Opern-Kritik: Staatsoper Berlin – Sleepless

Schlaflos im Sehnsuchtsort

(Berlin, 28.11.2021) Die Uraufführung des Komponistenzauberers Peter Eötvös wird zu einem Sieg der feinen, stillen und schönen Mittel – und großer, wahrhafter Poesie.

© Gianmarco Bresadola

Szenenbild aus „Sleepless“

Szenenbild aus „Sleepless“

Peter Eötvös hat wieder gezaubert. Das Erfolgsgeheimnis des heute 77-jährigen Opernkomponisten basiert auf wenigen Leitlinien, die sich seit mindestens 200 Jahren im Musiktheater als gute Voraussetzungen für Langzeit-Erfolge bewähren: Eötvös‘ Sujets nach Autoren wie Roland Schimmelpfennig oder Gabriel José García Márquez suchen eine erfundene oder wiedergefundene Realität, aber nicht deren vergröbernde Spiegel. Dabei folgt Eötvös einer Ästhetik des Wunderbaren oder des Staunens. Immer sucht er Kontakt zu denen, die ihn inspirieren, und Vertonungen beginnt er erst, wenn das penibel gearbeitete Textbuch fertig vorliegt. Die Uraufführung der Opera Ballad „Sleepless“ in der Staatsoper Berlin zeigt, welche Energiepulse ein solcher Werkplan in einer derart idealen Konstellation entfesseln kann. Der einhellige Zuspruch für eine neue Oper wie am Sonntagabend ist selten. Es kam alles erdenklich Gute zusammen.

© Gianmarco Bresadola

Szenenbild aus „Sleepless“

Szenenbild aus „Sleepless“

Der Wendekreis des Lachses

Schon Monika Pormales Bühnenbild ist preiswürdig: Ein riesiger, mit lebensechter Plastizität modellierter Lachs auf der Bühnen-Drehscheibe. Die Augen scheinen zu leben, das Fleisch leuchtet in appetitlichem Rosé und das herausstehende Gerippe in elfenbeinener Weißheit. Menschen wuseln darin wie Maden in bunten Textilien. Dieses Innenleben ist von anderer als Ikea-hafter, aber eindeutig skandinavischer Buntheit. Eine Bar, eine Wohnung und eine Richtstätte im norwegischen Sehnsuchtsort Bjoergvin – am Schluss eine einsame Hütte am Meer. Aber diese geniale Ausstattung muss keine einzige kreative Schwäche kaschieren. Jon Fosses Erzählung „Schlaflos“ (2007) setzte bereits poetische Innenspannungen und visuelle Energien frei, bevor das Produktionsteam die neue Musik kennenlernen konnte. Fosse bannte seine gnadenlos deprimierende Geschichte in fast gebundene Prosa von dunkler Zärtlichkeit: Die hochschwangere Alida und ihr Freund Asle suchen nach einer freien Existenz an ihrem Sehnsuchtsort Bjoergvin. Als niemand sie bei ihrer Herbergssuche aufnehmen will, wird Asle zum mehrfachen Mörder. Er verfällt der Lynchjustiz des Mobs. Alida, die von den Untaten Asles offenbar nichts weiß, ehelicht nach der Entbindung den älteren Asleik. Aber dem verlorenen Geliebten bewahrt sie ihr sehnsuchtsvolles Angedenken. Als alte Frau geht sie ins Meer.

© Gianmarco Bresadola

Szenenbild aus „Sleepless“

Szenenbild aus „Sleepless“

Anti-Legende

Jon Fosses Text verallgemeinerte und entzeitlichte seinen Plot, aber er verzauberte ihn auch mit Worten und Sprachgesten. Diese Aura der literarischen Quelle bringt Mari Mezeis Textbuch in der englischen Übersetzung von Judith Sollosy zum Schweben – und damit die Musik. Für jede der zwölf Szenen hat Eötvös einen der zwölf Grundtöne als harmonisches Zentrum fixiert. Zwei Vokalsextette schwingen sich wie ein antiker sphärischer Chor durch die Partitur. Wieder einmal entwickelte Eötvös also ein nachvollziehbares Formgerüst für seine sinnliche und persönlichkeitsstarke Tonsprache. Aus Diatonik und Mikrointervallen entstehen Musikszenen, die zum Zeitpunkt der Uraufführung so zeitlos und situationsfern wirkt wie Fosses Sprache. Die Musik konturiert, verweigert aber jede dramatische Illustration oder Verdichtung. Asle ist Geiger, sein als Figur nicht auftretender Sohn wird es ihm nachtun. Doch an keiner Stelle der Partitur gibt es ein klangliches Äquivalent für dieses wichtige Requisit. Den ganzen Werkverlauf bewegt sich das Orchester in multiplen, meist solistischen Verbindungen um nicht kohärente Hauptstimmen. Das nur gedachte Stimmen- und Stimmungszentrum wird so stark, dass es sich im Geflecht der rudimentären Einzelstimmen zu materialisieren scheint. Die Partitur fordert hochkonzentrierte Eigenleistung des Publikums und belohnt mit einer faszinierenden Ausdrucksdichte. Aus Holzbläserlinien und -punkten, darunter die sparsam wie markant eingesetzte Bassklarinette, entstehen raffinierte Obertonkombinationen und Musik von hypnotischer Intimität.

© Gianmarco Bresadola

Szenenbild aus „Sleepless“

Szenenbild aus „Sleepless“

Die große Kunst des Weglassens

Eötvös und Fosse betreiben Anti-Dramaturgie par excellence. Die Herbergssuche des jungen Paars gerät zum Negativspiegel jener von Maria und Josef – nur ist Alidas Schwangerschaft nicht unbefleckt und Asle nicht unschuldig. Diese polyvalente Situation inspirierte den filmerfahrenen Kornél Mundruczó zu einer gläsern präzisen Personenführung, die auf und hinter ihrer Oberflächenklarheit eine tiefe poetische Dimension erlangt. Alina und Asle sind schuldige Unschuldige, die „Gemeinschaft“ ein madiges Funktionsgefüge. Zum hochkarätigen, aber zutiefst melancholischen Weihnachtsmärchen für Erwachsene wird die Produktion durch die phantastischen Besetzungen der kleinen, aber immens bedeutsamen Partien: Die in wenigen Bewegungen ein Lebensschicksal modellierende Old Woman von Hanna Schwarz, der Alida zugewandte Asleik von Arttu Kataja, der Boatman von Roman Trekel, die differenzierte Mutter und Midwife von Katharina Kammerloher und-und-und…

© Gianmarco Bresadola

Szenenbild aus „Sleepless“

Szenenbild aus „Sleepless“

Ein Besetzungs-Coup

Auch da erlebt man eine von Eötvös vertraute Stärke. Er schenkt seinen Interpreten Partien, die sich ohne Kehlkopfmuskelkater gestalten lassen und trotzdem packende Herausforderungen bieten. Ein Coup ist die Besetzung von Alida und Asle mit ganz jungen Sängern in der hier glänzend bewältigten Sprunglandung vom Studio ins „echte“ Engagement. Alidas Part steht mit einem Teil noch in der Tradition der Dulderinnen und Leidenden vormoderner Opern, wogegen Victoria Randem sich mit dem geballten Potenzial ihrer starken Persönlichkeit wehrt und dabei doch verletzlich bleibt. Die Zwiespältigkeit der Partie eines Musikers, Mörders und Märtyrers überwindet Linard Vrielink mit einer höchstwahrscheinlich hart erarbeiteten Natürlichkeit, welche die Figur weder verkleinert noch übersteigert. Natürlich beherrscht Eötvös alle Tricks, wie man Oper in ein transzendentes Schweben bringt. Er hat die subtile Spannungsökonomie, um Fosses amorphe und deshalb sehr so nahegehende Legende derart zu überhöhen, dass seine Oper an der unerhört subtilen Handlung nicht zerbricht, sondern wächst. So wurde diese Uraufführung zu einem Sieg der feinen, stillen und schönen Mittel – und großer, wahrhafter Poesie.

Staatsoper Unter den Linden Berlin
Eötvös: Sleepless – Opera Ballad in zwei Akten (2021)

Peter Eötvös (Leitung), Kornél Mundruczó (Regie), Monika Pormale (Bühne & Kostüme), Felice Ross (Licht), Jana Beckmann & Kata Wéber (Dramaturgie), Victoria Randem, Linard Vrielink, Katharina Kammerloher, Hanna Schwarz, Sarah Defrise, Jan Martiník, Tómas Tómasson, Roman Trekel, Siyabonga Maqungo, Arttu Kataja, Staatskapelle Berlin

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