Abschied von der Bühne: Edita Gruberová

Wahre Schönheit

Die Kaiserin der Koloraturen, das Biest des Belcanto Edita Gruberová verabschiedet sich im sechsten Karrierejahrzehnt von der Bühne.

© Lukas Beck

Edita Gruberova

Edita Gruberova

Ist es nicht zu schön, um wahr zu sein, wenn sie die Sterbe- und Wahnsinns­szenen der Lucia di Lammermoor oder der Anna Bolena singt? Oder geht es im Belcanto von Donizetti und Bellini, den die Slowakin idealtypisch verkörpert und dem sie bis ins sechste Jahrzehnt ihrer atemberaubenden Karriere hinein treu bleibt, gar nicht darum, die Wirklichkeit im naturalistischen Sinne künstlerisch abzubilden? Schließlich bildet der Verismo mit seinen Behauptungen des ungeschminkten Naturalismus auf der Opernbühne (und der Integration von Schluchzern und Schreien in das Ausdruckssprektrum der Sänger) das denkbar krasse Gegenteil dessen, was Belcanto als purer Schöngesang sein soll.

Hier werden Tongirlanden so weit geflochten, wie das Lungenvolumen der Sängerin und die Stütze des Zwerchfells es hergeben. Es werden ganz feine schlanke Tonfäden wie aus dem Pianissimo-Nichts heraus gesponnen, um mithilfe des „Messa di voce“-Effekts behutsam zur vollen Stimme anzuschwellen. Auszierungen der im Grunde oftmals einfachen melodischen Floskeln stehen teilweise bereits in den Noten, gewisse Freiheitsgrade erlauben es den echten Expertinnen des Fachs, ihre Kunstfertigkeit der Gestaltung wie die Drahtseilakte eines sängerischen Salto mortale zu wagen. Wenn eine Edita Gruberová ihre Koloratur­kaskaden vom Stapel lässt, lehrt das Biest des Belcanto uns das Staunen und das gebannte Lauschen, bei dem uns der eigene Mund offen stehen bleibt. Und wir fragen uns: Wie geht das nur, was die Sopranistin uns da vorführt? Wie kann das alles denn bloß möglich sein?

Edita Gruberová: Abschied von der Bühne mit einer Paraderolle

© Wilfried Hösl

Edita Gruberová bei ihrem Abschiedskonzert an der Bayerischen Staatsoper

Edita Gruberová bei ihrem Abschiedskonzert an der Bayerischen Staatsoper

Eine stupende, makellose Technik und deren diszipliniertes Training ohne Unterlass sind die Grundvoraussetzung. In ihrem Studium am Konservatorium ihrer Geburtsstadt Bratislava von 1961 bis 1968 arbeitete La Gruberová daran so intensiv wie bis heute. Allerdings erachtete die 73-Jährige die pandemiebedingte Zwangspause jetzt doch als zu lang, um ihren Sopran weiterhin frisch zu halten. Sie verkündete ihr Karriereende und kündigte zugleich zwei allerletzte Auftritte an – in ihrer slowakischen Heimat, wo sie am 27. November und 1. Dezember in Košice letztmalig in einer ihrer absoluten Parade­rollen auftreten will: als Elisabetta in „Roberto Devereux“ von Gaetano Donizetti. Von der Bayerischen Staatsoper, einem Ort ihrer größten Triumphe, hatte sie sich bereits im März 2019 in ebendieser Rolle von ihren Fans verabschiedet.

Just in München versöhnte sich die szenischen Experimenten eher abgeneigte Kaiserin der ­Koloraturen dann auch mit dem Regietheater. Dank des einfühlsamen Meisterregisseurs Chris­tof Loy erfand sie sich im Herbst ihrer Karriere noch einmal neu. Noch immer wirkt die Gruberová Belcantofäden wie aus feinster Sopranseide, in die sie die Fiorituren einwebt wie hauchzartes Blattgold. Doch jetzt wagt sie nicht weniger als die Emanzipation des Hässlichen im Reiche des Schöngesangs. So erneuert sie, ja rehabilitiert sie auch den Belcanto selbst, der eben doch viel mehr ist als zirzensisches vokales Virtuosentum. Extremtöne biegt sie aus der Piano-Zartheit ins Schrill-Scharfe um. Hässlichkeit wird zum begrenzt, aber bewusst eingesetzten Ausdrucksmittel. Die Diva transzendiert den Schöngesang dialektisch zum Wahrheits­gesang. Da wird die Oper der Romantik dann auf einmal zum Musiktheater – und der Belcanto zur vollendeten Kunstform der wahren Schönheit.

CD-Tipp

Bellini: Norma

Edita Gruberová, Elīna Garanča, Aquiles Machado, Alastair Miles
Vocal Ensemble Rastatt, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Friedrich Haider (Leitung).
Nightingale

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