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Opern-Kritik: Staatstheater Mainz – Der Kaiser von Atlantis

Der Totalitarismus hat nicht das letzte Wort

(Mainz, 22.2.2026) Wo Viktor Ullmann in seiner Oper „Der Kaiser von Atlantis“ das Grauen der Vernichtung meinte, setzt Regisseurin Cuéllar Velasco verblüffend poetisch auch utopisches Potential frei. Musikalisch lohnt die Produktion sogar weite Anreisen.

vonMichael Kaminski,

Der Tod kündigt. Die moderne Vernichtungsmaschine hat ihn übereilt. Schlimmer noch: Wo sich einst Soldaten mit Schärpen angetan, goldbetresst und mit Federbüschen auf den Kopfbedeckungen zum Massakrieren in Schale warfen, da macht nun niemand mehr auf dem Schlachtfeld bella figura. Zu allem Überfluss hat Kaiser Overall den Krieg eines jeden und einer jeden gegen jede und jeden befohlen. Kein Wunder, dass sich der Tod unter so bewandten Umständen zu demissionieren entschließt.

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Der Tod als Bürgersmann von nebenan

Des Kaisers totalitärer Herrschaftsanspruch, mechanisiertes, gar industrialisiertes Morden, ferner Zeit und Ort, in der und an dem Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien zu Werk gingen – 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt – legen mehr oder minder unmittelbare Reminiszenzen an die braune Bande und deren Obergangster (vulgo „Führer“) nahe. Nichts davon bei Regisseurin Ana Cuéllar Velascos Deutung von „Der Kaiser von Atlantis“ am Staatstheater Mainz. Dafür menschelt es reichlich. Der Tod ist der Bürgersmann von nebenan. Kein großer Gleichmacher, vielmehr ein Gleicher unter Gleichen. Sein nachbarlicher Kamerad ist der Harlekin. Zumal auch dessen Profession ins Trostlose sank, seit der Menschheit das Lachen verging. Was Harlekin auch unternimmt, Scherze und Pointen laufen ins Leere. Auf dem Wohnzimmersofa platziert, lässt Cuéllar Velasco dem Trübsinn der beiden Biedermänner viel Auslauf. Freilich eröffnet der Tod im Ruhestand ungeahnte Freiräume der Entschleunigung, des Reflektierens und Empfindens. Gar für die Liebe. Wenn auf dem Schlachtfeld Soldat und Mädchen einander gegenüberstehen, so wandelt sich Konfrontation in Wohlgefallen. Poetisch setzt hier Cuéllar Velasco utopisches Potential frei.

Szenenbild aus „Der Kaiser von Atlantis“
Szenenbild aus „Der Kaiser von Atlantis“

„Infokratie“

Alles dies trägt sich der Spielleiterin zufolge, die sich dafür auf einen vom südkoreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han geprägten Begriff beruft, in einer „Infokratie“ zu. Demnach entscheide heute weit eher Herrschaft über Informationen als die konventionelle Kriegsmaschinerie über Sieg und Niederlage. Dominanz über die Medien okkupiere die Macht im ganzen Staat. Die Anwendung der These auf Ullmanns Oper ist evident. Kaiser Overall gebietet über den „Lautsprecher“ und den „Trommler“, mithin über Massenmedium und Propagandisten. Freilich bleibt im Mainzer Kleinen Haus manches unscharf. Zu ahnen ist, was daraus hätte werden können. Ohnehin zeigen Tonsetzer und Librettist final den „Lautsprecher“ vom Fakenewsherold zum Sprachrohr der Volksherrschaft umgepolt und den „Trommler“ in Schlaf gesungen. Doch interagieren die Figuren bei Cuéllar Velasco, ohne dass der Bewusstseinswandel der vormals Beherrschten hin zu medialer Mündigkeit vollends beglaubigt wird. Ganz anders die Selbstisolation, in die sich der Kaiser aus Misstrauen gegenüber den Beherrschten und Manipulierten zurückgezogen hat. In ihrer Sterilität geradezu eine selbstverhängte Quarantäne. Hella Prokophs klinisch weißer und transparenter Kubus bildet die Situation selbsterklärend ab. Indessen sprießt, als die Unterjochten ihres Rechts auf Freiheit innewerden – wenn auch ganz im Bühnenhintergrund – paradiesisch-üppiges Grün.

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Szenenbild aus „Der Kaiser von Atlantis“
Szenenbild aus „Der Kaiser von Atlantis“

Bezwingende Polystilistik

Musikalisch nehmen die Mainzer restlos für sich ein. Im Graben ermutigt Paul-Johannes Kirschner das Staatsorchester dazu, jenes Oszillieren von Ullmanns musikalischer Faktur zwischen Schönberg, dessen Schüler er war, Zemlinsky, Weill, Jazz und gar Alter Musik auszukosten. Stupend, wie sich Brett Carter für Overall und Derrick Ballard für den Tod spielerisch und vokal ins Zeug legen. Carter war am Haus Nabucco. Selbstherrlichkeit und Attacke des Babylonierkönigs implementiert er jetzt dem Kaiser von Atlantis. Ballard verfügt über Wotanerfahrung. Des Gottes Resignation und Aufbegehren verwandelt er nun dem Tod in Ullmanns Oper an. Carter und Ballard im Verein zu erleben, lohnt weite Anreisen. Der Harlekin verkörpernde Collin André Schöning nimmt durch vokale Schlankheit und Geschmeidigkeit ein. Gleichermaßen Yoonki Baeks Soldat und Jeeho Anja Parks Mädchen.

Staatstheater Mainz
Ullmann: Der Kaiser von Atlantis

Paul-Johannes Kirschner (Leitung), Ana Cuéllar Velasco (Regie), Hella Prokoph (Bühne), Elionor Sintes (Kostüme), Judith Selenko (Video), Karin Gebert (Licht), Brett Carter, Derrick Ballard, Collin André Schöning, Daniel Semsichko, Karina Repova, Yoonki Baek, Jeeho Anja Park, Philharmonisches Staatsorchester Mainz






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