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Opern-Kritik: Staatstheater Mainz – Breaking the Waves

Mein Körper gehört mir

(Mainz, 26.4.2026) In ihrer Uraufführung der Mainzer Fassung der amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli dringt ihre Oper bis in des Gemüts verborgenste Winkel. Die Geschichte ist heftig.

vonMichael Kaminski,

Die örtliche Kirche hat keine Glocke. Ihr Geläut würden die strengen Calvinisten auf der schottischen Insel Skye als Versuchung zu Sünde und Sinnlichkeit verurteilen. Einzig Bess McNeill zeigt sich anfechtbar. Nicht einen der braven Kirchgänger wählt sie zum Gemahl, sie ehelicht einen norwegischen Arbeiter von der Ölbohrinsel draußen vor der Küste. Jan Nyman, den Klang seines Vornamens wähnt sie Glockenton. Mehr noch, wie inflationär ihr „Jan“ auch über die Lippen kommt, beständig gerät ihr der Name zur jubelnden Liebesfanfare. Regisseur Krystian Lada begreift den Glockenklang am Staatstheater Mainz zugleich hochsymbolisch und völlig konkret. Letzteres in Übereinstimmung mit der Geschlechtlichkeit als Glockenklang empfindenden Bess. Unter solchem Vorzeichen gerät ihr Jans unablässig ausgesprochener Name beinahe zur magischen Beschwörung des ihr jeweils ganze Monate hindurch unerreichbaren Norwegers auf der Ölbohrplattform. Das Magische und Ritualhafte des Ansinnens kontrastiert der aller Sinnlichkeit abholden Liturgie calvinistischen Gottesdienstes, worin immerfort und monothematisch von Sünde und Buße die Rede ist.

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Szenenbild aus „Breaking the Waves“ am Staatstheater Mainz
Szenenbild aus „Breaking the Waves“ am Staatstheater Mainz

Alptraum und Martyrium

Anfangs wahrt Lada Reste von Realismus, wenngleich der Gemeinde frömmelnde und zugleich untergründig lüsterne Männerwelt als geheimbundgleiche Drohung daherkommt. Auch dies Symbol und Konkretion zugleich. Von hier aus führt Lada in ein Märchen von schwer zu überbietender Alptraumhaftigkeit hinein. Nicht zwei brutalen Seeleuten liefert sich Bess aus, sie bietet sich einer maskierten Männerhorde mit nackten Oberkörpern zum Opfer dar. Ob nun Matrosen oder diabolischen Gemeindegliedern, ist tatsächlich einerlei. Auf Deck wie im Gotteshaus, männlich dominierten Gesellschaften ist Gewalt gegen Frauen inhärent. Jan ist die Ausnahme. Fordert der Schwerstverunfallte und daher zum Sex Unfähige seine Frau auf, anderen Männern beizuwohnen, dann geht er von ihm gleichenden Geschlechtsgenossen aus. Männern, erfüllt von Leidenschaft und dennoch Frauen niemals zum bloßen Objekt der Begierde herabwürdigend. Mag sein, eben jener Trugschluss gilt Lada als Schuld. Jedenfalls liegt Bess` Gemahl aus immerfort blutender Wunde auf der Krankenbahre wie Amfortas auf dem Siechenlager. Bühnenbildnerin Annette Murschetz pfropft einer hügeligen Graslandschaft das Halbrund einer Arena auf. Deren Stufen taugen den Männerhorden gleichermaßen zum Schandwerk und als Beobachtungsposten. Bess agiert über weite Strecken im aufwendigen Brautkleid. Kostümbildner Adrian Bärwinkel hängt der beinahe königlichen Robe eine überlange Schleppe an. Der Brautstaat zeigt sich blutverschmiert von der Lust des ehelichen Beilagers wie den brutalen Verletzungen durch die Vergewaltiger.

Szenenbild aus „Breaking The Waves“ am Staatstheater Mainz
Szenenbild aus „Breaking The Waves“ am Staatstheater Mainz

„Mainzer Fassung“

Doch überlebt Bess in Mainz all‘ die sexuelle Gewalt. Final darf sie sich von jener Gruppe lokaler Frauen gehalten und getragen wissen, die im Prolog des Werks das Publikum an biographischen Daten zu Herkunft und religiöser oder nichtreligiöser Sozialisation teilhaben ließen. Final agiert das Ensemble „Mainzer Frauen“ als Laiinnenchor, den Librettist Royce Vavrek mit einem poetischen Manifest auf die körperliche Selbstbestimmung und Komponistin Missy Mazzoli mit umstandslos Sanglichem bedenken. Der Herrenchor des Hauses bedrängt unter Sebastian Hernandez Laverny die weibliche Zentralfigur spielerisch und vokal mit geradezu physischer Brutalität. Für Bess spannt Dirk Kaftan mit dem Mainzer Staatsorchester weite melodische Bögen voller Innigkeit und Zuversicht, um die frommen oder zur See fahrenden Machos nur desto brutaler dreinschlagen zu lassen. Die Bess McNeill der Julietta Aleksanyan ist ein spielerisches wie sangliches Großereignis. Innigste lyrische Emphase und nimmermüde eheliche Solidarität dringen bis in des Gemüts verborgenste Winkel. Erst elegant und zugewandt, später als Mann der Schmerzen beglaubigt Brett Carter, weshalb Bess‘ Wahl gerade auf ihn fällt.

Staatstheater Mainz
Mazzoli: Breaking the Waves

Dirk Kaftan (Leitung), Krystian Lada (Regie), Annette Murschetz (Bühne), Adrian Bärwinkel (Kostüme), Aleksandr Prowaliński & Frederik Wollek (Licht), Sebastian Hernandez Laverny (Chor), Julietta Aleksanyan (Bess McNeill), Brett Carter (Jan Nyman), Karina Repova (Dodo McNeill), Daniel Semsichko (Councilman), Yoonki Baek (Dr. Richardson), Nancy Weißbach (Mother), Tim-Lukas Reuter (Terry), Doğuş Güney (Sadistic Sailor), Frederik Bak (Young Sailor), Herrenchor des Staatstheater Mainz, Ensemble Mainzer Frauen, Philharmonisches Staatsorchester Mainz

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