Opern-Kritik: Staatstheater Nürnberg – Der Vetter aus Dingsda

Mehr Mut zum Träumen, bitte!

(Nürnberg, 18.4.2021) Unter Lutz de Veer fetzt und wufft und groovt die Staatsphilharmonie als veritable Operetten-Combo, Regisseurin Vera Nemirova pudert das pointierte Stück mit allzu viel Bildungsstaub.

© Ludwig Olah

Paula Meisinger, Andromahi Raptis, Martin Platz, Klaus Brummer

Paula Meisinger, Andromahi Raptis, Martin Platz, Klaus Brummer

Am 15. April 1921 erlebte „Der Vetter aus Dingsda“ im Berliner Theater am Nollendorfplatz seine Uraufführung und begann einen tollen Siegeszug. Das chorlose Stück war wie die Schlankheitskur der großen französischen Operette zur Opérette-légère etwas Neues – auch dank Eduard Künnekes anspruchsvoller Musik. Der Schüler von Max Bruch entwickelte ganz unterschiedliche Klangidiome, die zu polarisierten Lesarten verführten: Sentimentgesättigt wie das Lied vom „armen Wandergesell“ mit Rudolf Schock und den Schaumburger Märchensängern oder symphonisch-spätromantisch wie die Gesamtaufnahme des unvergessenen Franz Marszalek mit René Kollo, Grit van Jüten und Evelyn Künneke, der Tochter des Komponisten.

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Bekannte Melodien und gemischte Gefühle

Schon in der ersten Auflage seines Operetten-Buches machte sich Volker Klotz stark für das musikalische Lustspiel mit dem von Rideamus und Herman Haller brillant durchgezogenen Störenfried-Motiv. Die Aufführungsgeschichte beinhaltet eine Vielzahl von Alternativvisionen zum im Textbuch vorgeschriebenen Villen-Anwesen. „Der Vetter aus Dingsda“ spielte im Hotel (Theater Hof), auf dem Campingplatz (Theater Osnabrück) oder in einer schwülen Luxusszenerie der Wilden Zwanziger (Theater Altenburg). Jüngst brach im Stream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater vom „strahlenden Mond“ das Paralleluniversum der „Raumpatrouille Orion“ herein. Corona-verhinderte Hommages hätte es diese Monate am Theater Münster in der Regie von Ulrich Peters und am Theater Nordhausen in der Regie von Anette Leistenschneider geben sollen. Realität sind die konzertante Fassung am Theater Kiel ab 20. April und die vom November2020 in den aktuellen Stream gerettete Produktion des Staatstheater Nürnberg: Dort war es ein Abend mit bekannten Melodien und gemischten Gefühlen.

© Ludwig Olah

Andromahi Raptis, Klaus Brummer, Franziska Kern, Benjamin Weaver, Paula Meisinger, Martin Platz

Andromahi Raptis, Klaus Brummer, Franziska Kern, Benjamin Weaver, Paula Meisinger, Martin Platz

Hier spielt die Musik!

Der Beginn fetzt und wufft und groovt. Lutz de Veer entlockt der kleinen Besetzung aus der Staatsphilharmonie Nürnberg Brio und Rhythmus mit dominanten Bläsern, die mit Improvisationen und satten Tonkaskaden losjauchzen. Die Solisten tragen Microports – vor allem die Frauen sind stimmlich fast zu leichtgewichtig für die Combo-Offensive. Aber nicht zu lange. In den lyrischen Hits wie dem Tango von den glücklichen Kinderspielen lahmt der Schwung etwas und bricht im zur Umbaumusik herabgewürdigten Pasodoble wieder los.

Ähnlich ist es auf der Bühne. Durch die von der Regie herausgemeißelten Eigenheiten wirken die Figuren flacher als nötig. Tante Wimpel und Onkel Josse schmausen an langer Tafel: Franziska Kern spielt die listig Zurückhaltende, bis der Strandanimateur kommt, und Taras Konoshchenko agiert blässlich jovial, was eher zum Wiener Schnitzler als zur Berliner Operette passt. Im Multitasking zwischen Köchin und Kommentatorin werkelt Hannchen an einer Großkochstelle mit Stapeln von Pizzakartons. Paula Meisinger aus dem Opernstudio hat sich ihren großen Auftritt in einer der sonnigsten Soubretten-Partien sicher anders vorgestellt.

Zum Batavia-Fox beamen sich alle Richtung Sand, Strand und Sonnenstuhl. Hans Kittelmann hätte den abgeblitzten Freier Egon von Wildenhagen gern zur liebenswerten Figur gemacht. Aber wie er die knallbunten Malibu-Drinks auf dem Tablett schwenkt und kredenzt, wirkt irgendwie nerdig. Zwangsläufig produziert sich John Pumphrey als zweiter Fremder mit Chewinggum-Slang und einem Edelrost-Schlitten, der nach horribler Oköbilanz stinkt.

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John Pumphrey, Paula Meisinger

John Pumphrey, Paula Meisinger

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Irgendwie nerdig

Pavlina Eusterhus und Vera Nemirova definieren die Orte, wo Julias Vermögen in Verwahrung der schlemmenden Vormünder bleiben soll, nicht zu genau. Die Regisseurin wähnt sich erhaben über die Gattung Operette. Deshalb sind ihr die handelnden Figuren weder sehr sympathisch noch sonderlich wichtig. Nemirova ignoriert eine wichtige Operetten-Regel. Schofelige Schuftereien sollten kein Handicap für ein letztes Fünkchen von Publikumssympathie sein, weil sonst der Gattungszauber verfliegt. Nemirova pudert das pointierte Stück mit Bildungsstaub. Julia beschwört „Tristan“-Akkorde und liest Verse von Shakespeares „berühmtestem Liebespaar der Welt“ aus dem Reclam-Heft, das die gleiche Farbe hat wie ihr Smiley-Lampion. Der ist eher sonnengolden als silbrig wie der„Strahlende Mond“.

Der seiner Volljährigkeit entgegenfiebernde Teenager Julia outet sich als Smartphone-Junkie. Oh My Goodness! Das transparente Plastikhäuschen, in dem sie sich gegen die Familien-Dummies verbarrikadiert und erfolgreich an ihrer algorithmischen Bubble baut, hat Nemirova bei Castorf an der Volksbühne gelernt. Andromahi Raptis mag noch so schön singen, doch sie berührt wenig, weil sie die Hauptzielgruppe des Publikums an die pädagogischen Herausforderungen durch eigene Kinder und Enkel erinnert. Die latente Thematik von Fernliebe und Loslassen – da kommt „Der Vetter aus Dingsda“ nah an Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ – endet sachlich und glatt. Im Grunde bleibt am Ende alles wie es ist, auch wenn der Julias Herz erobernde Fremde grundsympathisch und für die große Businesskarriere vorerst zu soft auftritt. Sogar der bemerkenswert fein, höflich und jungenhaft singende Martin Platz vermochte die gerne im Doppelpack auftretenden Nemirovas leider zu keiner tieferen Figurenzeichnung zu inspirieren.

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Andromahi Raptis, Hans Kittelmann

Andromahi Raptis, Hans Kittelmann

Wichtig ist, wie man sich verbeugt

So bleibt der beste szenische Coup dieser digitalen Premiere der zugespielte Schlussapplaus mit Pfeifen und Trampeln. Die Soli winken, werfen Kusshände und strahlen wie beim Grand Prix. Reine Poesie ist die Kameraperspektive von der Hinterbühne zu den Silhouetten der Darsteller Richtung leeren Zuschauerraum: Das war echter Mut zum Träumen von einem echten Theater mit echtem Publikum – und dann auch wieder echtem Operette-Feeling. Der letzte Battavia-Fox der staatsphilharmonischen Operetten-Combo macht noch mehr Lust!

Staatstheater Nürnberg
Künneke: Der Vetter aus Dingsda

Lutz de Veer (Leitung), Vera Nemirova (Regie), Sonja Nemirova (Mitarbeit Regie), Pavlina Eusterhus (Bühne und Kostüme), Boris Brinkmann, Stefan Witter (Video), Yoko El Edrisi (Choreografische Mitarbeit), Georg Holzer (Dramaturgie), Kai Luczak (Licht), Martin Platz (Ein Fremder), Andromahi Raptis (Julia de Weert), Paula Meisinger (Hannchen), Taras Konoshchenko (Josse Kuhbrot), Franziska Kern (Wimpel), Hans Kittelmann (Egon von Wildenhagen), John Pumphrey (Zweiter Fremder), Staatsphilharmonie Nürnberg

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