Opern-Kritik: Opéra de Lyon – Guillaume Tell

Mobilmachung durch Musik

(Lyon, 5.10.2019) Regisseur Tobias Kratzer rettet Rossinis Schiller-Oper vor dem Klischee der Folklore, findet stattdessen beklemmende, bestürzende wie berührende Bilder einer packenden Parabel.

© Stofleth

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Böse Menschen singen keine Lieder. Diktatoren kreischen im Diskant, aber spielen sicher keine Geige. Gute Menschen verströmen Seelentöne auf dem Cello. Anständige Leute finden im Chorgesang zueinander, hören zu, was andere zu singen und zu sagen haben, bilden harmonische Gemeinschaften, weil sie den richtigen Ton treffen. Die Schweizer in der (französisch gesungenen) Schiller-Oper von Gioachino Rossini sind bei Tobias Kratzer an der Opéra de Lyon allesamt Menschen, die Musik machen. Also gar keine folkloristisch naturnahen Almöhis, Bergbauern, Ziegenhirten oder Fischer, sondern eine Gruppe von in Einheitsschwarz gewandeten Kunstfreunden, deren gemeinsamen Musizieren ihnen ihre Identität stiftet, das sie stark, einig, konsensfähig und friedliebend macht. Diese Schweizer sind gleichsam die besseren Meistersinger von Nürnberg, überaus kultivierte Wesen also, die ihre lieben Kleinen längst nicht mehr zu Kinderschützen erziehen, sondern ihnen das Violinspiel lehren. Jemmy, der Sohn von Guillaume Tell, ist so ein Wunderknabe an der Violine, dem der Chor gar begeistert applaudiert.

Guillaume Tell: Parabel über Gut und Böse, über Kultur und Barbarei, über Frieden und Krieg

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Der konzeptionelle Trick, den Tobias Kratzer da bei seinem Frankreich-Debüt (gleich nach dem genialischen Wurf seines Bayreuther „Tannhäuser“) anwendet, ist eigentlich einfach, er wendet Rossinis hier ungekürzte, mit Balletteinlagen und gigantischen Chören aufgemotzte Grand Opéra zum Märchen, ja zur Parabel über Gut und Böse, über Kultur und Barbarei, über Frieden und Krieg. Doch in keinem Moment wird die Geschichte damit ins Unterkomplexe verkleinert oder gar verniedlicht. Vielmehr öffnet das Bild von einer musizierenden Gemeinschaft ungeahnte Assoziationsräume und Deutungsschichten. Es entsteht eine allgemeingültige Aktualität, weil Kratzer die beiden Gruppen von Schweizern und Habsburger Besatzern zwar klar voneinander abgrenzt: Die Usurpatoren sind ein in weiße Unterwäsche gekleideter Schlägertrupp aus jungen Männern mit deutlich zuviel Testosteron. Zwischen Militär und Mob ist hier kaum mehr zu unterscheiden.

Einladung zur Einfühlung

Doch der hoch musikalische junge Meisterregisseur muss nicht plump parallelisierend Partei ergreifen gegen rechte Prügelhorden, die sich beispielsweise über schutzlose Migranten hermachen. Er verkauft sein Publikum nicht für dumm, sondern schärft das Parabelhafte seiner Erzählung, lädt uns zur Einfühlung wie zum Nachdenken ein – und umschifft so ganz nebenbei alle Fettnäpfchen, die Rossinis „Giullaume Tell“ gleich multipel zu bieten hat.

Befreiungsschlag für Befreiungsoper

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Die Inszenierung wird zum Befreiungsschlag im doppelten Sinne. Die Befreiungsoper wirft all ihren kaum mehr glaubwürdig vermittelbaren Ballast ab und erzählt uns jenseits von Folklore, von schon bei Schiller arg konstruiertem Historismus und vor allem jenseits jeder Glorifizierung von Heldentum ach so freiheitsliebender Helvetier mit Aufmerksamkeit für jedes Detail die Geschichte eines zivilisierten Widerstandes. Ein willkommener Nebeneffekt: Die Balletteinlagen der Pariser Fassung von Rossinis letzter Oper werden fernab des gern ins Dekorative abgleitenden Divertissements in das dramaturgische Konzept eingebunden, da Tanzen, Singen und Musizieren in der von ihm portraitierten Gemeinschaft ja die ihr zu Grunde liegenden Formen des Austausches und der Verständigung darstellen. Das Gattungsproblem der gern etwas zu groß gedachten Grand Opéra löst sich damit in Wohlgefallen auf: nicht etwa durch Dekonstruktion und durch Striche, die das Werk für die Regieabsichten und Sehgewohnheiten unserer Zeit gefügig machen könnten, sondern durch klug einfühlsames Ernstnehmen der Bedingungen eines Operntypus, der eben noch nicht Wagnersches Gesamtkunstwerk sein kann und will. Nach seinem „Tannhäuser“ fällt Kratzers Regiezugriff also ungleich demütiger aus. Manches Tableaux belässt der Regisseur in seiner Statik, muss es gar nicht aktionistisch mit Einfällen füllen, um es für sich sprechen zu lassen, was angesichts der bereits auf den reifen Verdi vorausweisenden Partitur mit ihren grandiosen Duetten, Terzetten und Ensembles der Wirkungsmacht der Musik entscheidend entgegenkommt.

Regietheater und Sängeroper vertragen sich bestens

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Liebevolle, handwerklich fantastische gearbeitete Genauigkeit und Poesie gehen hier vor platter politischer Provokation, womit Kratzer nicht zuletzt eine seltene Versöhnung im Musiktheater-Diskurs der Gegenwart bewirkt: jene von Regietheater und Sängeroper. Beides geht zusammen. Und wie! Wenn man es denn kann – er und sein kongenialer Ausstatter Rainer Sellmaier können es. Gerade aus der Behutsamkeit heraus entstehen an diesem großen Abend des Musiktheaters beklemmende, ja bestürzende wie berührende Bilder. Ungeheure Spannung entsteht, als die Prügelknaben und Unterhosen-Usurpatoren der Besatzer mit all ihrem Hormonüberschuss im Schritt die mit ihren Musikinstrumenten scheinbar ganz ungeschützt bewaffneten Schweizer immer perfider und perverser in die Enge treiben, sie demütigend zwingen, ihre (schwarzen Konzert-) Kleider abzulegen und nunmehr bäuerlich bunte Trachten anzulegen, um derart dem Klischee verfallend die Perversion ihrer Identität in aufgezwungenen, eckig harten Volkstänzen zu vollziehen.

Legitime Mittel gegen die drohende Zerstörung einer Zivilisation

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Szene aus „Guillaume Tell“ an der Opéra de Lyon

Taugen die „alten“ Instrumente noch – zum aktiven zivilen Widerstand? Wie politisch einsetzbar ist die Musik? Wie wirksam ihre Botschaft gegen die blanke physische Gewalt der Tyrannen? Nach den naturgemäß eher behutsam tönenden Geigen, Celli und Holzbläsern schickt Kratzer die Mitglieder des Chores mit den potenten Blechbläsern ins Rennen. Eine schöne Pointe! Ob wenigstens sie den Eindringlingen Einhalt gebieten können? Die Mobilmachung durch Musik gelingt freilich erst dann, als Tell und die Seinen ihr Instrumentarium umbauen und Tell mit gutem Beispiel vorangeht, um sich aus Celloteilen und Fagott eine Armbrust zu basteln. Damit bringt er Gessler eigenhändig zur Strecke und leitet den musikalisch wie szenisch gar nicht triumphbrüllenden Schluss ein. Darf, ja muss äußerste, vernichtende Gewalt durch Gegengewalt beantwortet werden? Ist der Diktatorenmord als notwenige Notwehr das legitime Mittel gegen die drohende Zerstörung einer Zivilisation?

Rossinis Zukunftsmusik hat in Lyon ideale Interpreten

Selten wird ein mutiger Regiezugriff mit solcher Entschiedenheit musikalisch mitgetragen und bekräftigt. Ganz in seinem Element ist Lyons Musikchef Daniele Rustioni, der mit einem das Feuer des Dramas durch Differenzierung maximierenden Zugriff deutlich macht, wie sehr Rossini hier bereits Verdi vorbereitet. In dem dokumentierten Gespräch Rossinis mit Richard Wagner soll der Begriff der Zukunftsmusik gefallen sei. In Lyon spüren wir sie in jeder Faser der Partitur. John Osborn singt sich als Arnold in einen veritablen Höhenrausch, derzeit singt dem Amerikaner die tenorale Extrempartie niemand nach. Seine ganz natürlich wirkenden Messa di voce-Spezialeffekte sind ein Ereignis, die allein die Reise gen Frankreich wert wären. Jane Archibald veredelt die Koloraturen der Mathilde zu feinsten Ausdrucksmitteln, die Wärme ihres Soprans macht die die Seiten wechselnde Habsburgerin zu einer wahren Königin der Herzen. Nicola Alaimo ist ein baritonwarm sensibler Tell, der nie präpotent aufdrehen muss, um diesem Schweizer Wiedergänger des Hans Sachs prägnantes Profil zu verleihen. Welch ein großer, bewegender Abend.

Opéra de Lyon
Rossini: Guillaume Tell

Daniele Rustioni (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Rainer Sellmaier (Bühne), Reinhard Taub (Licht), Demis Volpi (Choreogaphie), Johannes Knecht (Chor), Nicola Alaimo, John Osborn, Jane Archibald, Jean Teitgen, Enkelejda Shkoza, Jennifer Courcier, Tomislac Lavoie, Grégoire Mour, Patrick Bolleire, Philippe Talbot, Chor und Orchester der Opéra de Lyon

Weitere Termine: 7., 9., 11., 13., 15 & 17.10 2019, Koproduktion mit dem Staatstheater Karlsruhe

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