Mit nur zwei Wochen Abstand folgte auf die Premiere von Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ die Oper „For a Look or a Touch“ als Jugendstück ab 14 Jahren in der Studio. Box des Theater Erfurt. Mila van Daag setzte für das Musikdrama des mit seiner Oper „Dead Man Walking“ zu einem Klassiker des neuen Musiktheaters gewordenen US-Komponisten Jake Heggie ein realistisches Interieur: Abgewetzter Sessel, Schirmstehlampe, verblichene Decken und eine schon etwas ältere Küchenkombination. Hinter dieser kommt es sogar zur Andeutung eines Liebesaktes von zwei Männern – allerdings nur in der Erinnerung des älteren Gad. Er sehnt sich nach der früheren Einigkeit mit dem unter drastischen Bedingungen aus seinem Leben entschwundenen Lover Manfred.
Eine wahre Geschichte. Der US-Komponist Jake Heggie und sein Textdichter fanden sie in handschriftlichen Einträgen eines Buchs von Manfred Lewin (1922 bis 1942) für seine Jugendliebe Gad Beck (1923 bis 2012) mit dem Titel „Erinnerst du dich“. Heute ist es im United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC aufbewahrt und digital einsehbar. Heggie komponierte in drei Versionen ein fünfsätziges Opus (The Voice – Golden Years – A Hundred Thousand Years – The Story of Joe – Silence): als Oper (2007), für Chöre (2011) und als Songbook bzw. Liedzyklus (2013).

Verfolgung in Deutschlands dunkelster Zeit
Gegensätze ziehen sich in diesem Rückblick an. Gad war wie Christopher Isherwood kurz vor dessen dunkelster Zeit in Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit nach der Machtübernahme 1933 genügten ein verhängnisvoller „Blick und eine Berührung“, um von SS-Spitzeln verhaftet, in einem Konzentrations- oder Arbeitslager interniert zu werden und von dort nur durch den Tod oder nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder herauszukommen. Immer wieder phantasiert der reife Gad von seinem jüdischen Liebhaber Manfred, der ihm in verschiedenen ikonischen Verwandlungen erscheint: Als aufsässige und lebensbejahende Drag Queen, als lasziver Androgyn und generell als Inkarnation männlicher Verführungskraft. Heggies Songs sind – um sie im Kontext der aufgerissenen Aktions- und Alptraumräume zu skizzieren – für den lapidaren Stil Kurt Weills zu erotisierend, für die Sophistication Cole Porters zu pathetisch und für eine amerikanische Show zu fordernd. Aber sie gehen ins Ohr, reiben und setzen sich mit Markanz fest.

Tragik und Glamour
Der farbige Bariton Alessio Fortune Ejiugwo springt wie ein Faun mit den Umgangsformen eines Revuegirls durch den Wohnraum. Er wächst zur Grandezza eines Königs der Nacht und er hat keine Scheu vor eindeutigen Zweideutigkeiten. Oder er erscheint wie ein Geist hinter dem Transparent für Projektionen, artikuliert mit aufgerissener Oberkleidung und intensiven Blicken. Stephanie Kuhlmann geht in ihrer Regie von einem queeren Selbstverständnis der 1980erJahre aus, als Wunden von Zeitzeugen aus dem „Dritten Reich“ nie vernarbten und neue bereits aufgerissen sind – durch soziale und berufliche Stigmatisierungen, aber auch die Schuldzuweisungen an die gerade nach frischem Selbstbewusstsein angesichts der HIV-Erschütterungen erstarrte Gay Community. Sogar leichtes Schwelgen zeigt Kuhlmann: Erinnerungen kommen auf an einen Lifestyle, der etwas Glamour in jedem Single-Appartement möglich machte, aber auch starke körperliche Präsenz und provokativ vorgeführte Accessoires. Daniel Minetti gibt die ärmlichere Variante des einsamen Collegeprofessors George Falconer in Christopher Isherwoods „A Single Man“. Als pädagogischer Fixstern blüht er im zweiten Teil des Abends voll auf.

Streifzug durch 90 Jahre queere Geschichte
Davor geht das Team mit Heggies Stück ziemlich frei um. Der am Klavier sitzende Dirigent Stefano Cascioli hat um dessen musikalische Sätze einen kleinen Strauß von Chansons und Schlagern gerankt – eigene Vertonungen von Rilke-Gedichten, Mischa Spolianskys „Lila Lied“, Charles Aznavours „Wie sie sagen“ und – mit liebevollem Widerspruch – „Over the Rainbow“. So hat das Publikum die Wahl: Ältere können sich an Pocket-Revue-Melodramen von Diven im Karriereabendrot und schwarz-goldenen Erinnerungen erinnert fühlen. Für die jungen Generationen wird „For a Look or a Touch“ zum Schnelldurchlauf der queeren Emanzipationschronik aus der Jugend ihrer Eltern und Großeltern. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgt das Abtauchen in Angst, Trauma und Einsamkeit. Dann Stonewall und Christopher Street, der jähe (Selbst-) Befreiungsinterruptus durch HIV mit Verwerfungen und Stigmatisierungen nach 1980 bis zum Fall des §175.
Stephanie Kuhlmann hat das mit genauer Beobachtung und scharfem Blick aus den Phasen des 20. Jahrhunderts in die Gegenwart geholt. So bleibt offen, ob diese szenische Arbeit nur ihrem untrüglichen Auge oder nicht doch einem Funken Ironie zu danken ist. Die beiden Männer auf der Bühne schaffen es mit hoher Präsenz, sinnlich und zugleich scheu zu sein. Ein jugendliches Publikum lernt also weitaus mehr als sich sagen lässt, weil es die Nöte und Bedrängnisse queerer Personen fast in Greifweite und ohne betuliches Leisetreten erlebt. Die vier Soloinstrumente Flöte, Klarinette, Violine und Cello, dazu Stefano Cascioli am Flügel setzen Farben von Salonmusik, wirken wie eine äußerst ungewöhnliche Gleichzeitigkeit von samtiger Fülle, harmonischen Löchern und affirmativem Drive.
Theater Erfurt
Heggie: For a Look or a Touch
Alessio Fortune Ejiugwo (Manfred), Daniel Minetti (Gad), Stefano Cascioli (Leitung), Stephanie Kuhlmann (Regie), Mila van Daag (Bühne und Kostüme), Bert Bohne (Licht) , Nils Rethemeier (Licht), Julian Mosbach (Video), Anna Nolte (Dramaturgie)
Mi., 13. Mai 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Heggie: For a Look or a Touch
Alessio Fortune Ejiugwo (Manfred), Daniel Minetti (Gad), Stefano Cascioli (Leitung), Stephanie Kuhlmann (Regie)
Di., 09. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Heggie: For a Look or a Touch
Alessio Fortune Ejiugwo (Manfred), Daniel Minetti (Gad), Stefano Cascioli (Leitung), Stephanie Kuhlmann (Regie)




