Es gleicht einem Klassentreffen der Eitelkeiten: Maayan Licht, im blausamtenen Gainsborough-Verschnitt gekleidet, stolziert als Repräsentant grinsender westlicher Hybris – als Makedonenkönig Alessandro – wie eh und je souverän über die Bühne. Bruno de Sá hingegen, als indische Königin Cleofide besetzt, verwischt nicht nur dank Fake-Dekolleté die Geschlechtergrenzen, sondern vor allem durch sein erschütternd weiches, feminines Timbre; darstellerisch steht er „seinen“ Mann mehr als alle anderen Figuren dieses Abends.
Hinzu kommen Dennis Orellana, einziger Neuzugang gegenüber der Ursprungsbesetzung, der anstelle von Franco Fagioli einen nicht minder herrlich schrill-weiblich gezeichneten König Poro gibt, sowie Jake Arditti als eifersüchtige Erissena, Poros Schwester. Gutes Barocktheater trägt bekanntlich ein bewusst sprödes, verworrenes Handlungskorsett, das es durch eklektische Übermalung mit Musik, Schauspiel und Bühnenzauber wieder abstreift. Genau dies demonstriert der aus der Countertenor-Praxis kommende Regisseur Max Emanuel Cencic mit „Alessandro nell’Indie“, den er von seinem Bayreuther Festival ans Theater an der Wien bringt – und dabei in den Details noch einmal nachschärft.

Historische Komödie in britisch-indischem Gewand
Den Rahmen bilden zwei barock gekleidete, karikaturesk überzeichnete Herren (Ed Betton und Nicholas Tamagna), mit überdimensionierten Nasen, Perücken und markantem englischen Akzent, deren tuntige Gestik und Mimik in das Geschehen augenzwinkernd einführen. Eingeschworen ins Herrscherlob kündigen sie ein Schauspiel über den Indienfeldzug Alexanders des Großen an. Dieser war im 18. Jahrhundert (Vincis brachte seine Oper 1730 in Rom zur Uraufführung) eine hochwillkommene Projektionsfigur fürstlicher Tugend.
Cencic verlegt die Handlung indes in den Royal Pavilion von Brighton: prächtige Holzvertäfelungen im Mogulstil spiegeln die Indienfaszination des britischen Empires zur Zeit Georgs IV. Die Handlung selbst bleibt dabei unerquicklich: Alessandro besiegt Poro am Hydaspes, worauf ein Geflecht aus Selbstmordversuchen, Täuschungen, Heiratsplänen und Eifersuchtsintrigen folgt, das schließlich – Deus ex machina sei Dank – in einem versöhnlichen Finale mit Rückgabe von Gattin und Reich endet.

Opulent, aber nicht platt ausgestattet
Diese dramaturgische Leere wird jedoch kunstvoll überbrückt: durch Domenico Franchis zauberhafte Bühne mit verschiebbaren Plattformen, die Tempel, Flusslandschaften und intime Gemächer evozieren können, sowie durch Giuseppe Palellas opulente Kostüme aus Pailletten, Strass, Samt und Seide. Hinzu tritt eine subtile Körpersprache, die Krieg, Liebe, Potenz und Impotenz gleichrangig verhandelt – ehrlicherweise das eigentliche Thema von Werk und Regie –, sowie ein enormer choreografischer Aufwand: Kaum eine Arie vergeht ohne bollywoodesk anmutende Tanzeinlage.
Ironische Details wie die Fahrräder in Tiergestalt, die Elefant, Ross und Kamel zeigen, plötzliches Auftauchen aus Kisten oder hinter Wänden, begleitet von schrillem Kreischen, entzücken das Wiener Premierenpublikum ebenso wie die unverhohlene Symbolik eines goldenen Riesenphallus als Fruchtbarkeitsgott – so manchem Intriganten wird der Verlust eines solchen in Aussicht gestellt oder das Fehlen bemängelt.

Routinierte Sängerdarsteller und instrumentale Spielfreude
Die frenetischen Jubelstürme gelten indes nicht nur dem Witz, sondern vor allem den Sängern und dem Orchester. Maayan Licht spielt seine angekündigte, spürbare Resterkältung mit ungebrochener Bühnenpräsenz und veritablen Rampensauallüren herunter, auch wenn die Koloraturen bisweilen an Durchschlagskraft einbüßen. Dennis Orellana empfiehlt sich als bemerkenswertes Talent für komplexe Sopranpartien. Bruno De Sá jedoch bleibt der eigentliche Triumphator des Abends: Für die ergreifende Arie „Sag, dass ich ihm treu bin“ erhält er Szenenapplaus und wird auf offener Bühne zurückgerufen. Arditti überzeugt mit souveräner Travestiekunst und berührend unschuldigen Klangfarben.
Eine reizvolle Nuance setzt Tamagna als Timagene, dessen Lispeln in der Arie „Es stimmt, dass der Fisch oft seine Scherze mit dem Angler treibt“ herrlich komische Wirkung entfaltet. Für das musikalische Fundament sorgt schließlich Martyna Pastuszka, die als Konzertmeisterin, Solistin und musikalische Ideengeberin in Personalunion agiert: meist als Primus inter pares, gelegentlich – etwa im militärischen Intermezzo – mit Schellenstab als präzise Taktgeberin.
Und so bleibt Cencic beim Schlussapplaus für sein „Alesandro nell’Indie“ nichts anderes übrig, als den verdienten Beifall entgegenzunehmen – natürlich nicht ohne augenzwinkernde Pointe: aus dem Nichts, aus einer Kiste auftauchend.
Theater an der Wien
Vinci: Alessandro nell’Indie
Martyna Pastuzka (Violine & Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie), Domenico Franchi (Bühne), Giuseppe Palella (Kostüm), David Debrinay (Licht), Sumon Rudra (Choreografie), Maayan Licht, Dennis Orellana, Bruno de Sá, Jake Arditti, Stefan Sbonnik, Nicholas Tamagna, Ed Betton, Benjamin Tamagna, Arnold Schönberg Chor, {oh!} Orkiestra
Termintipp
So., 12. April 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Vinci: Alessandro nell’Indie
Dennis Orellana (Poro), Bruno de Sá (Cleofide), Jake Arditti (Erissena), Maayan Licht (Alessandro), Stefan Sbonnik (Gandarte), Nicholas Tamagna (Timagene), {oh!} Orkiestra, Martyna Pastuszka (Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie)
Termintipp
Di., 14. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Vinci: Alessandro nell’Indie
Dennis Orellana (Poro), Bruno de Sá (Cleofide), Jake Arditti (Erissena), Maayan Licht (Alessandro), Stefan Sbonnik (Gandarte), Nicholas Tamagna (Timagene), {oh!} Orkiestra, Martyna Pastuszka (Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie)
Termintipp
Fr., 17. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Vinci: Alessandro nell’Indie
Dennis Orellana (Poro), Bruno de Sá (Cleofide), Jake Arditti (Erissena), Maayan Licht (Alessandro), Stefan Sbonnik (Gandarte), Nicholas Tamagna (Timagene), {oh!} Orkiestra, Martyna Pastuszka (Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie)
Termintipp
So., 19. April 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Vinci: Alessandro nell’Indie
Dennis Orellana (Poro), Bruno de Sá (Cleofide), Jake Arditti (Erissena), Maayan Licht (Alessandro), Stefan Sbonnik (Gandarte), Nicholas Tamagna (Timagene), {oh!} Orkiestra, Martyna Pastuszka (Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie)
Termintipp
Di., 21. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Vinci: Alessandro nell’Indie
Dennis Orellana (Poro), Bruno de Sá (Cleofide), Jake Arditti (Erissena), Maayan Licht (Alessandro), Stefan Sbonnik (Gandarte), Nicholas Tamagna (Timagene), {oh!} Orkiestra, Martyna Pastuszka (Leitung), Max Emanuel Cencic (Regie)




