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Opern-Kritik: Staatsoper Unter den Linden – Das kalte Herz

Traumaforschung vor Waldtapete

(Berlin, 11.1.2026) Die neue Oper „Das kalte Herz“ von Matthias Pintscher erzählt das gleichnamige Märchen mit neuen Bezügen. Vieles bleibt allerdings verrätselt, und die Uraufführungsinszenierung hilft auch nicht weiter.

vonEcki Ramón Weber,

Eine Märchenoper! Im 21. Jahrhundert? Kann das funktionieren? Wenn so etwas ein Starkomponist unserer Tage wie Matthias Pintscher angeht, dessen Orchesterwerke so differenziert wie ausdrucksstark sind, so wuchtig wie fein strukturiert, ist man erst einmal neugierig. Pintscher, geboren 1971 in Marl, ist ein Tausendsassa der Musikszene. Der seit 18 Jahren in New York City lebende Frühaufsteher zeigt sich nicht nur als äußerst produktiver Komponist, er lehrt auch an der Juilliard School und ist als Dirigent international aktiv. In Paris war er zehn Jahre Musikdirektor des renommierten Ensemble intercontemporain. Seit 2024 ist er Chefdirigent des Kansas City Symphony Orchestra, zudem Creative Partner beim Cincinnati Symphony Orchestra. „Das kalte Herz“, jetzt uraufgeführt an der Staatsunter Unter den Linden in Berlin, ist Pintschers vierte Opernkomposition.

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Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden

Gefühlskälte, Traumata, Schuldfragen und Sehnsucht nach Erlösung

Das Libretto zum neuen Werk hat der Pianist, Liedbegleiter, Lyriker und Übersetzer Daniel Arkadij Gerzenberg in intensivem Austausch mit Pintscher verfasst. Trotz des gleichnamigen Titels werden nur einige Handlungselemente aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ genommen. Der Tausch des eigenen Herzens gegen einen Stein dient in dem eher poetisch als dramatisch oder postdramatisch ausgerichteten Libretto als Ausgangspunkt für einen neuen Zugriff: In der Handlung geht es nun um die Unfähigkeit zu direkter Kommunikation und um Gefühlskälte, Traumata, Schuldfragen und Sehnsucht nach Erlösung. Also: Willkommen im 21. Jahrhundert der Multikrisen, der Einsamkeit, der Depressionen und des Sinnverlusts. Ein besonderer Kniff: Es gibt Bezüge zu Traditionen aus Weltreligionen. Anstelle des Waldgeists Glasmännchen und des furchterregenden Holländermichels bei Hauff tritt im Libretto der altägyptische schakalköpfige Totengott Anubis auf, bei Gerzenberg weiblich gelesen. Tatsächlich hat, so der Glaube in Altägypten, Anubis bei der sogenannten Seelenabwägung das Herz der Verstorbenen gewogen. Azaël, der Totenengel aus den Apokryphen, hat die Rolle des Bösen in der Opernhandlung. Und Wagners „Lohengrin“ wird auch noch im Libretto beschworen, mit „Nie sollst du mich befragen …“, ein überflüssiger Gemeinplatz.

Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden

Virtuose Orchesterbehandlung und dennoch viele Elemente aus der Trickkiste

Pintscher weiß als Komponist zweifellos meisterhaft mit dem Orchester umzugehen. Zu Beginn zurückhaltend, mit dramaturgischem Weitblick, sind nur die tiefen Register vorwiegend in bedrohlichem Rumoren zu hören. Auch das erinnert teils an Wagner und an wirkungsvolle Filmmusik, die sich ja nicht zuletzt bei den Opern des 19. Jahrhunderts bediente. Im Verlauf von Pintschers Stück setzen gleißende Streicher ein und kraftvoll-kernige Blechbläserakkorde. Auch ein intensives Schrappen, Hauchen, Reiben kommt aus dem Orchestergraben, außerdem pointiert eingesetztes Schlagzeug, mal mit Fokus auf Metallophone, mal Trommeldonner, dann wieder rabiate Orchesterausbrüche, die aus den zerklüfteten Klanglandschaften hervortreten. Pintscher hat das natürlich alles virtuos in der Orchesterbehandlung und Zusammenstellung drauf. Aber letztendlich greift das Ganze doch bloß in die Trickkiste des erlesen ausgearbeiteten zeitgenössischen Musiktheaters, das seit einem Vierteljahrhundert an Staatstheatern gezeigt wird. Von einem kreativen Feuerkopf wie Pintscher hätte man hier mehr Überraschungen erwarten können.

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Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden

Brillante Darsteller

Die Opernuraufführung geht noch auf einen Auftrag von Daniel Barenboim zurück, bis 2023 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Neben der Staatskapelle, die Pintscher am Dirigentenpult hörbar inspiriert hat, ist die Produktion mit brillanten Darstellern besetzt: Die Hauptfigur des Köhlers Peter hat mit Samuel Hasselhorn einen Sängerdarsteller mit Charakter, schlank, kantabel und doch kernig. Wo es erforderlich ist, dramatisch. Seine Geliebte Clara (Sophia Burgos) und seine Mutter (Katarina Bradić) meistern souverän mitunter hochexpressive Passagen. Die Anubis von Alice Coote bahnt sich ehrfurchtsgebietend und auratisch ihre vokalen Schneisen. Schauspielerin Sunnyi Melles bringt den Todesengel Azaël bedrohlich und später blutrünstig, mit gekonnt dosierten grotesken Nuancen zwischendurch.

Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Unter den Linden

Inszenierung kann die Längen nicht kaschieren

Doch so voller bedeutungsschwangerer Metaphern die Handlung ist, bleibt doch vieles kryptisch und verrätselt. Die Inszenierung hilft da auch nicht weiter: James Darrah Blacks Regie mit einem Einheitsbühnenbild (Adam Rigg) aus einer per Video (Hana S. Kim) und Licht (das Beste an der Inszenierung, da sehr atmosphärisch: Yi Zhao) dezent sich ändernden Waldtapete und ein ganzes Rudel Wölfe, deren Kadaver kopfunter vom Schnürboden an Fleischerhaken hängen, öffnet keine weiteren Bedeutungsräume. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn vorwiegend wird vorne an der Bühne agiert. Die hochmoderne Bühnentechnik der Staatsoper bleibt auf Sparflamme. Bei gutem Willen vermag man an manchen Librettostellen Hinweise auf die Klimakrise finden: Die Schuld der vorherigen Generationen. Aber szenisch löst sich diesbezüglich nichts ein. Letztendlich hat der zweieinhalb Stunden ohne Pause laufende Abend zudem Längen, vor allem gegen Ende zieht es sich doch arg. Keine Frage, alles ist meisterhaft in Faktur und Ausführung. Aber die Zukunft des Musiktheaters wird hier nicht geschrieben. Das Premierenpublikum applaudierte begeistert. In zwei Monaten, am 11. März, läuft die Premiere an der koproduzierenden Opéra-Comique in Paris.

Staatsoper Unter den Linden
Pintscher: Das kalte Herz

Matthias Pintscher (Leitung), James Darrah Black (Regie), Adam Rigg (Bühnenbild), Molly Irelan (Kostüme), Hana S. Kim (Video), Yi Zhao (Licht), Anderson Nunnlley (Co-Regie), Samuel Hasselhorn (Peter), Katarina Bradić (Mutter), Alice Coote (Anubis), Sophia Burgos (Clara), Sunnyi Melles (Azaël), Adriane Queiroz (Alte Frau), Otto Glass (Kind), Staatskapelle Berlin





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