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Opern-Kritik: Opéra national du Rhin – Le Roi d‘Ys

Eine Sturmflut der Rache

(Straßburg, 11.3.2026) An der Operá national du Rhin inszeniert Olivier Py höchst eindrucksvoll Édouard Lalos Oper „Le Roi d’Ys“. Atemberaubend, was Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse zu dieser tragischen Geschichte im Graben entfesseln.

vonRoberto Becker,

Die Operá national du Rhin mit ihren Häusern in Straßburg, Mulhouse und Colmar würzt ihren Spielplan, wie jedes clevere Haus, immer wieder auch mit selten gespielten, fast vergessenen Werken. Dabei kann man – gerade in Frankreich – auf etliche inzwischen versunkene Schätze des 19. Jahrhunderts zurückgreifen. Es gab eben nicht nur Verdi und Wagner in diesem besonders ergiebigen Opernjahrhundert. Zudem war Paris die Opernmetropole schlechthin, in der auch der italienische und der deutsche Überkomponist unbedingt nicht nur einen Fuß in der Tür haben, sondern auch wirklich landen wollten. Von den Franzosen, die damals „daheim“ vor allem den Ton angaben, sind heute nicht nur die Grand opéras Objekte von Ausgrabungs- und Wiederbelebungsambitionen. Das betrifft erstaunlicherweise auch zu ihrer Zeit ausgesprochen erfolgreiche und häufig gespielte Werke. Dazu gehört ohne Zweifel auch der Dreiakter „Le Roi d’Ys“ von Édouard Lalo (1823-1892), der 1888 an der Opéra-Comique – im Salle du Châtelet – in Paris uraufgeführt wurde. Die Aufführungsgeschichte vermeldet an diesem Haus fast 500 Aufführungen dieser Oper, bis sie 1941 an die Opéra National de Paris wechselte. In den letzten Jahren haben sich u. a. die Opern in Toulouse (2007/08) und Liège (2008) um das Werk verdient gemacht. Insgesamt aber ist es ihr so ergangen wie der sagenhaften Stadt, um die es in dieser veroperten Legende geht.

Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin
Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin

Liebe und Politik

Das Libretto von Édouard Blau führt in die Stadt Ys, die nicht nur an der bretonischen Küste liegt, sondern unterhalb des Meeresspiegels. Vor den Fluten wird sie – wie die Niederlande – durch einen mächtigen Damm mit Schleusen geschützt. Das ist eine besondere und allenthalben lebensbedrohliche Lage, verlangt also per se nach einem strategisch weitsichtigen Herrscher. Der König von Ys (mit der gebückte Würde des Alters: Patrick Bolleire) versucht den Frieden mit dem kriegerischen Prinzen Karnac (in jeder Hinsicht ein vitales Kraftpaket: Jean-Kristof Bouton) dadurch abzusichern, dass er ihn mit seiner ältesten Tochter Margared verheiraten will. Was bei Maria Theresia für Österreich funktioniert hat, klappt in Ys nicht, weil Margared (mit intensiv eindrucksvoller Mezzo-Bosheit: Anaïk Morel) nicht mitspielt. Bei der Rückkehr des lange als verschollen geltenden Mylio (mit schmetterndem lyrischen Tenor und einem ersten Auftritt vom Rang aus: Julien Henric) wird sie vor dem Traualtar so von ihrer Liebe zu ihm überwältigt, dass sie die politisch so wichtige Hochzeit mit Karnac offen verweigert. Operngemäß kommt hinzu, dass Mylio und die jüngere Schwester Margareds, Rozenn (sopranschön: Lauranne Oliva), schon lange ein Paar sind.

Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin
Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin

Aus Rache wird Hochverrat

Als der König Mylio schließlich die Hand Rozenns verspricht, wenn er Karnac, der nach seiner geplatzten Hochzeit natürlich wieder in den Krieg gegen Ys zieht, besiegt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Vor allem, weil Margared quasi Amok läuft. Sie fühlt sich verletzt und um ihr Glück betrogen. Was man durchaus verstehen könnte. Aber sie ist so auf sich fixiert, dass sie die Entscheidung von Mylio für ihre Schwester oder das Wohl, ja die Existenz ihrer Stadt nicht mehr interessiert. Sie gibt sich ihrer Rache hin und wird – man kann es nicht anders sagen – zur Hochverräterin. Sie verbündet sich nämlich mit dem von Mylio tatsächlich besiegten Karnac und weist ihm den Weg zu den Schleusen, die die Stadt vor dem Untergang schützen. Gegen diese Margered wirken ihre bösen Rollenkolleginnen bei Verdi oder Wagner (immerhin verfolgen Lady Macbeth oder Ortrud eine politische Strategie) geradezu rational. Dass Margered sich am Ende als Opfer in die Fluten stürzt, um den Vernichtungs-Tsunami zu stoppen (so was geht in der Oper), macht diesen rachsüchtigen Charakter nicht besser.

Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin
Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin

Spätromantische Klangwellenberge

Was Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse zu dieser tragischen Geschichte über das zerstörerische Potenzial von Eifersucht an musikalischem Seegang im Graben entfesseln, ist atemberaubend. Die gewaltig sich auftürmenden Klangwellenberge, der opulente, spätromantische Orchesterklang, dazu die besondere französische Eloquenz, alles mit dem Rückenwind von Wagnerismus und dem Nachhall der Grand opéra – das ist durchweg packend. Zumal Lalo dem Paar Mylio und Rozenn ein romantisches Liebesduett gönnt, das an Dido und Aeneas in den „Trojanern“ von Berlioz erinnert.

Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin
Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin

Starke Schauwerte

Olivier Py und seinem Stammausstatter Pierre-André Weitz gelingt eine eindrucksvolle szenische Umsetzung. Zu der wie meistens bei Py und Weitz gewaltigen und dunkel düsteren Bühnenkonstrukten gehören die hintereinander in die Tiefe der Bühne gestaffelten Well(!)blechhänger, die das Wogen des Meeres imaginieren, mächtige Schleusentore mit Kranvorrichtungen, Anmutung von Schiffen, aber auch diverse Arkadensegmente, die auf die faschistische Moderne des Palazzo della Civiltà bei Rom verweisen, ein paar exemplarische Kämpfer, die mit freiem Oberkörper aufeinander losgehen, und ansonsten eine Schwarzweiß-Optik bei den historisierenden, auf die Entstehungszeit anspielenden Kostümen. Das macht zum gewaltigen musikalischen auch einen starken optischen Eindruck und kompensiert das Statische in einigen Passagen vor allem des von Hendrik Haas einstudierten Chœur de l’Opéra national du Rhin.

Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin
Szenenbild aus „Le Roi d’Ys“ aus der Opéra national du Rhin

Großartiger Gesang und stürmischer Beifall

Gesungen wird in Straßburg durchweg großartig und mit genau dem Pathos, das die Geschichte braucht, um ihre Wirkung bei einem heutigen Publikum zu erzielen. Dazu gehört dann auch – als seltsame Schlusspointe nach dem Selbstopfer Margareds und dem Abebben der verlustreichen Sturmflut – ein unvermittelt einsetzender Konfettiregen. Und stürmischer Beifall für alle. 

Opéra national du Rhin
Lalo: Le Roi d’Ys

Samy Rachid (Leitung), Olivier Py (Regie), Pierre-André Weitz, Bühne und Kostüme), Bertrand Killy (Licht), Patrick Bolleire (Le Roi d’Ys), Anaïk Morel (Margared), Lauranne Oliva (Rozenn), Julien Henric (Mylio), Jean-Kristof Bouton (Karnac), Fabien Gaschy (Saint Corentin), Jean-Noel Teyssier (Jahel), Chœur de l’Opéra national du Rhin, Orchestre national de Mulhouse

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