Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Die Unterwelt: eine feuchte Angelegenheit

Opern-Kritik: Oper Graz – Castor et Pollux

Die Unterwelt: eine feuchte Angelegenheit

(Graz, 11.4.2026) An der Oper Graz bringt Regisseurin Nanine Linning Jean-Philippe Rameaus Barockoper „Castor et Pollux“ als wässrig schwebendes Drama auf die Bühne. Dirigent Bernhard Forck stimmt in den Reigen mit wellenartiger Lyrik ein.

vonPatrick Erb,

Einmal rechts den Arm nach vorn führen, die Hand am Körper vorbeiziehen, dann links – und diesen Bewegungsablauf stetig wiederholen. Wer sich an den Vortänzern orientiert, geht nicht unter: weder im Wasser noch im Hades und schon gar nicht in der von Ballett- und Chortableaus durchzogenen, dabei von herzzerreißender Noblesse geprägten Musik Jean-Philippe Rameaus. Wenn doch auch Arme und Hände so schön singen könnten.

Am Samstagabend feierte an der Oper Graz Rameaus Tragédie en musique „Castor et Pollux“ in der straffen Zweitfassung von 1754 Premiere. Regisseurin Nanine Linning deutet die mythischen Weiten Spartas in eine nicht minder entvölkerte Küstenlandschaft um, aus der sich vereinzelte karge Felsen erheben. Eine Videowand im Bühnenhintergrund (Bühne: Van Veen & Mus) und verspiegelte Seitenflächen potenzieren die Wirkung dieser schier grenzenlosen Leere ressourcenschonend und wirkungsvoll. Körpereinsatz wird zur eigentlichen Requisite, es scheint, als stände – oder schwämme – selbst das vollbesetzte Ensemble mitsamt Solisten einsam auf weiter Flur. Es wirkt, als schwebe man über allen Wolken.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Kostüme erschließen sich mitsamt Bühnenbild im Verlauf der Oper

Hier blickt nun auch der sterbliche Castor seinem Tod entgegen. Wie alle Figuren rudert er durch seine Sagenwelt; als Sterblicher stirbt der heldenhafte Krieger auf dem Schlachtfeld, sehr zum Leid seiner Geliebten Télaïre. Die visuelle Leere wird nun zur schmerzlichen Seelenleere. Sein unsterblicher Bruder Pollux, ebenfalls in Télaïre verliebt, weiß um die Aussichtslosigkeit seiner Gefühle. Die Konsequenz ist unausweichlich: Pollux steigt in die Unterwelt hinab, um seine Unsterblichkeit für Castor hinzugeben – und die Bühne, nun mehr ein Aquarium, muss ein paar Ebenen abtauchen.

Passend dazu die von Irina Shaposhnikova gestalteten Kostüme, deren Latexflächen den Figuren eine wasserabweisende, zugleich künstlich schimmernde Aura verleihen. Wenn die letzte Luftblase aus Castors Körper entweicht, beginnt das Unterwasserabenteuer. Die Unterwelt gewinnt durch diffuses Licht, grünlich flirrende Biolumineszenz und mineralisch anmutendes Sprudeln eine eigentümliche, enorm suggestive Atmosphäre. Chor und Tänzer, zuvor noch Krieger, erscheinen nun als dämonische Wächter des Hades oder als selige Seelen im Elysium.

Nanine Linning gestaltet hier resümierend einen passenden Rahmen, der den Fokus auf die Interaktion der Figuren untereinander lenkt. Die viel Platz einnehmenden Kommentare des Chors, die fürs Französische so essentiellen handlungsunterbrechenden Tanzdivertissements werden durch die fluide Gestik sinnvoll überbrückt, auch wenn diese manchmal sehr affektiert und sphärisch entrückt wirken. Schließlich erkennt Jupiter den Edelmut Pollux’, gewährt – als Deus ex machina – beiden Brüdern die Unsterblichkeit und erhebt sie als Sternbild der Zwillinge in den Zodiak.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Weiche wellige Orchestersprache

So wässrig das Bühnengeschehen anmutet, so weich und geschmeidig entfaltet sich Bernhard Forcks musikalische Lesart. Der im Barockrepertoire versierte Dirigent modelliert weit gespannte Melodiebögen, die sich nahtlos in Rameaus ohnehin lyrische Tonsprache und das auf seelischen Nihilismus zielende Regiekonzept fügen. Gewiss, ein paar schärfer zugespitzte dramatische Akzente wären denkbar – zwingend sind sie nicht. Von besonderem Reiz sind die wehmütig kühlen Klangfarben der beiden Flötistinnen der Grazer Philharmoniker, deren dunkle Tiefe gleichermaßen Trauer wie melancholische Freude evoziert: beim Tod Castors ebenso wie in der Vereinigung mit Télaïre.

Sängerisch erweist sich die Produktion als geschlossene Ensembleleistung. Nikita Ivasechko gestaltet seinen Pollux mit breit geführter, natürlich wirkender Stimmgewalt und einer mitleidsvollen, nie sentimentalen Brüderlichkeit. Sébastian Monti hingegen, als einziger Gast des Abends, bleibt als Castor etwas blasser: Dem Haute-Contre, jenem spezifischen Klangideal der Epoche, fehlt es hier an dynamischer Spannweite gegenüber dem baritonal grundierten Gegenpart.

Szenenbild aus „Castor et Pollux“
Szenenbild aus „Castor et Pollux“

Kleinere Rollen mit großer Wirkung

Sofia Vinnik überzeugt als Phébé mit wandlungsfähiger Klangpalette und der Fähigkeit, widersprüchliche Affekte – aufrichtige Liebe wie deren Umschlag in Intrige – differenziert auszuleuchten, ohne in soprangrelle Ekstase zu verfallen – ein absoluter Vorzug aller Mezzosopranistinnen. Am Ende bleibt ihr nur die bittere Einsicht, Pollux nicht von seinem Opfergang abhalten zu können.

Eindrucksvoll, wenn auch kurz, sind die Auftritte von Daeho Kim als Jupiter mit feiner französischer Diktion sowie Jianwei Liu als „Ombre heureuse“. Letzterer wärmt mit süßen, leuchtenden Tenortönen Publikum wie Unterwelt und lässt selbst dem Dasein im Hades lichte Momente abgewinnen. In dieses fragile Glück stimmt schließlich auch der präzise einstudierte Chor ein, der zwischen Schwimmen, Kämpfen, Tauchen und Leiden unermüdlich am Geschehen teilhat und diese Produktion von „Castor et Pollux“ mit bewundernswerter Präsenz formt.

Oper Graz
Rameau: Castor et Pollux

Bernhard Forck (Leitung), Nanine Linning (Regie), Van Veen & Mus (Bühne & Video), Irina Shaposhnikova (Kostüme), Sebastian Alphons (Licht), Johannes Köhler (Chor), Sébastian Monti, Nikita Ivasechko, Sieglinde Feldhofer, Sofia Vinnik, Daeho Kim, Franz Gürtelschmied, Will Frost, Marlin Miller, Ekaterina Solunya, Jianwei Liu, Chor der Oper Graz, Grazer Philharmoniker






Auch interessant

Rezensionen

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!