein enorm vielseitiges Repertoire. Schadet oder nutzt das der Karriere?

 

In Holland bin ich weltberühmt. (lacht) Meine Plattenfirma lässt mir große Freiheit, was ich aufnehmen möchte. Jetzt schlug sie allerdings vor, doch mal wieder „großes“ Repertoire anzugehen. Es macht eben wenig Sinn, etwas aufzunehmen, das niemand hören will. Es geht sowohl darum, was mir wichtig ist, als auch darum, was kommerziell Sinn macht. Vor sechs Jahren habe ich von Isabelle van Keulen die künstlerische Leitung des Kammermusikfestivals in Delft übernommen. Hier ist es wunderbar, thematisch arbeiten zu können. Es gibt ein Festivalmotto und ein Unterthema für jedes Konzert. Wir integrieren andere Kunstformen, arbeiten mit Schauspielern zusammen. Für die Musiker selbst wie für das Publikum werden weite Kontexte und neue Konzertformen immer wichtiger, gerade für die Vermittlung der Liebe zur Musik an junge Leute. Die Begeisterung weiterzugeben, ist mir noch wichtiger, als nur schön Geige zu spielen.

CD-Tipp

Biber: Passacaglia „Schutzengel“
Bartók: Sonate Sz. 117
Berio: Sequenza VIII
Bach: Partita No. 2

Liza Ferschtman. Challenge Classics

Termine

Sonntag, 17.03.2019 11:00 Uhr Die Glocke

Liza Ferschtman, Bremer Philharmoniker, Elias Grandy

Strawinsky: Vier norwegische Impressionen, Sibelius: Violinkonzert d-Moll op. 47, Mussorgski/Ravel: Bilder einer Ausstellung
Montag, 18.03.2019 19:30 Uhr Die Glocke

Liza Ferschtman, Bremer Philharmoniker, Elias Grandy

Strawinsky: Vier norwegische Impressionen, Sibelius: Violinkonzert d-Moll op. 47, Mussorgski/Ravel: Bilder einer Ausstellung

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