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Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genève – Castor et Pollux

Tanzende Körper in der Ursuppe

(Genf, 19.3.2026) Bei seinem Opernregiedebüt in Genf lehrt uns Choreograf Edward Clug auf feinsinnige Weise das Staunen. Poesie, Fantasie und Magie schlagen jeglichen Realismus in Rameaus barockem Wunderwerk „Castor et Pollux“.

vonPeter Krause,

Wenn eine Opernbühne von Einkaufswagen befahren wird, hat das meist mindestens zwei Gründe: Regieteams behaupten Naturalismus, also eine möglichst große Nähe der Kunst zur Welt da draußen, und: sie üben Kapitalismuskritik: Denn die rollenden Gefährte aus Supermärkten sind hier in der Regel gar nicht mit frischem Gemüse, sondern mit den Habseligkeiten der Unterprivilegierten gefüllt, der Obdachlosen also, die darin quasi ihren Hausstand mit sich führen. Die (zumindest ursprüngliche) Absicht dabei: Dem mehrheitlich bürgerlichen Opernpublikum eine Lektion erteilen, am Elend der Welt eine Mitschuld zu tragen. Nicht so allerdings beim Opernregiedebüt von Edward Clug. Der in Rumänien geborene Choreograf arbeitet zwar am Grand Théâtre de Genève wie etablierte Kollegen des Regiehandwerks auch mit Versatzstücken des Realismus. Doch mit letzteren will er so gar nicht verkrampft den erhobenen Zeigefinger auf die Gäste der Aufführung richten. Er schafft vielmehr mit den durchaus etablierten Mitteln der Regie ungeahnte Räume der Illusion, der Assoziation, ja, der Magie: eine Absicht und Haltung, die Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ aus dem spätbarocken Jahr 1737 (man spielt die Pariser Urfassung des Werks, jedoch ohne den Prolog) auf wunderbare Weise entgegenkommt. Denn der Barockoper ist die Stilisierung eingeschrieben, das subtile Beziehungsgeflecht aus antikem Stoff und aristokratischer Gegenwart, in dem Obergott Jupiter am unbedingt guten Ende als Deus ex Macchina ganz wie der weise absolutistische Herrscher des seinerseits noch gültigen Gesellschaftsmodells die allzu menschlichen Leidenschaften und Konflikte zu lösen und harmonisieren weiß.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Antike Zwillingsbrüder im Zwist der Liebe

So viel Happy End ist sonst (zumal in den Jahrhunderten hernach) also nie in der Oper. Wobei die Grundkonstellation dennoch immer die gleiche bleibt: Zwei Männer (einer mit hoher, einer mit tiefer Stimme) begehren dieselbe Frau, die ihrerseits nur einen der beiden Herren liebt: in aller Regel jenen mit der hohen Stimme. Bei Rameau und seinem Librettisten Pierre-Joseph Bernard geht dieses erotische Dreieck wie meist in der Oper des Barock auf die griechische Antike zurück. Da sind die titelgebenden Herren Castor und Pollux nun sogar Zwillingsbrüder mit derselben Mutter, Leda, aber mit verschiedenen Vätern: Pollux ist göttlichen Ursprungs, Spross des Jupiter, und somit unsterblich; Castor hingegen hat einen menschlichen Vater, Tyndareus, er ist somit ein ganz normaler Sterblicher. Leda empfing beide Herren in der derselben Nacht: Der wie immer trickreiche Jupiter-Zeus hatte sich dazu kurzzeitig in einen Schwan verwandelt.

Nun ringen die ungleichen Brüder also um Télaïre, die allein Castor angehören will. Der fällt freilich im Krieg, was ihm in der Oper lange gar nichts zu singen gibt. Télaïre bittet Pollux, bei Papa Jupiter die Wiedergeburt des Bruders zu bewirken, was den Unsterblichen in einen krassen Konflikt bringt: Gibt er dem Wunsch der auch von ihm Geliebten nach, dann zieht er gegenüber seinem Bruder zwangsläufig den Kürzeren. Es entsteht ein herzzerreißendes Dilemma zwischen Brudertreue und erotischem Verlangen. Jupiter erwartet von seinem Sohn als Preis den Gang in die Unterwelt, Pollux willigt ein. Die nachgerade humanistisch aufklärerische Botschaft lautet: Wer sich selbst überwindet, schafft sich die wahre Unsterblichkeit. Die Zwillingsbrüder werden in einem gemeinsamen Sternzeichen verewigt. Auch die holde Télaïre wird zum ewig leuchtenden Stern.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Obergott Jupiter als milchgebende Große Mutter

Nur: Was hat diese herrlich himmlische Apotheose mit allzu alltäglichen Einkaufswagen zu tun? In der Unterwelt, in der die Brüder aufeinandertreffen, treiben nun nicht nur böse Geister ihr Unwesen. Denn in den Elysischen Feldern singt der Chor der seligen Geister (wie später in Glucks „Orpheus“-Oper) allerhand Tröstliches. Weiß gewandete Engel – die achtköpfige Tanztruppe – sausen hier in gegenläufigen Bahnen mit den Wägelchen über die Bühne, in denen sie – umgekehrt wie Kleinkinder, die von ihren Müttern darin durch den Supermarkt gefahren werden – sitzen und die Beine somit für die wundersame Choreographie frei haben. Castor singt dann in diesem unterweltlichen Vorhof des Himmels seine Arie „Séjours de l’éternelle paix“. Um dem Geschehen den Anflug von jeglichem platten Realismus auszutreiben, ist die Bühne von Marko Japeli in das schummrig imaginative Licht von Tomaž Premzl getaucht.

Nicht minder magisch geht es zu, wenn Jupiter erstmals vom Himmel herabsteigt, um in den eigentlich unabänderlichen Lauf des Schicksalsrads einzugreifen: Da wird der Divine – so viel genderfluide Anverwandlung des Vatergottes muss sein – nachgerade zur Urmutter (Kostüme: Leo Kulaš), wenn er den Chor aus seinen imaginierten Brüsten mit göttlicher Milch versorgt, die das Kollektiv dann in allerhand Flaschen abfüllt, um das lebensgebende Nass hernach auf der Bühne auszuschütten, auf der die Tänzerinnen und Tänzer dann in Bodysuits eine furiose Rutschpartie veranstalten. Tanzende Körper in der Ursuppe. Nicht jedes dieser imaginativen Bilder muss man direkt entschlüsseln. Vielmehr ist in Edward Clugs Kunstverständnis das Staunen erlaubt – und offenbar erwünscht. Manche der fantastischen Findungen mag zwar beliebig erscheinen, doch anregend und schön sind sie alle, kitschig sind sie nie.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Rembrandt trifft Chagall

Von besonderer Kraft sind die sich fast unmerklich wandelnden Wolkenbilder auf der Rückwand des Bühnenbildes, die Rok Predin (Video) erdacht hat. Sie erinnern an den barocken Chiaro-Scuro-Zauber von Rembrandt und seinen Kollegen, variieren Weiß, Schwarz und Grau als der Musik feinsinnig nachlauschende Chiffren für die Gemütszustände der Charaktere und deren Konflikte. Erst ganz spät kommen Blautöne hinzu als Himmelsfarben und ikonografisches Merkmal der Gottesmutter Maria, die hier im antik geprägten Weltbild natürlich offiziell gar keine Rolle spielt. Rembrandt wandelt sich gleichsam zu Chagall. Der Mythos, das archetypische Erzählen nähert sich der Gegenwart.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Berührende Klangbilder und eine tenorale Erfüllung

Das feinfarbig ausgehörte, energetische, weite Bögen spannende Spiel der Cappella Mediterranea steuert lukullische Klangbilder bei. Da ist unter der präzise animierenden musikalischen Leitung von Leonardo García Alarcón nichts überreizt, sondern alles edel austariert – auch in der Balance der Instrumentalstimmen: In der Ouvertüre kommt besonders viel Kraft aus der Bassgruppe, die von den höllischen Abgründen der Handlung zu künden scheint. Nicht minder stimmig – neben dem wie immer prachtvoll auftrumpfenden Chor des Grand Théâtre de Genève – die sängerische Besetzung. Reinoud van Mechelen als erst spät, nach seiner Wiedererweckung, zum vokalen Einsatz kommender Castor führt das Ensemble erwartungsgemäß an: Der führende Tenor der Alten Musik besticht mit ganz edler französischer Diktion, mit der idealen Mischung aus Lyrik und mit Emphase, mit verblüffend nachgereifter Mittellage – und seinem gewohnt samtigen Traumtimbre.

Eine tenorale Erfüllung. Andreas Wolf ist nach all seinen Bachoratorien ein mit Bassbronze, sublimen Obertönen und gerader Stimmführung hochsympathischer Bruder Pollux, der das Verzichten lernt. Zwei stimmfarblich kontrastierende Mezzosoprane führen die Damenriege an: Sophie Junker als Télaïre haucht ihre Pianissimi so hingebungsvoll, dass aus der Stille ihre Stärke erwächst. Ève-Maud Hubeaux als Phébé bietet die dramatischeren Töne. Alexandre Duhamel ist ein (bass-) wuchtiger und dennoch weicher, weiser (eben auch weiblicher) Jupiter.

Grand Théâtre de Genève
Rameau: Castor et Pollux

Leonardo García Alarcón (Leitung), Edward Clug (Regie & Choreografie), Marko Japeli (Bühne), Leo Kulaš (Kostüme), Tomaž Premzl (Licht), Rok Predin (Video), Mark Biggins (Chor),Reinoud van Mechelen (Castor), Andreas Wolf (Pollux), Sophie Junker (Télaïre), Ève-Maud Hubeaux (Phébé), Charlotte Bozzi (Un autre Ombre & Une Planète), Alexandre Duhamel (Jupiter), Giulia Bolcato (Une Suivante d’Hébé & Une Ombre heureuse), Sahy Ratia (Athète 1 & Le grand Prêtre), Miloš Isailović, Thomas Martino, Nikita Goile, Sara Shigenari, Adelson Nascimento Santos Junior, Luca Scaduto, Chien-Shun Liao, Dylan Phillips (Tanz), Chor des Grand Théâtre de Genève, Cappella Mediterranea






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