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Operetten-Kritik: Oper Halle – Orpheus in der Unterwelt

Bruchlandung auf dem Olymp

(Halle, 31.1.2026) An der Oper Halle feierte Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ Premiere: Patric Seibert, Chefdramaturg des Hauses, saß dabei nicht nur am Regiepult, sondern als Hans Styx auch als Pilot am Steuer einer Boeing der Olympic Airlines.

vonJoachim Lange,

An der Oper Halle hat man offenbar eine gewisse Vorliebe für Operetten-Baustellen. Im Falle von Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ hatte Ben Baur alles auf eine Opernbaustelle im ungefähren Hier und Heute verlegt. Im Falle von Jacques Offenbachs Meisterwerk „Orpheus in der Unterwelt“ saß jetzt der neue Chefdramaturg des Hauses, Patric Seibert, nicht nur am Regiepult, sondern als Hans Styx auch als Pilot am Steuer einer Boeing der Olympic Airlines (wie sollte sie auch sonst heißen). In einem Video sehen wir wie Barbara Dussler mit ihrer gewohnt derb zupackenden Art im Gewand einer Stewardess, als die sich die im Stück als Person mitspielende Öffentliche Meinung tarnt. Sie dringt während des Fluges nicht nur bis zum Piloten vor, sondern pfuscht ihm so ins Handwerk, dass es zum Absturz kommt. So wird Styx der Bruchpilot im Film und dann die Küchenkraft in der Hölle, die einst Prinz war in Arkadien.

Die Absturzstelle liegt genau auf jenem Olymp, dessen reichliches Personal an diesem Abend ja noch gebraucht wird. Direkt vor einem auf den ersten Blick erstaunlich gut intakten Säulenportal. Wobei sich das als eine der Illusions-Planen herausstellt, mit denen man heute prominente Baustellen verhüllt, wenn die sich (hier natürlich gleich über Jahrhunderte) hinziehen. Der Götterchef Jupiter weiß, wovon er in Seiberts Dialogfassung spricht. Und der Opernfreund zwischen Augsburg und Stuttgart, Köln und Frankfurt, Berlin und sonstwo weiß es auch.

Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“
Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“

(Operetten-)Glück im Unglück

Vor die Götterburgbaustelle hat Ausstatter Kaspar Glaner effektvoll ein Feld aus rauchenden Flugzeugtrümmern platziert. Dazwischen finden sich der Pilot mit Kopfverletzung, die Mitglieder der Mannschaft und die Passagiere, die zwar alle mehr oder weniger lädiert, aber am Leben sind. Dass die Schlucht, in die die mitreisenden Orchestermusiker angeblich gefallen sind, der Orchestergraben ist und Andreas Wolf dort am Pult der Staatskapelle Halle ohne Unfallschäden freudig seines Operettenamtes walten kann, gehört nicht nur in die Rubrik „Glück im Unglück“ in der erzählten Unfallgeschichte. Es ist auch der Glücksfall des Abends. Wenn sich alle, allein und zusammen mit der Wucht des von Frank Flade einstudierten Chores auf den Offenbach-Schmiss einlassen, mit dem die Staatskapelle aufwartet, dann hat der Abend den Drive und Schwung, mit dem sich noch jede Katastrophe halbwegs überleben ließe.

Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“
Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“

Eurydikes vokale Glanzlichter

Zu der, die erzählt wird, gehört ein berühmter veritabler Ehekrach. In den haben sich Orpheus und Eurydike offensichtlich schon länger so gründlich verhakt, dass sie ihn auch zwischen den Trümmern mit Inbrunst weiterführen. Sie will weg und er sie eigentlich loswerden. Er ist der aufOffenbach frisierte Robert Selliermit charmant präsenter Boshaftigkeit als der von sich selbst berauschte Chefmusiker. Sie ist die seine Fixierung auf sich selbst eigentlich nur störende, chronisch vernachlässigte Ehefrau Eurydike. Diese Eurydike, vor allem aber Vanessa Waldhart und ihre bewegliche Stimme haben alles so gut überstanden, dass ihre Auftritte nicht nur zum vokalen Glanzlicht des Abends werden, sondern auch beglaubigen, warum sowohl der Chef der Unterwelt, als auch der des Olymp auf sie abfahren und ihr am Ende schließlich zu einem olympischen Neuanfang verhelfen. 

Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“
Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“

Mythologisches Durcheinander zwischen Himmel und Hölle

Da sich hinter der Öffentlichen Meinung hier eigentlich der Gott des Rausches Bacchus beziehungsweise Dionysos verbirgt, gehört es zur Jobbeschreibung dieser Zwischenfigur, jenes mythologische Durcheinander zwischen Himmel und Hölle in Gang zu setzten, das dann gelegentlich beklagt wird und wieder ins Lot gebracht werden soll. Dafür muss Eurydike erstmal Aristeus auf den Leim gehen und ihm in den Hades folgen. Hinter dem steckt natürlich der Chef der Unterwelt, Pluto, persönlich, der mit Kochschürze getarnt, Visitenkarten für seine Hades Bar verteilt. Chulhyun Kim geht seiner harmlosen Maskierung leider selbst etwas zu sehr auf den Leim – sein Gelächter soll wohl aus der Hölle kommen.

Doch passt es besser zu der Kantine mit römisch-dekadentem Wandfries, als die sich diese Hölle dann präsentiert. Hier sorgt inzwischen der Bruchpilot Styx für schlichte Mahlzeiten für seltsame Gäste. Wenn Hitler etwa ein Schnitzel verlangt, dann wirkt das als schwarzer Humor seltsam daneben. Wenn Jupiter sich darüber mokiert, dass Politiker heute eine Vorliebe für Hunde haben, dann gibts einen Lacher im Publikum, weil die Hallenser noch die Wahlplakate des amtierenden OB in Erinnerung haben, auf denen sich der damalige Kandidat mit seinem Großpudel Henri präsentierte (der natürlich nicht zur Wahl stand).

Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“
Szenenbild aus „Orpheus in der Unterwelt“

Turbulenter Betriebsausflug in die Unterwelt

Die olympische Göttertruppe ist mit einigem Kostümaufwand und mehr oder (leider auch) weniger Stimmkraft einig, mal einen kleinen Putsch gegen die Chefetage (mit musikalischen Marseillaise-Anklängen) zu proben. Immerhin kommt ein turbulenter Betriebsausflug in die Unterwelt dabei heraus. Auch wenn es mehr bei wuselnden Tableaus bleibt. Da Gerd Vogelmit seiner bewährten Kombination aus Stimmkraft und darstellersicher Präsenz Zeus ist, es auf ein Handzeichen hin donnern lassen kann (und von Juno Konstanze Winkler im Auge behalten wird!), behält er das Heft über seine wuselnde bunte Göttertruppe letztlich in der Hand. Aufs Ende hin setzten alle Beteiligten voll auf die grandiose Steigerung in den populären, mitreißenden Höllen-Can-Can. So bleibt neben dem Witz mit dem Hund vor allem Offenbach das, was man mit nach Hause nimmt. Inklusive der Frage, wie weit das Bild mit Bruchlandung nun geht.  

Bühnen Halle
Offenbach: Orpheus in der Unterwelt

Andreas Wolf (Leitung), Patric Seibert (Regie), Kaspar Glarner (Ausstattung), Michal Sedláček (Choreographie), Frank Flade (Chor), Marja Haglund (Dramaturgie), Barbara Dussler, Chulhyun Kim, Gerd Vogel, Robert Sellier, Patric Seibert, Kristian Giesecke (Darsteller, Gesang: Sandro Hähnel), Vanessa Waldhart, Konstanze Winkler, Clara De Pin, Anke Berndt, Miriam Knackstedt, Isabelle Serafin, Maik Gruchenberg, Teaa An, Chor der Oper Halle, Staatskapelle Halle






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