Opern-Kritik: Hamburger Staatsoper – Benjamin

Individuum vs. Ideologie

(Hamburg, 3.6.2018) An der Hamburger Staatsoper wurde Peter Ruzickas Oper „BENJAMIN“ über den Philosophen und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin uraufgeführt – ein Werk über die Kluft zwischen Einzelleben und radikaler Weltanschauung

Benjamin/Staatsoper Hamburg © Bernd Uhlig

Szenenbild aus "Benjamin"

Er hat sich mit unzähligen Themenfeldern beschäftigt und mit seinen Publikationen Brücken zwischen den Disziplinen der Geisteswissenschaften geschlagen. Heute wird Walter Benjamin (1892-1940), der mit Größen wie Bertolt Brecht, Hannah Arendt und Theodor W. Adorno befreundet war, zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gezählt. Was aber prädestiniert ihn zum Protagonisten einer Oper? Komponist Peter Ruzicka und Librettistin Yona Kim haben ein Werk weit abseits des gefürchteten Lehrstück-Kanons geschaffen und eine Oper auf die Bühne gebracht, die Benjamin als ein zwischen die Fronten der Ideologien geratenes Individuum zeigt.

Szenenbild aus "Benjamin"

Benjamin/Staatsoper Hamburg © Bernd Uhlig

Von Paris, wo er seit 1933 im Exil lebte, versuchte Benjamin nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen im Juni 1940 weiter nach Amerika zu fliehen, gelangte über Lourdes nach Marseille und überschritt bei Portbou die Grenze zu Spanien. In der Nacht auf den 27. September nahm er sich hier das Leben, wohl aus Angst vor einer Auslieferung. Diese letzten Stunden existenzieller Not, in denen er von Erinnerungen bedrängt eine für ihn unausweichliche Entscheidung trifft, sind das kurze Zeitfenster, das Ruzicka und Kim für ihre Oper gewählt haben. Entsprechend ist hier jede zeitliche Chronologie von Biografischem obsolet, sind Fakt und Fiktion surreal verwoben und entgrenzt.

Minimalistisch und emotional: „BENJAMIN“ an der Hamburger Staatsoper

Szenenbild aus "Benjamin"

Benjamin/Staatsoper Hamburg © Bernd Uhlig

Auch die realhistorischen Charaktere, denen Benjamin in diesen Erinnerungen begegnet, sind weniger als Individuen denn als Personifikationen ihrer Überzeugungen angelegt: Der Marxist Bertolt B., der Erforscher jüdischer Mystik Gershom S. und die Kommunistin Asja L. versuchen ihn für ihre jeweilige Sache zu gewinnen. Einzig Hannah A. will ihn in erster Linie in Sicherheit wissen und beschwört ihn nach Amerika zu gehen, die anderen Freunde markieren Extrempunkte von Überzeugungen, die Benjamin widerspruchsvoll in sich vereint. Als stets auf der Suche begriffener Geist, der die Geschichte der Menschheit in alle Richtungen durchleuchtet hat, ist er nun in eine Sackgasse geraten, an deren Ende die Schwelle zwischen Leben und Tod liegt.

Die Orchestermusik, die nach Ruzicka auf wiederkehrenden Klangstrukturen beruht, ist minimalistisch, dabei erstaunlich emotional. Das groß besetzte Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung des Komponisten hat die Klangteppiche wirkungsmächtig ausgespannt. Benjamins Entscheidung, aus dem Leben zu treten, lässt es in lichten Passagen als befreiendes Moment und Öffnung zum Transzendenten aufscheinen. Besonders deutlich wird die Werkkonzeption in der Partie der Asja L., interpretiert durch Lini Gong, die wie aneinandergereihte Doktrinen daherkommt: Hart und unmelodisch entfaltet sie mit ihren Gesangslinien eine Dringlichkeit, als würde man dabei zuhören, wie jemand seine Worte in Stein meißelt.

Szenenbild aus "Benjamin"

Benjamin/Staatsoper Hamburg © Bernd Uhlig

Yona Kim verzichtet in der Inszenierung ihres eigenen Librettos auf die naturalistische Realisierung ihrer Textvorlage und zeigt nicht den Wald in den Pyrenäen, in den sich Benjamin geflüchtet hat, sondern den verfallenen Prestigesaal einer bürgerlichen Villa, der schlüssig als Erinnerungsraum gedeutet werden kann. Der 90-minütige Opernneuling überzeugte somit auf allen Ebenen und kann für sich beanspruchen, ein brandaktuelles Werk zu sein, problematisiert er doch die Unfähigkeit radikalisierter Menschen, Gesinnungsdifferenzen im friedlichen Miteinander zu überwinden. Die Mitglieder einer freien, demokratischen Gesellschaft dürfen dies nicht verlernen.

Staatsoper Hamburg
Ruzicka: Benjamin

Peter Ruzicka (Leitung), Yona Kim (Regie), Heike Scheele (Bühne), Falk Bauer (Kostüme), Reinhard Traub (Licht), Angela Beuerle (Dramaturgie), Eberhard Friedrich (Chor), Seitaro Ishikawa, Dietrich Henschel, Lini Gong, Dorottya Láng, Marta Swiderska, Tigran Martirossian, Andreas Conrad, Günter Schaupp, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Hamburger Alsterspatzen, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Weitere Termine: 6., 10., 13. & 16.6., 14. & 19.10.2018

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