Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genéve – Maria Stuarda

Historische Gegenwärtigkeit

(Genf, 17.12.2022) Dieser Genfer Belcanto ist keine Schlacht um exponierte Töne, sondern der berührende Showdown zweier großer Frauen der Geschichte. Die Tudor-Trilogie des Regie-Duos Mariame Clément und Julia Hansen wie der Sängerinnen Elsa Dreisig und Stéphanie d’Oustrac wird in Teil 2 zu einem szenischen wie musikalischen Triumph.

© Monika Rittershaus

Teil zwei der Tudor-Trilogie am Grand Théâtre de Genève: Donizettis Maria Stuarda

Teil zwei der Tudor-Trilogie am Grand Théâtre de Genève: Donizettis Maria Stuarda

Wer Belcanto-Opern in Szene setzt, sollte das eigene Regie-Ego klug relativieren. Jedenfalls sie oder er diese Ego nicht für bedeutsamer halten als die Sängerinnen und Sänger, die auf der Bühne die Ideale des Schöngesangs in die Tat umzusetzen haben, wenn sie ewig lange Tongirlanden spinnen und auf dem eigenen Atem ausbreiten oder wenn sie aberwitzige Koloraturfeuerwerke entzünden. Christof Loy wusste das, als er mit Edita Gruberova die Königinnen-Tragödien Donizettis an der Bayerischen Staatsoper deutete, die legendäre Sopranistin dabei einerseits nicht beim Singen störte, sie andererseits aber zu grandiosen Figurenportraits inspirierte.

Mariame Clément weiß glücklicherweise auch, was Belcanto ist und was er für ihre Rolle als Regisseurin bedeutet. Am Grand Théâtre de Genève setzte sie nun nach „Anna Bolena“ vor gut einem Jahr ihren Zyklus der Tudor-Dramen fort: Jetzt dürfen sich in „Maria Stuarda“ die englische und die schottische Königin angiften und um denselben Mann keilen. Der Ausgang des Zickenkrieges ist bekannt: Maria Stuart zieht den Kürzeren, sie wurde, offiziell wegen Hochverrats, hingerichtet. Elisabeth kann fortan ungestört das später eigens nach ihr benannte Zeitalter prägen, in dem Musik, bildende Kunst und nicht zuletzt Literatur (es war ja schließlich auch die Epoche William Shakespeares) zu ungeahnter Blüte gelangten.

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Vom Segen des zyklischen Arbeitens

Spannend an der Neuinszenierung von „Maria Stuarda“ ist nun mindestens zweierlei. Erstens die Besetzung der Hauptpartien, die von „Anna Bolena“ bis „Roberto Devereux“ im kommenden Jahr dieselben Sängerinnen vorsieht: die Französinnen Elsa Dreisig und Stéphanie d’Oustrac, die sich das für sie weitgehend neue dramatische Belcanto-Repertoire Schritt für Schritt erobern. Zweitens das Regieteam, das ebenso für die gesamte Trilogie am Start ist und einige wiederkehrende und variierte Inszenierungsansätze mit allerhand Rückblenden und Vorausblicken zwischen den Werken verfolgt. Das Zwischenfazit nach Teil 2 lautet: Die Lernkurve für eigentlich alle Verantwortlichen ist steil. Der Abend gerät beglückend. Waren die beiden Sängerinnen in „Anna Bolena“ noch auf der Suche nach ihrem Belcanto-Verständnis, fremdelten gewissermaßen noch, wissen sie nun sehr genau, wie sie in „Maria Stuarda“ den Ausgleich aus schönem Gesang und wahrhaftigem Theater herstellen wollen.

Elsa Dreisig schien nach ihrem sommerlichen Debüt als Salome von Richard Strauss in Aix-en-Provence schon ganz in jugendlich-dramatische Soprangefilde entschwinden zu wollen. Nun macht sie klar: Der Zauber ihre Stimme liegt im Lyrischen, aus dessen Farbpalette sie die Elisabeth nun in großer Natürlichkeit aufbaut. Nichts ist da forciert oder gewollt, alles ist gekonnt, empfunden und psychologisch durchformt. Stéphanie d’Oustrac geht die Nebenbuhlerin der Elisabeth als titelgebende Prima Donna nun mit deutlich klarerer Tongebung und einer klugen Abmischung aus Kopf- und Bruststimme an, woraus sie die berührende Dramatik jenes Mitleid erregenden Opfers des englischen Machtstrebens aufregend deutlich macht. Ein Belcanto-Stilist vom Feinsten ist wie im Vorjahr der Latin Lover-Tenor Edgardo Rocha, der als Roberto zwischen den Damen steht und ja auch zwischen ihnen vermitteln soll, was nur nicht so wirklich klappt, da er ja mit beiden intim zu sein scheint.

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Sänger- und Regietheater gehen zusammen

Als Sängertheater also funktioniert der Abend schon einmal hervorragend, auch da Andrea Sanguineti, der die Serie von Vorstellungen für Stefano Montanari übernahm, seine Sänger wie auf Händen trug. Weniger knackig artikulierend als in 2021 bei „Anna Bolena“ spielt das Orchestre de la Suisse Romande nun seinen Donizetti. Sanguineti geht ihn geschmeidiger, fließender, samtiger an als Montanari. Doch die Inszenierung will dann durchaus mehr, als die Sänger in berückende Roben zu stecken und in hübschen Tableaus zu arrangieren.

Überaus subtil setzen Mariame Clément in ihrer Regie und Julia Hansen als Ausstatterin Zeichen, die vom ästhetisch ansprechenden Historisieren ausgehen, dann aber doch über diesen Umweg verblüffend in der Gegenwart landen. Erneut ließ sich Julia Hansen in der Konzeption der Kostüme von Renaissance-Gemälden inspirieren, die uns von den royalen Persönlichkeiten wie von ihrem Hofstaat ja ein ziemlich authentisches Bild vermitteln. Die fein gewirkten Stoffe der Kleider sind erneut ein Hingucker. Für die Chorregie greift Mariame Clément die den Gemälden abgeschauten Gesten und Blicke auf. Die großen Szenen bedienen eindeutig das historisch überlieferte Ambiente.

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Die Königin von England und die Königin der Herzen

Dazu spiegeln die Bühnenbilder in sprechender Metaphorik Park- und Waldeslandschaften, in denen Teile der Handlung spielen. Das frische Grün der Bäume welkt im Laufe des Abends zu Herbst-Braun – und Elisabeth wird vom verträumt verliebten, sich und ihre Erotik entdeckenden Mädchen zur Königin, will heißen: zur Machtpolitikerin, die Persönliches und Privates entschieden hintanstellt und sich für die Politik und deren Pflichten, ja die Staatsraison entscheiden. Um diesen Prozess des Alterns als einen psychologischen darzustellen, also die Geschichte der Verwandlung einer Monarchin, finden Regisseurin und Ausstatterin, die seit Jahren ein erfolgreiches und immer wieder höchst originelles Duo bilden, wunderbar zusammen. Dabei meint man zunächst, die Sängerdarstellerin Elsa Dreisig würde als Elisabeth ihrer Königinnenkonkurrentin den Rang ablaufen, so aufregend ist es, dieser Reifung beizuwohnen, in der die Sopranistin von den dezidiert zarten Tönen des Anfangs zu vokaler Dominanz findet.

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Szenenbild aus Donizettis „Maria Stuarda“ am Grand Théâtre de Genève

Doch die Siegerin, die das Todesurteil über Maria unterschreibt, wirkt am Ende dennoch als Besiegte, geht Maria doch als moralische Königin der Herzen in den Tod: Sie verzeiht der Nebenbuhlerin, die ob so viel Herz nun wie versteinert an ihrem Schreibtisch (mit Telefon!) sitzt. Nur den absoluten vokalen Triumph gönnt die Aufführung Maria nicht. Hießen große Rollenvorgängerin Edita Gruberova oder Montserrat Caballé, waren also Soprane, ist die Entscheidung für eine Besetzung mit einem Mezzo eine Rückkehr zur legendären Malibran. Der Triumph im Tod wird nun nicht mit einem Spitzenton gekrönt, sondern in der Mittellage fast abgeklärt besungen. Dieser Genfer Belcanto ist dementsprechend keine Schlacht um exponierte Töne, sondern der weitaus tiefergehende Showdown zweier großer Frauen der Geschichte.

Grand Théâtre de Genève
Donizetti: Maria Stuarda

Andrea Sanguineti (Leitung), Mariame Clément (Regie), Julia Hansen (Bühne & Kostüme), Matthieu Guihaumon (Choreographie), Ulrik Gad (Licht), Clara Pons (Dramaturgie), Elsa Dreisig, Stéphanie d’Oustrac, Edgardo Rocha, Nicola Ulivieri, Simone Del Savio, Ena Pongrac, Chor des Grand Théâtre de Genève, Orchestre de la Suisse Romande

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