Opern-Kritik: De Nationale Opera – Les contes d’Hoffmann

Gedankenopulenz im Setzkasten

(Amsterdam, 3.6.2018) Jaques Offenbachs Künstleroper glänzt in einer enorm klugen Produktion und einer sängerischen Spitzenbesetzung

Les contes d'Hoffmann/De Nationale Opera © Matthias Baus

Szenenbild aus "Les contes d'Hoffmann"

Pierre Audi hält einen der Langzeitrekorde unter den Intendanten europäischer Opernhäuser. Seit 1988 bestimmt er das künstlerische Profil des ersten Opernhauses der Niederlande in Amsterdam. Die aktuelle Inszenierung von Jaques Offenbachs „Les contes d’Hoffmann“ ist die letzte eigene Neuproduktion seiner Intendanz. Im kommenden Jahr wird er das wichtigste französische Musikfestival in Aix-en-Provence übernehmen.

Dass er in diesem Jahr mit „Parsifal“ an der Bayerischen Staatsoper die Münchner Opernfestspiele eröffnet, kann als Referenz an einen Ermöglicher gesehen werden, der als Intendant immer auch das Außergewöhnliche im Blick hatte und als Regisseur die Konkurrenz nicht scheut: Etliche Uraufführungen, Grand Opéras, die Elite der deutschen Regisseure, Spitzensänger und Dirigenten – er hat sein Haus auch in politisch schwieriger werdenden Zeiten auf Kurs gehalten. Amsterdam liegt geographisch am Rand von Opern-Europa – dank Audi gehört es ohne Zweifel nicht nur dazu, sondern zum Kern.

Szenenbild aus "Les contes d'Hoffmann"

Les contes d’Hoffmann/De Nationale Opera © Matthias Baus

Das Protagonisten-Ensemble der Kategorie 1A ist die Morgengabe des Hauses

Da ist es nur gerecht, wenn das Finale so spektakulär gelingt, wie jetzt mit Tobias Kratzers Inszenierung! Der Deutsche, der u. a. gerade in Karlsruhe eine Aufsehen erregende „Götterdämmerung“ hingelegt hat und im nächsten Jahr in Bayreuth den neuen „Tannhäuser“ inszenieren wird, hat zugelangt. Das Protagonisten-Ensemble der Kategorie 1A ist die Morgengabe des Hauses. Nicht eine Schwachstelle! John Osborn wird seinem Ruf als einer der besten Hoffmann-Interpreten voll gerecht. Hoffmanns drei „Wunschfrauen“ – Nina Minasyan (Olympia), Ermonela Jaho (Antonia) und Christine Rice (Giulietta) – sind wohltuend verschieden und jede auf ihre Art erstklassig. Herausragend ist die Muse von Irene Roberts, die in dieser Inszenierung als in ihren Mentor verliebte Frau mal als nicht als Hosenrolle zwischen den Geschlechtern changiert.

Und da ist natürlich Erwin Schrott, der die teuflischen Rollen im Stück (Lindorf, Coppélius, Doktor Miracle und Dapertutto) allesamt mit Abstufungen seines finsteren Charismas (zwischen Mäzen und Zuhälter) und gewaltiger Stimmkraft ausstattet. In den Dienerrollen Andrès, Cochenille, Frantz und Pitichinaccio stellt auch Sunnyboy Dladla (der Vorname ist echt) seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Alle Nebenrollen stimmen, und im weiten, dicht gefüllten Graben legt sich Carlo Rizzi am Pult des Rotterdamer Philharmonischen Orchesters mit Temperament und Leidenschaft als Anwalt Offenbachs ins Zeug. Musikalisch und stimmlich ist diese Produktion ein Wurf aus einem Guss.

Die Bude eines schlecht bezahlten Selbstverwirklichers

Szenenbild aus "Les contes d'Hoffmann"

Les contes d’Hoffmann/De Nationale Opera © Matthias Baus

Szenisch geht es nicht weniger spektakulär zu. Ausstatter Rainer Sellmaier hat für diesen Trauma-Mehrteiler über eine Künstlerpsyche eine atemberaubende Setzkastenbühne gebaut. Die Behausung Hoffmanns erinnert an die Bude eines schlecht bezahlten Selbstverwirklichers. Sie „schwebt“ in der Bühnenmitte. Bett, Schreibtisch, Klavier und Grafikschrank, Fotos auf der Leine und ein griffbereiter Flaschenvorrat – was der dichtende oder bildende Künstler eben so braucht. Für die Freunde ist die Tür zum Saufen und Singen, Blödeln und Koksen immer offen. Wenn der elegante Mäzen mal vorbeischaut, kriegt der auch nur Pizza aus der Schachtel. Und macht vorher lieber das Glas nochmal sauber, bevor er sich einen einschenken lässt.

Wenn die Glasaugen nicht für alle Versuchsexemplare reichen

Dieses „bei Hoffmann daheim“ ist das Zentrum. Drum herum öffnen sich die Räume für die Geschichten seiner drei „Teil-Frauen“. Gespenstisch ist das schon beim Olympia-Konstrukteur, bei dem die Glasaugen offenbar nicht für alle Versuchsexemplare reichen. Die misslungenen entsorgt er in Verschlägen auf dem Dachboden. Die Gelungene führt er der gaffenden Menge in einem kleinen Haustheater vor. Im Keller auf einer kleinen Bühne singt Olympia. Gleich nebenan im Bett spielt sie hopsend in Reiterstellung die Liebende. Und das Publikum feixt sich eins.

Les contes d’Hoffmann: Dem Schock der Erkenntnis folgt die Katastrophe

Im etwas nobleren Hause strebt dann Antonia im wahrsten Wortsinn nach Höherem. Erst ins Tonarchiv und dann hinauf zu der Stimme der toten Mutter, die von oben kommt. Da sich die Stimme nur als ein altmodisches Trichter-Grammophon auf dem Dachboden entpuppt, folgt dem Schock der Erkenntnis die Katastrophe – Antonia zerbricht die Schellackplatte und macht ein Bruchstück zum Selbstmordwerkzeug. Daheim verfolgt die „Muse“ Hoffmanns Traumaverarbeitung durch Nacherzählen und Durchleben des Endes dieser beiden Frauen nicht nur mit, sie durchleidet sie auch. Erkennt sich selbst als Opfer der Beziehungsunfähigkeit eines Künstlers, der diese Erfahrungen allenfalls in seiner Kunst verarbeitet.

Szenenbild aus "Les contes d'Hoffmann"

Les contes d’Hoffmann/De Nationale Opera © Matthias Baus

Mit einem Augenzwinkern dann der Venedig-Akt. Zur Barcarole gibt es nicht die schunkelnden Gondeln auf dem Canale Grande, sondern einen Verweis auf den Ursprung dieses Offenbach-Hits. Was sich da gleichsam in den unterirdischen Kanälen tummelt, erinnert an Offenbachs fast vergessene Oper „Rheinnixen“ und wird zum Ort des Unterbewussten. Der Schattenverkäufer Schlemihl setzt sich hier einen Goldenen Schuss. In seiner „richtigen“ Welt hat Hoffmann derweil selbst ein solches Drogenproblem, dass sich seine Freunde bzw. Saufkumpane von ihm zurückziehen. An der Rampe, außerhalb der eigentlichen Szene – von wo vorher der teuflische Einflüsterer immer Mal das Publikum angesungen hat, versammelt sich das komplette Personal noch einmal, während die Muse ihre Bemühungen um Hoffmann auf- und ihm die Studien, die sie im Laufe der Zeit gemacht hat, übergibt. Das aufgeschlossene Amsterdamer Premierenpublikum ließ sich von der Musik begeistern und auf Kratzers so intelligente wie opulente Lesart ein.

De Nationale Opera
Offenbach: Les contes d’Hoffmann

Carlo Rizzi (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Rainer Sellmaier (Bühne & Kostüme), Bernd Purkrabek (Licht), Nina Minasyan, Ermonela Jaho, Christine Rice, Irene Roberts, Eva Kroon, John Osborn, Erwin Schrott, Rodolphe Briand, Paul Gay, François Lis, Sunnyboy Dladla, Mark Omvlee, Frederik Bergman, Alexander de Jong, Peter Arink, Rotterdam Philharmonic Orchestra

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Weitere Termine: 15., 21., 24. & 28.6., 2.7.2018

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