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Opern-Kritik: Aalto Musiktheater Essen – Die verzauberte Stadt

Explosion verhindert, Familienfrieden gerettet

(Essen, 31.5.2026) Flucht in die Fantasie ist unbedingt erlaubt: Komponist Samuel Penderbayne und das Librettistinnenduo Susanne Lütje und Anne X. Weber haben mit „Die verzauberte Stadt“ auf Basis des Romans von Edith Nesbit eine fulminante Familienoper ersonnen.

vonMichael Kaminski,

Eine Patchworkfamilie findet zueinander. Schön, wenn es denn immer so wäre. Im Essener Aalto Musiktheater endet das Ganze tatsächlich freudig: „Oper aus, Schlussapplaus!“ – So jubelt es nach anderthalb Stunden final von der Bühne. Der Weg dahin freilich ist gleichermaßen konfliktgeladen und abenteuerlich. Der dreizehnjährige Philip kann die drei Jahre jüngere Lucy nicht leiden. Die Einladung zum Mikadospiel lehnt er ab. Schwerer noch wiegt, dass der Junge ihren Vater Peter als Konkurrenten um die Aufmerksamkeit seiner Mutter Helen fürchtet. Als die Erwachsenen – kaum sind Mutter und Sohn zu Peter und Lucy gezogen – zu einem Wochenendtrip aufbrechen, fühlt sich Philip hoffnungslos im Stich gelassen. Er flüchtet sich ins Kinderzimmer, wo er einschläft und sich bald in einer aus dem eigenen Spielzeug erstandenen Traumwelt wiederfindet, der „verzauberten Stadt“.

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Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen
Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen

Ansprechend für Klein und Groß

Kein Zweifel, das bewährte Librettistinnenduo aus Susanne Lütje und Anne X. Weber bedient sich auf Basis des gleichnamigen Romans von Edith Nesbit eines Sujets, das – an sich selbst oder im näheren Umfeld erfahren – beinahe jede und jeder der kleinen und großen Besucher dieser „Familienoper“ kennen dürfte. Flucht in die Fantasie ist erlaubt. Gerade das Entkommen in imaginäre Welten bietet Lösungen an. Der verzauberten Stadt dräut Unheil. Sie zu retten, muss Philip einen Drachen bekämpfen, umherirrenden Piraten eine Heimat beschaffen und ein Labyrinth aus Mikadostäben durchirren, um eine Zeitzünderbombe zu entschärfen.

Alles dies kann nur durch den tatkräftigen Beistand des Roboters Roshan und der unversehens in die bedrohte Traumwelt gelangten Lucy glücken. Die Qualität des Librettos zeigt sich in der langsamen und eher pragmatisch motivierten Annäherung der beiden Kinder. Nachvollziehbar projiziert Philip die Mutter zur Königin der verzauberten und rettungsbedürftigen Stadt, ihren neuen Partner zum Piratenkapitän. Letzterem weist er auf einer herbeiphantasierten Insel ein neues Heim an. Verkehrte Welt, in der wirklichen ist es dem Jungen andersherum widerfahren. Weil aber die Imagination ihr Recht erhält, gelingt Philip, die Realität anzunehmen.

Lütje und Weber würzen die lebenskluge Story mit einer Menge Ironie und Sprachwitz samt scheinbar an den Haaren herbeigezogenen und doch irgendwie logischen Gründen. So ängstigen sich die Seebären der steigenden Flut halber vor dem Sesshaftwerden. Lieber navigieren sie auf Wellenkämmen. Auf’s Ganze gesehen, eine unwiderstehliche Charmeoffensive.

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Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen
Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen

Oper durch und durch

In die Samuel Penderbayne munter einstimmt. Des Tonsetzers Partitur ist gewiss eines: veritable Oper. Arien, Duette und chorverstärkte Ensembles bezeugen hochkompetenten und effektsicheren Umgang mit musiktheatralen Traditionen und Formen. Wann immer sich Alltagssituationen pseudopathetisch aufschwingen, nie werden sie vollends der Lächerlichkeit preisgegeben, immer bleibt ihre letztliche Relevanz für das familiäre Zusammenleben vernehmbar. Selbst durch das affektierte Gehabe der Königin und die Aufschneiderei des Piratenkapitäns dringt der ihnen die Sympathie erhaltende menschliche Faktor. Letzterer für eine „Familienoper“ unverzichtbar. Selbstredend bewegen sich die beiden Kinder auf ebenso gefälligen wie einprägsamen sanglichen Linien. Lediglich das Au-pair Nique scheint diesen Rahmen zu sprengen. Sich von Eltern und Kindern missachtet dünkend, mutiert sie zu einer Furie in Königin-der-Nacht-Manier. Nur zu verständlich, dass sie eine Bombe baut und deren Zeitzünder programmiert. Doch nach dem durch die Kinder vereitelten Anschlag, erfüllt sich dennoch der jungen Frau großer Wunsch nach einer Geburtstagstorte. Alles gut.

Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen
Szenenbild aus „Die verzauberte Stadt“ am Aalto Musiktheater Essen

Der gesamte Theaterapparat im Einsatz

Einnehmend lässt Regisseurin Louisa Proske Fantasie und Realität miteinander wechselwirken. Eine ohne die andere wäre Armutszeugnis. Beide bedürfen einander ganz unbedingt. Und selbstverständlich sind Mütter immer auch Königinnen und Väter Piratenkapitäne. Um Bombenlegerei und auch sonst ganz und gar unnötigen Terrorismus zu vermeiden, gilt es, die Bedürfnisse selbst von Au-pairs zu beachten. Bühnen- und Kostümbildner Nils Momme Hinrichs verbindet neuerlich Videos mit materiell Gegenwärtigem. So speit denn dank Judith Selenko der Drache filmisches Feuer, seine Schwanzspitze aber ist Werk der Theaterplastiker.

Auch musikalisch kommt die Uraufführung erfreulich daher. Am Pult der Essener Philharmoniker kitzelt Michael Zlabinger den beträchtlichen Unterhaltungswert der Partitur heraus und beglaubigt gleichzeitig deren ernsthafte Opernqualitäten. Aljoscha Lennert ist ein tenoral gewinnender Philip. Liebenswert und tough verkörpert Mercy Malieloa die pragmatische Lucy. Für Helen und die Königin der verzauberten Stadt verfügt Idil Kutay über einen warm grundierten lyrischen Sopran. Tobias Greenhagh stattet Peter und den Piratenkapitän mit baritonaler Durchsetzungsfähigkeit aus. Liliana de Sousa ist die vokal gebührend mürrische und später furienhafte Nique. Trefflich fügt sich Schauspieler Valentin Stroh als Roshan ins Ensemble.       

Aalto Musiktheater Essen
Penderbayne: Die verzauberte Stadt   

Michael Zlabinger (Leitung), Louisa Proske (Regie), Nils Momme Hinrichs (Bühne u. Kostüme), Mark Brose (Licht), Judith Selenko (Video), Patrick Jaskolka (Chor), Mercy Malieloa (Lucy), Aljoscha Lennert (Philip), Idil Kutay (Helen / Königin), Liliana de Sousa (Nique), Tobia Greenhalgh (Peter / Jack-in-the-Box / Piraten-Ken), Valentin Stroh (Roshan), Essener Philharmoniker, Opernchor des Aalto-Theaters



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