Opern-Kritik: Bühnen Halle – Ein Sommernachtstraum

Die Welt als Theater oder die Poesie der Musik

(Halle, 18.9.2021) An der Oper Halle gibt der neue Intendant Walter Sutcliffe seinen Einstand mit einer eigenen Inszenierung von Benjamin Brittens „Ein Sommernachtraum“.

© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Federico Pedrotti

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Vanessa Waldhart, Ki-Hyun Park, Leandro Marziotte

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Vanessa Waldhart, Ki-Hyun Park, Leandro Marziotte

Der Brite Walter Sutcliffe hätte es sich auch einfacher machen können mit seiner Antrittsinszenierung in Halle. Der neue Intendant der Oper hat sich nicht für eine der gängigen Repertoirefavoriten des Stammpublikums entschieden, sondern für ein künstlerisches Statement, das den Intendanten und den Regisseur sozusagen programmatisch vorstellt. Benjamin Brittens Dreiakter „A Midsummer Night’s Dream“ aus dem Jahre 1960 – vielleicht vor allem als Zugeständnis an das vor Ort nicht an Britten gewöhnte Publikum nicht in der Originalsprache, sondern auf Deutsch.

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Brittens Shakespeare-Oper wirkt nicht über einzelne Arien oder Chöre, sondern nur als Gesamtkunstwerk

© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Federico Pedrotti

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Vanessa Waldhart, Ki-Hyun Park, Sergiy Mishchurenko, Leandro Marziotte

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Vanessa Waldhart, Ki-Hyun Park, Sergiy Mishchurenko, Leandro Marziotte

Dabei hatte ihm sein Vorgänger Florian Lutz (der als Generalintendant in Kassel am kommenden Wochenende durchstartet) in der Endphase seiner ambitionierten, im Ganzen erfolgreichen, von der Politik aber dennoch vorzeitig beendeten Intendanz, sogar die traditionelle Händel-Inszenierung überlassen, die die Oper jedes Jahr zu den größten deutschen Händel-Festspielen beisteuert. Und Sutcliffe hat diesen Händel („Brockes-Passion“) auch – trotz aller Restriktionen – bis zur Generalprobe fertiggeprobt (Premiere am 3. Oktober). Ebenfalls bis zur Generalprobe fertig ist die weiterentwickelte „Tristan und Isolde“-Inszenierung von Jochen Biganzoli aus Hagen, die dann im November herauskommen soll. Beides übrigens (so viel darf man verraten) alles andere, als die von manchen Lutz-Gegnern erhoffte ästhetische Rolle rückwärts. Überhaupt wird es noch spannend, in welchem Umfang das Opernpublikum in sein Haus zurückkehren wird. In Halle hat man die kurze Phase, in der z. B. die Oper Magdeburg eine neue Musical-Produktion mit einer Voraufführung schon mal seinen Zuschauern präsentiert hat, lieber zum Renovieren als zum Bei-der-Stange-halten seines Publikums benutzt.

Zur Eröffnungspremiere waren jetzt auch nur 250 Zuschauer zugelassen. Am Tag zuvor waren es beispielsweise in Meiningen bei ähnlichen Platzkapazitäten 500. Man kann nur auf die Zeit hoffen, in der auch in den Theaterbetrieben alle Mitarbeiter geimpft sind, um mit 2G-Regel zu einem halbwegs normalen Post-Corona-Modus zu finden.

Unter dem Aspekt war das Massenaufgebot an Personal für den Sommernachtstraum geradezu kühn. Aber es hat sich gelohnt. Brittens Shakespeare-Oper wirkt nicht über einzelne Arien oder Chöre, sondern nur als Gesamtkunstwerk. Die über zwanzig Partien erlauben einen Aufmarsch der Künstler des Hauses. Inklusive des Kinder-und Jugendchores, dem die Teilung in spielende und singende Akteure in der Einstudierung durch Bartholomew Berzonsky und Peter Schedding gut gelang. Das endlich wieder eingeführte, solide informative Programmheft weist bei den 15 Hauptpartien nur drei Gäste aus. Vor allem Leandro Marziotteals geschmeidig verschlagener Oberon ist eine durch das Stück gebotene exzellente Komplettierung des Hausensembles. Vanessa Waldhart ist seine vehement auftrumpfende Ehe- bzw. Streitpartnerin Tytania.

Verliebte Paare schlendern schon vor Beginn der Aufführung durch die Foyers des Hauses

© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Federico Pedrotti

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Ki-Hyun Park, Mitglieder des Kinder- und Jugendchores der Oper Halle

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Ki-Hyun Park, Mitglieder des Kinder- und Jugendchores der Oper Halle

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Dass auf Deutsch gesungen wird, wirkt dank des selbst schon klassischen Schlegel-Klangs des Shakespeare-Textes zwar nicht so peinlich wie in manch anderen Fällen, aber für den Gesang ist es mitunter eine Herausforderung. Dennoch bleibt auch da ein Restnebel über der Frage, wer hier eigentlich gerade auf wen scharf ist und wer das erwidert oder warum gerade nicht, bei den vier jungen Leuten Helena (Linda von Coppenhagen), Demetrius (Andreas Beinhauer), Hermia (Yulia Sokolik) und Lysander (Chulhuyun Kim) im Raum. Verliebte Paare in deren Aufzug schlendern schon vor Beginn der Aufführung durch die Foyers des Hauses. Aber auf diese Mozartsche „Così-fan-tutte“-Irritation kommt es im Detail eh nicht an. Am Ende, nach der Zaubernacht mit der Verwirrung der Gefühle und des Begehrens, sind wenigstens die Betroffenen etwas schlauer. Und auch wir haben was über Schein und Wirklichkeit gelernt. Und über das Theater.

Sutcliffe erzählt etwas über dessen Verhältnis zum Leben und wie das Eine ins Andere greift. Er macht aus dem Stück ein Theater auf dem Theater. In einer Ästhetik, die auf den ersten Blick seltsam abstrakt, ja sogar unterkühlt wirkt, aber zunehmend ihre eigene suggestive Atmosphäre entfaltet. Er übersetzt das Flirren der Sommernacht in einen Theaterraum, der ohne jeden naturalistischen Grashalm auskommt. Dadurch gibt er der Musik den Raum, um ihre magische Wirkung zu entfalten. Das ist kein Selbstläufer, man muss sich schon darauf einlassen, aber es funktioniert.

Mehr als ein Traum in einer Sommernacht?

© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Federico Pedrotti

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Andrii Chakov, Kristian Giesecke, Robert Sellier, Ki-Hyun Park, Gerd Vogel

Brittens „Sommernachtstraum“ in Halle: Andrii Chakov, Kristian Giesecke, Robert Sellier, Ki-Hyun Park, Gerd Vogel

Jon Bausor hat die wabenartige Deckenverkleidung des Opernhauses (nicht schön, eher Marke Staubfänger, aber endlich mal wieder blitzblank geputzt) in mehreren Segmente bis in die Tiefe der Hinterbühne verlängert, samt weiterem Vorhang und einem (magischen?) Neonkreis um die spiegelglatte Spielfäche. Herzog Theseus (spielfreudig: Ki-Hyun Park) und seine Frau Hippolyta (Gabriella Guilfoil) beginnen als Zuschauer wie wir. Aber Theseus wird alsbald hineingezogen. Neben seiner eigenen Spiegelung als Elfenkönig Oberon, aber auch als dessen rechte Hand Puck. Der geistert in Gestalt von Sergiy Mishchurenko parallel noch einmal im dunklen Ganzkörperkondom als gesichtsloser Schatten eindrucksvoll durch die Szene.

Die Handwerkertruppe (bei den Kostümen greift Dorota Karolczak auf das Saaldeckendesign zurück) steigt über den Zuschauerraum ins Spiel ein und schafft es bei der Aufführung ihres Stückes von „Pyramus und Thisbe“ tatsächlich zu einem komischen (Kabinett-)Stück im Stück. Das ist auch deshalb so unterhaltend, weil in den Übertiteln auch die Quellen für die von Britten zahlreich verwendeten musikalischen Zitate aus der Musikgeschichte angezeigt werden. Und natürlich, weil vor allem Michael Zehe als Squenz und Gerd Vogel als Zettel eine vokale und darstellerische Klasse für sich sind.     

Die Staatskapelle spielte in einer etwas über 30-köpfigen Besetzung mit betörender Präzision und erfüllte mit Michael Wendeberg am Pult die besondere Herausforderung, den atmosphärischen Teil des Gesamtkunstwerkes beizusteuern, ganz hervorragend. In Halle fragen sich viele Konzert- und Opernbesucher schon länger, wieso man Wendeberg nicht längst zum nominellen Chef der Staatskapelle gemacht hat. Aber personalpolitische Weitsicht ist in Halle eher Glücksache. Walter Sutcliffe könnte als regieführender Intendant die aktuelle Ausnahme sein. Also mehr als ein Traum in einer Sommernacht.

Bühnen Halle
Britten: Ein Sommernachtstraum

Michael Wendeberg (Leitung), Walter Sutcliffe (Regie), Jon Bausor (Bühnenbild), Dorota Karolczak (Kostüme), David Laera (Choreografie), Sergiy Mishchurenko (Artistik), Peter Schedding/Bartholomew Berzonsky (Kinderchor), Boris Kehrmann (Dramaturgie), Victor Schenke (Licht), Leandro Marziotte (Oberon), Vanessa Waldhart (Titania), Sergiy Mishchurenko (Puck), Ki-Hyun Park (Theseus), Gabriella Guilfoil (Hippolyta), Chulhyun Kim (Lysander), Andreas Beinhauer (Demetrius), Yulia Sokolik (Hermia), Linda van Coppenhagen (Helena), Gerd Vogel (Zettel), Squenz Michael Zehe (Peter), Robert Sellier (Flaut), Matthias Schulze (Schnock), Kristian Giesecke (Schnauz), Andrii Chakov (Schlucker), Staatskapelle Halle, Kinder-und Jugendchor der Oper Halle, Statisterie der Oper Halle

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