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Opern-Kritik: Deutsches Nationaltheater Weimar – La cenerentola

Die guten Geister von Weimar

(Weimar, 16.3.2023) Auf der (post)bildungsbürgerlichen Weimar-Tour von Don Magnifico trainieren seine Töchter den Blick auf das Wesentliche: einen Mann mit Geld und Macht. Regisseur Roland Schwab beamt Rossinis Märchenoper mit Fortune in die Klassikerstadt mit all ihren Geistesgrößen.

vonRoland H. Dippel,

In einfacher Sprache lässt sich Immanuel Kants kategorischer Imperativ etwa so auf den Punkt bringen: „Menschlichkeit siegt“ oder „Triumph der Güte“. Letzteres entspricht dem zweiten italienischen Titel von Gioacchino Rossinis zweiaktigem und fast dreistündigem Komödien-Meisterstück „La cenerentola ossia La bontà in trionfo“. Regisseur Roland Schwab ist sonst eher der Regie-Spezialist für systemische und deshalb menschliche Deformationen, die er gern unter kaltem Licht seziert und blutig ausbreitet. Aber er kann auch poetisch sein, was er bei den Bayreuther Festspielen in „Tristan und Isolde“ bewiesen hat – und er liebt kenntnisreich die Stätten der Klassik Stiftung. Deshalb beamte er das von Jacopo Ferretti für die Uraufführung im Teatro Valle in Rom 1817 mit einem aufklärerischen Experiment angereicherte „Aschenputtel“ konzeptionell in die Klassikerstadt.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Es geht natürlich um mehr als ein mediterranes oder mitteldeutsches oder universelles Märchen. Im Deutschen Nationaltheater kann man mit kleinen Fragezeichen auf den durch Schwab umgewichteten und umgerüsteten Figurenstamm blicken, der in Rossinis Dramma giocoso seinen Ursprung in der Commedia dell‘arte hat. Dass bei Rossini statt einer guten Fee der Philosoph Alidoro dem Prinzen Ramiro die ideale Frau und Aschenputtel das große Glück zuspielt, lässt natürlich an die von Herzogin Anna Amalia als Prestige-Bollwerk gegen die wirtschaftliche Impotenz des Herzogtums gesetzten Bildungsideale denken.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Selfie-Attraktion Weimar

Die hier eher dummdreisten als bösen Stiefschwestern sind mit ihrem etwas buchhalterisch wirkenden Vater auf Weimar-Tour, wie das Video zur Ouvertüre zeigt. Vater Magnifico klopft an beim Direktor des 2004 durch Brand zerstörten und wie Phönix aus der Asche wiedererstandenem Ort und Hort gesamtdeutscher Bildungsvorbildlichkeit. Clorindina und Tisbetta wirbeln gleich durch den schönen Prunk- und Geistesprunkraum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Beider Staunen reicht immer nur wenige Sekunden. Dann muss der nächste Superkick her, spätestens wenn sich die Location als Selfie-Attraktion erledigt hat. Steile Zähne sind sie und haben – Feminismus hin oder her – den Blick auf das Wesentliche, nämlichen einen Mann mit Geld und Macht. Lässig und selbstbewusst fackeln sie beim Rauchen die Bibliothek ab und tänzeln leichtfertig weiter. Angelina Aschenputtel immer hintendran – grauer geht’s nicht. Schwab konkretisiert so Ängste des sogar in Weimar schrumpfenden Bildungsbürgertums mit krasser Überzeichnung und schönen, natürlich sanft ironischen Träumen von einer unversehrt wirkenden Vergangenheit. Der Männerchor trägt Büsten aus der Bibliothek als Gesichter.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Sehnsuchtsort Weimar

Der erste Teil spielt dagegen vor einer Bauschutt- und Müllhalde, aus denen sich Figuren wälzen. Diesen burlesken Kontrast brauchen Roland Schwab und sein Bühnenbildner Piero Vinciguerra, um das Wahre, Gute, Schöne desto hymnischer glänzen zu lassen. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek senkt sich nieder und steht dann fest, fast so zuckerig wie die Amalienburg in Otto Schenks legendärem Münchner „Rosenkavalier“. Man sieht also auch, was die Schwestern anmacht. City-Hopping ist geil. Aber nur so lange, bis sie beim vermeintlichen Prinzen nicht ankommen und dann eine Schnute ziehen.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Der Hofphilosoph Alidoro steigt aus Tischbeins Gemälde wie Goethe aus der Campagna zurück an den Weimarer Hof. Großer Hut, sandfarbener Mantel, blaue Westen, gelbe Hosen. Nach dem Kleidertausch mit dem Prinzen Ramiro trägt sein Kammerdiener Dandini die gleiche Paradeuniform wie Goethes Freund und Dienstherr Carl August. Angelina erscheint zum Brautschau-Bankett auf der oberen Galerie der Bibliothek im Hofkleid wie Anna Amalia. Zu ihrem quirligen Duett werfen Prinz und Diener mit Goethe-Zitaten auf Texttafeln um sich, auch einigen weniger anständigen. Nach wem genau denn der Prinzenbegleiter neben Goethe modelliert ist, bleibt offen. In Pausengesprächen tippte man auf Eckermann, Wieland, Kant und sogar Herder. Letztlich ist das historische Vorbild für die Verwechslungsgeschichte nicht so wichtig. Und es ist ein schönes Bild, wenn zum Finale nach der Bibliothek sogar noch das Goethe-Schiller-Denkmal herabsinkt und Angelina zwischen den Statuenbeinen der Geistestitanen ihr Koloraturfeuerwerk entzündet. Gabriele Rupprechts Kostüme schweben dazu zwischen Goethezeit und Gegenwart.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Staatskapelle kann Rossini

Andreas Wolf setzt im Orchestergraben zuerst auf Kontraste. Er bewegte sich in der Ouvertüre und den ersten Nummern fast nur in Extremen, bleischwer und blitzflink. Ab dem Duett Ramiros und Angelinas wird der Grundton singender, schwebender. Solostimmen und Holzbläser der auch in diesem Repertoire souveränen Staatskapelle Weimar finden schmelzend zusammen.

Szenenbild aus „La cenerentola“
Szenenbild aus „La cenerentola“

Ein solitärer Exot ist der Philosoph Goethe-Alidoro bei Philipp Meierhöfer auch stimmlich. Er singt seine große Arie „Lá del ciel nell‘arcano profondo“, welche mit Fug und Recht eigentlich statt den Sarastro-Arien eine Freimaurer-Hymne sein sollte, mit fast hellem Bariton. Ebenfalls baritonal geht Ilya Silchuk die vielen Einwürfe des Dandini an. Taejun Sun erobert sich die Paradepartie des Ramiro leicht, dunkel und mit entspannter Höhe – ein Märchenprinz an Stimme und Temperament. Sayaka Shigeshima macht als Angelina mehr Eindruck durch die stille Intensität der Zurückgesetzten denn als genuiner Koloratur-Mezzo. In Rossinis Paradepartie verhüllt sie mit nicht sonderlich dunklem Timbre einige Flüchtigkeiten in den Koloraturen.

Ihr im Grunde lyrisches Grundmaterial kommt in der d-moll-Kanzone am besten zur Geltung. Sayaka Shigeshima und Uwe Schenker-Primus als Vater Magnifico, dessen Drang zum Weinkeller Schwab mit dem Erscheinen bacchischer Geister bebildert, sind stabile Ensemblesäulen. Schenker-Primus zeigt Magnificos raumgreifenden wie schwachbrüstigen Karriereopportunismus im Charaktergepäck und verhält sich deshalb auch stimmlich nicht sonderlich exponiert. Ylva Sofia Stenberg als Clorinda und Marlene Gaßner als Tisbe sind großartig und behaupten sich mit Impertinenz sogar beim apotheotischen Finale. Das Publikum umjubelte das Ensemble, das Orchester, die Inszenierung und Rossini.

Deutsches Nationaltheater Weimar
Rossini: La cenerentola

Andreas Wolf (Leitung), Roland Schwab (Regie), Piero Vinciguerra (Bühne), Gabriele Rupprecht (Kostüme), Christian Schirmer (Licht), Andreas Günther (Who-be) (Video), Michael Höppner (Dramaturgie), Sayaka Shigeshima, Taejun Sun, Uwe Schenker-Primus, Jonathan Michie / Ilya Silchuk, Philipp Meierhöfer, Ylva Sofia Stenberg, Marlene Gaßner, Opernchor des DNT, Staatskapelle Weimar



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