Opern-Kritik: Oper Graz – Ariane et Barbe-Bleue

Trauma-Therapie in Blaubarts Burg

(Graz, 3. März 2018) Die selten gespielte Oper von Paul Dukas inszeniert Nadja Loschky so schlüssig wie packend

Ariane et Barbe-Bleu/Oper Graz © Werner Kmetitsch

Szenenbild aus "Ariane et Barbe-Bleu"

Der Komponist Paul Dukas? Steht heute im Schatten seiner Zeitgenossen Maurice Ravel und Claude Debussy. Bekannt ist Dukas letztlich nur noch durch sein populäres Orchester-Scherzo „L’apprenti sorcier“ nach Goethes „Zauberlehrling“. Dagegen wird die Oper „Ariane et Barbe-Bleue“ von Dukas aus dem Jahr 1907 fast nie gezeigt. Das ist schade, denn das Werk hat seine Reize.

Das Libretto stammt vom belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck, der schon für Debussys „Pelléas et Mélisande“ die Vorlage lieferte. Maeterlinck deutet das Märchen über den blutrünstigen Ritter Blaubart, der seine Ehefrauen nacheinander grausam meuchelt, neu und eigenwillig: Blaubarts siebente Braut, die titelgebende Ariane, ist in „Ariane et Barbe-Bleue“ eine couragierte Kämpferin, die ihre Vorgängerinnen noch lebend in einem Verließ findet und diese befreit. Gleichzeitig macht eine Bauernrevolte Blaubart den Garaus.

Szenenbild aus "Ariane et Barbe-Bleu"

Ariane et Barbe-Bleu/Oper Graz © Werner Kmetitsch

Am Ende folgen die aus dem Verlies geführten Frauen Ariane zwar nicht in die Freiheit. Sie haben stattdessen Mitleid mit ihrem schwerverletzten Peiniger und bleiben bei ihm. Das Ende der Geschichte bleibt insofern offen. Dennoch: Aufgrund des kämpferischen, emanzipatorischen Impetus gibt sich dieses Stück vergleichsweise optimistisch gegenüber den übrigen Werken Maeterlincks, wo die Charaktere vor Niedergeschlagenheit und Angst geradezu erstarrt sind – und am Ende zumeist der Tod wartet.

Der lange Kampf der Frauen um Emanzipation

Szenenbild aus "Ariane et Barbe-Bleu"

Ariane et Barbe-Bleu/Oper Graz © Werner Kmetitsch

Eigentlich verwunderlich, dass Dukas‘ Oper nicht mehr Interesse auf sich gezogen hat, erzählt sie doch eine Menge über Unterdrückung, Diktaturen, Revolten und vor allem über den langen Kampf der Frauen um Emanzipation. Zur Zeit der Suffragettenbewegung im Fin des siécle brisant, heute in Zeiten der #MeToo-Debatte aktueller denn je. Die dramaturgische Crux von „Ariane et Barbe-Bleue“ ist allerdings, dass die Geschichte um einen Befreiungsversuch von überbordenden symbolistischen Episoden ausgebremst wird, auch wenn Dukas durchaus betörende Musik dazu eingefallen ist: im ersten Akt der Oper mit der Schilderung von Edelsteinen, die sich aus den Kammern in Blaubarts Burg ergießen, im zweiten Akt mit der Schilderung, wie sich die befreiten Frauen mit den Juwelen schmücken.

Genau diese Schwäche des Werks hat Regisseurin Nadja Loschky in ihrer Neuinszenierung an der Oper Graz nun klug aufgelöst mit einer so schlüssigen wie spannenden Lesart der Handlung.

Flashbacks einer von seelischer Grausamkeit und Unterdrückung geprägten Beziehung

In Loschkys Regiekonzept sind die sechs Vorgängerfrauen Arianes allesamt verdrängte Anteile und Abspaltungen einer zutiefst traumatisierten Titelheldin. Auf einer schrägen Drehscheibe, die sich mit Bildern aus der Erinnerung dieser Frau anfüllt (Ausstattung: Katrin Lea Tag), erlebt Ariane Flashbacks aus einer von seelischer Grausamkeit und Unterdrückung geprägten Beziehung. Pantomimisch dargestellte Szenen zeigen eine Spirale der Abhängigkeit und Unterdrückung: Ariane als Braut, im Liebesrausch, als Blaubarts BDSM-Gespielin wider Willen, schließlich die zunehmende Bevormundung und Einschränkung der Freiheit, Lektüre, eigene Weiterentwicklung wird verboten, Blaubart bestraft Ariane, indem er ihr die Haare abschneidet. Ein Fluchtversuch scheitert, bis sich die Frau schließlich furchtbar gegen ihren Peiniger wehrt. Dies alles ist szenisch mit psychologisch durchdachtem Profil und mit genauer Figurenzeichnung eingelöst. Eine so schlüssige wie packende Deutung der Geschichte.

Manuela Uhl führt das fabelhafte Sängerteam an

Szenenbild aus "Ariane et Barbe-Bleu"

Ariane et Barbe-Bleu/Oper Graz © Werner Kmetitsch

Umgesetzt wird das Ganze von einem fabelhaften Sängerteam, allen voran die grandiose Ariane von Manuela Uhl, die in der überaus anspruchsvollen Partie drei Akte lang ununterbrochen auf der Bühne agiert und zwischen hochdramatischen Passagen und intimem Sprechgesang überzeugt. Iris Vermillion als Amme beeindruckt zwischen nobler Strenge und besorgter Empathie, und auch die Interpretinnen der sechs übrigen Frauen Blaubarts geben ihren Figuren markantes Profil. In Ariane et Barbe-bleue wurde die Partie des Blaubart – im Gegensatz zu den Blaubart-Vertonungen Offenbachs und Bartóks – von Maeterlinck und Dukas auf wenige Einwürfe reduziert. Regisseurin Nadja Loschky hat aufgrund der hinzugefügten Erinnerungsebene den Darstellungsradius des Blaubart ausgeweitet, Wilfried Zelinka nutzt dies in seiner Partie für eine schillernde, bedrohlich mysteriöse Zeichnung des Ritters.

Szenenbild aus "Ariane et Barbe-Bleu"

Ariane et Barbe-Bleu/Oper Graz © Werner Kmetitsch

Roland Kluttig inspiriert das Grazer Philharmonische Orchester zu feinsten Nuancen und Klanggesten

Überragend ist auch das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Roland Kluttig: Dukas‘ komplexe Partitur, die zwischen Wagner, Debussy, Ravel und farbintensiver Programmmusik changiert, wird atmosphärisch dicht, schlagkräftig und gleichzeitig transparent und plastisch zum Klingen gebracht. Feinste Nuancen und Klanggesten werden herausgearbeitet. Auch Chor und Extrachor der Oper Graz sind in bester Form. Eine ambitionierte, sehr gelungene Neuproduktion, die dieser weitgehend vergessenen Oper eine neue Renaissance bescheren könnte. Auf jeden Fall sollten sich Opernfans – und keineswegs nur die frankophilen darunter – diese Produktion nicht entgehen lassen.

Oper Graz
Dukas: Ariane et Barbe-Bleue

Roland Kluttig (Leitung), Nadja Loschky (Regie), Katrin Lea Tag (Ausstattung), Hubert Schwaiger (Licht), Manuela Uhl (Ariane), Iris Vermillion (Amme), Wilfried Zelinka (Barbe-Bleue), Anna Brull (Sélysette), Yuan Zhang (Bellangère), Sonja Šarić (Ygraine), Tetiana Miyus (Mélisande), Maria Kirchmair (Alladine), Lisa Caligagan (Georgette), Grazer Philharmonisches Orchester

Weitere Termine: 8., 11., 14. 17. & 21.3., 6., 13. & 22.4.2018

Eine Antwort zu “Trauma-Therapie in Blaubarts Burg”

  1. Alexander Hauptmann sagt:

    Die Oper ist in ihrer Gesamtheit beeindruckend, wobei vor allem das Orchester
    und die weiblichen Führungsstimmen herausragen. Es lohnt sich, das Stück zur Verinnerlichung aller hörbaren Facetten nochmals zu besuchen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *