Zum 70. Geburtstag von Peter Ruzicka

Musik über Musik

Er ist Musiker, Musikvermittler, Dirigent und Intendant bedeutender Opernhäuser sowie Festivals. Doch im Zentrum seines künstlerischen Schaffens steht das Komponieren. Heute feiert Peter Ruzicka seinen 70. Geburtstag

Peter Ruzicka © Anne Kirchbach

Peter Ruzicka

Für Peter Ruzicka ist ein Komponist jemand, der musikalische Geschichten erzählen kann. Sie sollen den Hörer treffen und betreffen. Visionen über eine Zukunft der Musik lassen sich nicht von der Gesellschaft trennen. Überhaupt sei ernst zu nehmende Kunst noch niemals durch Anbiederung an den Massengeschmack entstanden. „Im Übrigen wissen wir um die verheerende Wirkung heutiger Oberflächen- und Spaßkultur, die ganzen Generationen die Fähigkeit zum aufmerksamen Zuhören, überhaupt zur Kunsterfahrung versperrt. Umso weniger dürfen wir in der künstlerischen Entfaltung von ästhetischer Wahrheit nachlassen. Und hier sollte die Neue Musik auch künftig ihren Ort behaupten“, meint Ruzicka.

Über seinem Schaffen schwebt die These, dass es wirklich neues musikalisches Material nicht mehr gebe und ein Vorwärtsdrängen des Komponisten in unbekanntes Neuland nicht mehr möglich sei. Deswegen komponiert Ruzicka Musik über Musik als „allein noch mögliche Konsequenz einer kunsthistorischen Entwicklung“. Darin spiegelt sich auch Gustav Mahlers Anspruch wider, das Weltganze in seiner Musik abzubilden. Zu dem Komponisten fand Ruzicka seine Affinität beim Lesen von Theodor W. Adorno, der sich extensiv mit Mahlers Werk befasst hatte.

Spätestens seit den 1980er Jahren ist kein neues musikalisches Material mehr erfunden worden

Peter Ruzicka

Peter Ruzicka © Wilfried Beege

Die Gefahr, alles schon einmal so oder ähnlich gehört zu haben, besteht. Spätestens seit den 1980er Jahren ist kein neues musikalisches Material mehr erfunden worden. Der Prozess der immerwährend sich erneuernden und ausdifferenzierten Klangsubstanz kam zu einem Stillstand, was dem Komponisten ein Denken auf einer neuen Ebene nahe legt. Das widerum kann ganz neue Möglichkeiten einer geradezu befreiten Klangrede beinhalten. Sozusagen eine „Zweite Moderne“, die Ruzicka maßgeblich geprägt hat.

Seine Musik wurde zunehmend kryptischer, fragmentarischer. Sie drohte, sich in sich selbst aufzulösen. Bis es zu einer überraschenden Begegnung mit den Werken des schwedischen Komponisten Allan Pettersson kam: „Ich hatte die Gelegenheit, seinen Nachlass zu sichten, und habe in Berlin eine Sinfonie nach der anderen ins Programm genommen. Und was war der Grund? Diese Musik konnte singen. In der Beschäftigung damit habe ich wieder gelernt, das Singen in meiner Musik zu ermöglichen. Das habe ich nicht wieder verlernt.“

Peter Ruzicka arbeitet interdisziplinär

Außermusikalische Faktoren sind oftmals konzeptionelle Bestandteile seiner Werke. Ruzicka arbeitet interdisziplinär. Nicht nur, was seinen Beruf anbelangt. Seit seinem frühen Schaffen thematisiert er die Ambivalenz des menschlichen Schicksals. Seine geistigen Vorbilder wählt er gleichermaßen in der literarischen Welt bei Paul Celan oder Friedrich Hölderlin. Nach „Celan“ und „Hölderlin“ legte er mit „Benjamin“ seine dritte Oper vor – ein Musiktheater über den deutschen Philosophen und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin. Drei Persönlichkeiten, die für sein Weltbild bestimmend sind. Das Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper feierte am 3. Juni Premiere, bei der Ruzicka selbst dirigierte.

Doch was geht in ihm vor, wenn andere Dirigenten seine Werke aufführen? „Ich habe bisweilen den Fall erlebt, dass Dirigenten in meinen Werken Dinge völlig anders gesehen haben als ich selbst. Und ich habe mich bekehren lassen, dass Werke das innere Potenzial haben sollten, andere Lesarten zuzulassen. Ich setze seither den Begriff der Authentizität in Anführungsstriche. Vielleicht müssen die Stücke ja klüger sein als ihr Autor.“

Sehen Sie den Trailer zu Peter Ruzickas Oper „BENJAMIN“:

concerti-Tipp:

neue musik – Fragmente aus der Zukunft
Zum 70. Geburtstag von Peter Ruzicka
Di. 3.7., 21:00 Uhr
NDR Kultur

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