Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genève – Les Huguenots

Meyerbeer meets Hollywood

(Genf, 26.2.2020) Ausstatterin Anna Viebrock, Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito sowie Dirigent Marc Minkowski interpretieren Meyerbeers Grand Opéra aus dem Geiste der Traumfabrik des Kinos wie der Offenbachschen Operettenopulenz.

© Magali Dougados

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Ihre Maßlosigkeit sprengt alle Grenzen des Apollinischen und des ästhetisch Anständigen. Meyerbeers Grand Opéra will Überwältigung. Sie geht aufs Ganze, sie verlangt nach gigantischen Gesangsstimmen zwischen altem Belcantoschmelz und strapaziöser Dramatik, sie bezirzt das Auge mit Ballerinen und begeistert das Ohr mit Chormassen. Keine Frage: Der Berliner Jude kreierte in seiner Pariser Wahlheimat die Vorläufer von Operettenopulenz, Revuetheater und Musicalschmalz, ja, er nahm im frühen 19. Jahrhundert bereits jene die Gefühle lenkenden und die Tränen treibenden Strategien Hollywoods vorweg.

Meyerbeer, der Meister des Hybriden

© Magali Dougados

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Warum also soll man ihn jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts eigentlich nicht mal mit dem Wissen um die durch ihn durchaus entscheidend mit ausgelösten Folgen in Szene setzen? Ihn aus dem Geiste der Traumfabrik heraus denken? Und ihn so als frühen Vorvater der Postmoderne, der Collage, Montage und Schnitt-Technik auf die Bühne bringen? Lässt sich erst so sein Hang zum Heterogenen, zum Unausgewogenen und Überdimensionierten tragbar machen? Meyerbeer als Meister des Hybriden zwischen Ernst und Groteske, Luther-Choral und Unterhaltungsmusik, Tragödie und Komödie lässt ihn so im besten Fall als einen frühmodernen Shakespeare des Musiktheaters erscheinen.

Vollweibliche Diven und stramme Helden

Glaubt man den Interviews im Programmheft zur Premiere am Grand Théâtre de Genève, wo das Riesenwerk „Les Huguenots“ verblüffenderweise seit 1927 nicht mehr zur Aufführung gelangte, dann war es Anna Viebrock, die hier die Idee in die Konzeptionsrunden des Regieteam einbrachte, Meyerbeer und Hollywood spielerisch zusammenzuzwingen. Zumal die Historienschinken aus der Frühzeit des Farbfilms mit ihren allzu vollweiblichen Diven und strammen Helden, aber auch die Stummfilm-Verrenkungen von Charlie Chaplin und Buster Keaton stehen also Pate für die Umsetzung im schmucken Genfer Opernhaus, die jetzt ihre fulminante Premiere feierte.

In den Sets der Cinecittà

© Magali Dougados

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Passend zur hier bemühten frühen Hochzeit des Kinos in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zitiert Anna Viebrock auf der Bühne Elemente der römischen Cinecittà, die anno 1937 vom italienischen Diktator Benito Mussolini eröffnet wurde. Die Ausstatterin mischt sie mit Bildwelten aus Genf, das als Zufluchtsort reformierter Christen einst eine entscheidende Rolle spielte: Säulen aus dem Dom von St. Pierre und an Guillotinen erinnernde Holzgestelle treffen auf kaltgraue Wachtürme, die im Betrachter deutliche KZ-Assoziationen auslösen. Vom Krieg geschundene Kreaturen legen zur auf dem Luther-Choral „Ein feste Burg“ basierenden Ouvertüre nahe, dass an diesem Abend weniger der im brutalen Abschlachten der Bartholomäusnacht kulminierende Kampf zwischen Protestanten und Katholiken thematisiert wird, als eher der Völkermord an den europäischen Juden im Holocaust.

Köstliche komödiantische Konstellationen

Weit gefehlt: Viebrock will sich gemeinsam mit Jossi Wieler und Sergio Morabito weder konkret festlegen noch einengen lassen. Aktualisieren wollen sie das Geschehen schon gar nicht. Vielmehr schaffen sie einen augenzwinkernden Assoziationsrahmen und immer wieder köstliche komödiantische Konstellationen. In Genf wird gleichsam die Operette Offenbachs, der mit Vorliebe seinen Landsmann und älteren Kollegen Meyerbeer durch den Kakao der Persiflage zog, nunmehr rückwärts projiziert auf das Original. Da Marc Minkowski am Pult des maximalmotivierten Orchestre de la Suisse Romand diese Sichtweise mit sehr viel sehr französischem Esprit und entsprechender Eleganz mitträgt und musikalisch enorm befeuert, wird das ganze groteske Potenzial der ersten Akte der Grand Opéra herrlich herausgekitzelt. Es gelingt eine beherzte Flucht nach vorn, die freilich den dunkelrot blutigen Konflikt, ja Krieg der Konfessionen auch verblassen lässt. Das Team entpolitisiert seinen Meyerbeer. Das pathetische Moment des vierten und fünften Aktes mit der unmöglich utopischen Liebe zwischen Katholikin und Hugenotte, Valentine und Raoul, wird dann ziemlich nahe einem abgestandenen Mottenkugel-Musiktheater, als allzu traditionelles Sänger-Stehtheater absolviert.

Sängerische Sensationsleistungen

© Magali Dougados

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Szene aus „Les Huguenots“ am Grand Théâtre de Genève

Meyerbeers Musik kommt die nun gewagte szenische Zurückhaltung allerdings entgegen. Sängerische Sensationsleistungen in nahezu alle Hauptrollen sind denn auch zu vermelden, zu denen ausdrücklich auch der exzellente Chor des Grand Théâtre de Genève gehört. Das angesprochene Liebespaar geben Rachel Willis-Sørensen und John Osborn. Der jubelnde jugendlich-dramatische Sopran der Amerikanerin im edelblonden Grace Kelly-Look und der mit allerfeinstem Stilempfinden, makelloser Voix mixte und allen Stimmtricks des Messa di voce aufwartende Tenor des Amerikaners im Chaplin-Gewand sind die pure Meyerbeer-Erfüllung. Ana Durlovski als Marguerite de Valois mutiert in der Inszenierung von der auf Versöhnung setzenden Königin zur überlegenen die Strippen ziehenden Filmproduzentin im rotblondgelockten Rita Hayworth-Habitus. Bassbariton Michele Pertusi als einem Seeräuberschinken entsprungener Pirat alias Marcel und die mezzogebirgswasserklare Lea Desandre als Page sowie eine Riege toller Bässe komplettieren das Genfer Ausnahmeensemble.

Grand Théâtre de Genève
Meyerbeer: Les Huguenots/Die Hugenotten

Marc Minkowski (Leitung), Jossi Wieler & Sergio Morabito (Regie & Dramaturgie), Anna Viebrock (Ausstattung), Martin Gebhardt (Licht), Altea Garrido (Choreografie), John Osborn, Michele Pertusi, Ana Durlovski, Lea Desandre, Rachel Willis-Sørensen,Laurent Alvaro, Alexandre Duhamel, Orchestre de la Suisse Romande, Chor des Grand Théâtre de Genève. In Koproduktion mit dem Nationaltheater Mannheim.

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