Wer war Albert Lortzing? War er Pazifist, antikapitalistischer Revoluzzer und frühmoderner Bürgerrechtler, der in seinem Schaffen mal heimlich, mal offen gegen den Adel rebellierte? Oder war er doch vor allem ein geschickter Schauspieler, Regisseur und gewiefter Verkäufer seiner eigenen Werke – ein kluger Theatermacher, stets auf der Suche nach dem Sensationellen, nach dem, was es auf deutschen Bühnen so noch nicht gegeben hat? Lortzings Texte sprechen viele Sprachen, seine heiteren Spielopern ebenso wie seine ernsteren Stücke zeigen viele Gesichter. Diese herauszuarbeiten, ist das Ziel des zehntägigen Festivals Lortzing 26, in dessen Rahmen Oper und Musikalische Komödie einige Werke des Komponisten präsentieren.
Schon das erste Wochenende zeigte drei Klassiker Lortzings, zwei davon in Neuproduktionen. Den Auftakt gestalteten Dirigent Michael Nündel und Regisseurin Sonja Trebes in der Musikalischen Komödie mit „Der Waffenschmied“. Bereits in dieser Verkleidungsposse wird der Anspruch des Festivals auf vielfältige Sichtweisen und behutsame Aktualisierung deutlich, ohne die heiteren Grundzüge preiszugeben. Der Graf von Liebenau (hemdsärmelig als Geselle, pseudogalant als eine Art Zorro: Bariton Martin Häßler) erscheint hier nicht als selbstbestimmter adeliger Schürzenjäger, sondern als Getriebener seiner – in dieser Fassung hinzugefügten – Frau Missy von Katzenstein, die ihrerseits den Ritter Adelhof beauftragt, dem Grafen in seinen Ambitionen nachzuspionieren.

Original, aber doch nicht ganz originell
Augenscheinlich verortet Trebes das Szenario nah am Original: Stadingers Waffenschmiede erscheint als mittelständischer Kleinbetrieb, in dem Haushalt und Werkstatt fließend ineinandergreifen. Das eröffnet die Möglichkeit, den ohnehin präsenten Frauenfiguren – ihren Sehnsüchten und Wünschen – mehr Autonomie zuzugestehen, ohne allzu stark in die Handlung einzugreifen. Sowohl Marie (mit aufgeweckter Präsenz: Elissa Huber) als auch die Dienstmagd Irmentraut (herrlich selbstbezogen: Kathrin Göring) gewinnen Raum für eigene Zielsetzungen: Marie verwandelt sich in ihrer Arie „Ich wünscht ich wäre ein Mann“ zur „Zorra“, während Irmentraut nicht mit sexuellen Anspielungen spart. Diese Neuauslotung der Figuren fügt sich durchaus in den Rahmen des Stücks.
Über das Ziel hinaus schießt Trebes jedoch mit der offen zutage tretenden Kapitalismuskritik. Der Graf wird zum moralfreien Großunternehmer, Stadingers Betrieb steht vor der Übernahme, Schilder skandieren wie so oft einen bunten Strauß an Forderungen – bis schließlich eine als Deus ex machina fungierende Marie die drohende Abrissbirne verhindert. Unklar bleibt zudem die Funktion des Balletts: metaphysisch entrückt und ohne erkennbare Interaktion mit den Darstellern tritt es in den Arien als beweglicher Revueschmuck auf; die Deutung bleibt dem wohlwollenden Publikum überlassen.

Musikalisch bodenständig und daher so überzeugend
Umso schlüssiger erscheint die Verbindung zu Nündels zündender, bisweilen champagnerhaft leichter Lesart der Musik. Orchester und Chorensemble hört man mit Vergnügen, besonders in den großen Nummern, etwa in Stadingers die guten alten Zeiten beschwörendem „Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar“. Der Gesang wirkt im volkstümlich-spielerischen Rahmen der Musikalischen Komödie deutlich natürlicher als die bisweilen schwer verständlichen, emphatisch affektierten Rezitative, die eher an eine Operetteneinspielung erinnern und ebenso wie das einheitliche Bühnenbild mehr komisches Lokalkolorit vertragen könnten.
Komponist der Werktätigen
Ganz anders gelagert ist Lortzings „Regina“. In seiner Revolutionsoper lässt sich der Komponist von der beginnenden Industrialisierung und den Ereignissen von 1848 inspirieren, die er selbst miterlebte – eine Erfahrung, die sich in der feurigen Musik und den klanggewaltigen dramatischen Chortableaus eindrücklich niederschlägt. Regisseur Bernd Mottl findet dafür im Leipziger Opernhaus klare, mitunter drastische Bilder. Schnörkellos zeigt das erste Bild seiner Neuproduktion die kühle Eleganz eines Großindustriellenbüros in massiver Holzoptik; Ahnentafel und ein antikes Glasfenster mit Familienwappen verleihen dem Raum Gravitas – beinahe erinnert er an die Villa Hügel der Familie Krupp.
Bereits im ersten Chortableau, in dem die Arbeiter mehr Lohn fordern, notfalls mit Waffengewalt, zeigt sich jene für Lortzing ungewöhnliche Aggressivität – und zugleich der Opernchor Leipzig in bestechender Form. Warum Mottl jedoch den Geist des Vortags aufgreift und auch hier auf eine breite Palette systemkritischer Demoschilder setzt – von „Eat the rich“ über „umfairteilen“ bis hin zum fast ironischen „wir sind das Volk“ –, bleibt fraglich und wirkt ebenso zu kurz gegriffen wie die spröden Gelbwesten und Blaumänner im Müllmannstil verharmlosend. Lortzing wird so auf das allzu einfache Bild eines Kapitalismuskritikers reduziert, während seine Musik doch deutlich komplexer gearbeitet ist als jeder frivole szenische Aktionismus.

Drastisch erzählen
Stärker ist die Inszenierung dort, wo sie die Handlung in prägnanten Bildern erzählt: wenn am Ende des ersten Akts das Industriellenbüro zur eskalierenden Musik lichterloh brennt und der radikalisierte Stefan Regina entführt. Irritierend bleibt allerdings, dass die Sympathien weniger dem revolutionären Freikorps unter Stefan gelten als dem eher reaktionären Lager um Richard. Auch das finale Bild löst diesen Zwiespalt nicht eindeutig auf, eröffnet aber eine bemerkenswert ambivalente Perspektive: Nachdem Regina Stefan erschossen hat, vereinen sich beide Lager im Schlusschor und preisen den Einsatz für das Vaterland. Ein moderner Marschflugkörper wird auf die Bühne geschoben, Arbeiter schwenken unter Verweis auf ikonische Gemälde der 1848er-Revolution Deutschlandfahnen, während Chorsänger beginnen, aufeinander loszugehen – ein Verweis auf gegenwärtige, zunehmend bellizistische Tendenzen, der das Pathos des Stücks nicht bricht, sondern in ein irritierendes Licht rückt.
Musikalisch gerät „Regina“ zum vollen Erfolg. Das Gewandhausorchester unter Constantin Trinks entfaltet eine dynamisch geölte, fast maschinenhafte Klanghitze, während der Opernchor das Publikum mit erschütternder Wucht in die Sitze presst. Als notwendiges Gegengewicht zu dieser Musik mit hohem Puls wirken die ruhigeren Zwischentöne einzelner Figuren: Oliver Weidinger zeichnet den Fabrikbesitzer Simon als überraschend offenen, menschlichen Charakter, dessen Lortzings Haltung ausdeutende Friedenssehnsucht in der Arie „Nur im Frieden kann allein der Mensch sich seines Lebens erfreuen“ fast glaubhaft wird. Sopranistin Jacquelyn Wagner überzeugt als Regina mit intensiver schauspielerischer Dramatik: von ihrer Rolle als Heiratspfand über die Entführung bis hin zur tödlichen Konsequenz und dem stillen Abgang am Ende.

Was Lortzing eigentlich ausmacht
Fernab dieses hochpolitischen Ernstes sorgt schließlich Dominik Wilgenbus’ bereits 2009 entstandener „Zar und Zimmermann“ in der Wiederaufnahme für leichtere Töne. Ohne große zeitgenössische Deutung zeigt er das Werk mit augenzwinkernder, beinahe musealer Haltung vor wechselnden, niederländisch anmutenden Bildtableaus. Hier tritt das Innovative von Lortzings Musik deutlich hervor: Arien, die von Dialogen kommentiert und gebrochen werden, sowie die Lust an komischen Charakter- und Milieustudien. Ensemble-Urgestein Milko Milev brilliert als Bürgermeister van Bett, der sich in Phrasen und falsch verwendeten Fachwörtern genüsslich verheddert. In dessen Arie „O sancta Justitia“ nimmt Lortzing jenen effektvollen Witz der Pseudogelehrsamkeit vorweg, den später auch Johann Strauss seinem Justitiar in „Die Fledermaus“ verleihen wird.
Denn darauf kommt es bei Lortzing an: bei aller glaubhaften Kritik an Welt und Gesellschaft die Freude an der Persiflage nicht zu verlieren. Die Tiefe dieses facettenreichen Tonkünstlers, der in seinen ausgreifenden Liedern das Tagesgeschehen seiner Zeit zwar kommentiert, aber auch unterhalten möchte, hat das Festival an diesem ersten Wochenende jedenfalls bereits eindrücklich freigelegt – manchmal gar zu stark interpretiert.
Lortzing 26
Musikalische Komödie Leipzig
Lortzing: Der Waffenschmied
Michael Nündel (Leitung), Sonja Trebes (Regie), Mirko Mahr (Choreografie), Dirk Becker (Bühne), Uta Meenen (Kostüme), Mathias Drechsler (Chor), Uwe Schenker-Primus, Elissa Huber, Martin Häßler, Sven Hjörleifsson, Kathrin Göring, Felix Lodel, Andreas Rainer, Chor, Ballett & Orchester der Musikalischen Komödie
Oper Leipzig
Lortzing: Regina
Constantin Trinks (Leitung), Bernd Mottl (Regie), Friedrich Eggert (Bühne), Alfred Mayerhofer (Kostüme), Thomas Hupe (Licht), Thomas Eitler de Lint (Chor), Oliver Weidinger, Jacquelyn Wagner, Mathias Hausmann, Andreas Hermann, Marian Müller, Dan Karlström, Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig
Musikalische Komödie Leipzig
Lortzing: Zar und Zimmerann
Michael Nündel (Leitung), Dominik Wilgenbus (Regie), Udo Vollmer (Bühne), Andrea Fisser (Kostüme), Mirko Mahr (Choreografie), Mathias Drechsler (Chor), Franz Xaver Schlecht, Jeffery Krueger, Milko Milev, Mirjam Neururer, Adam Sánchez, Frieder Flesch, Michael Raschle, Chor, Extrachor & Orchester der Musikalischen Komödie




