Opern-Kritik: Theater Hagen – Geschichten aus dem Wiener Wald

Gelungener Ausstand

(Hagen, 24.6.2017) Der regieführende Intendant Norbert Hilchenbach verabschiedet sich nach zehn Jahren und einigen Etatkämpfen mit einem Ausrufezeichen

© Klaus Lefebvre

Szenenbild aus "Geschichten aus dem Wienerwald"

Geschichten aus dem Wienerwald/Theater Hagen

Ödön von Horvaths 1931 uraufgeführte „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sind bis heute sein bekanntestes Stück geblieben, eine beißend düstere Schilderung kleinbürgerlichen Lebens im Wiener Achten Bezirk. Erbarmungslos werden hier Menschen in ihrem Egoismus, ihrer Bigotterie, ihrer Gier und ihrer geistigen Dumpfheit und Beeinflussbarkeit gezeigt. 2014 hat der 1943 geborene Komponist und Kontrabassist HK Gruber diesen Stoff in der komprimierten Librettoversion Michael Sturmingers in Töne gesetzt.

Maßvolle Ironisierung

Das Ergebnis ist keine Oper, kein Musiktheater im herkömmlichen Sinne, sondern eher ein klanglich aufbereitetes Sprechtheaterstück von dreistündiger Länge. Gruber geht es in erster Linie darum, den Text hör- und verstehbar zu machen. Bis auf dezente Anspielungen und maßvolle Ironisierung verzichtet er auf alle Wiener Gemütlichkeit und will das Stück dadurch sowohl aus dem historischen als auch aus dem lokalen Kontext lösen, betont die überzeitliche Dringlichkeit. Er komponiert tonal, schichtet aber Orchesterstimmen in ungewöhnlicher, die Geschehnisse auf der Bühne kommentierender Weise übereinander.

© Klaus Lefebvre

Szenenbild aus "Geschichten aus dem Wienerwald"

Geschichten aus dem Wienerwald/Theater Hagen

Hier gilt’s dem Text

Das Theater Hagen ist nach der Komischen Oper Berlin erst das zweite Haus, das diesen bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführten Brocken nachspielt. Norbert Hilchenbach hat ihn ans Ende seiner zehnjährigen, von Etatkämpfen mit der Politik, ambitionierten Spielplänen und viel Erfolg bei Publikum und Kritik gezeichneten Intendanz gesetzt. Er hat sich von Jan Bammes ein System aus grauen Wänden errichten lassen, in deren Öffnungen er mittels Requisiten und Lichtfarben Schauplätze andeutet. Die Kostüme von Yvonne Förster historisieren dezent, haben aber spürbar kein Sittengemälde der Vor-Nazizeit im Sinn. In dieser Ausstattung erzählt Hilchenbach die Fabel sehr direkt, akzentuiert kaum, interpretiert nicht, schärft auch wenig satirisch an. Er macht die Eigenheiten der Komposition hörbar und beugt sich ihrem Diktat: Es geht einzig um den Text.

Großes Ensemble an kleinem Theater

© Klaus Lefebvre

Szenenbild aus "Geschichten aus dem Wienerwald"

Geschichten aus dem Wienerwald/Theater Hagen

Dass man den fast durchgängig mühelos verstehen kann, ist nicht die kleinste Leistung des zwölfköpfigen Ensembles, das sich an diesem Abend anhört, als würde es sich gerade in einer erheblich größeren Stadt befinden als dem sich zwischen Wuppertal und Dortmund ins Provinzielle duckenden Hagen. Drei Sängerinnen führen dieses Ensemble an. Jeanette Wernecke singt das Mädchen Marianne, eine ungeheuer hoch liegende Sopranpartie, fast schon berührend entspannt, mit homogenem, leicht verschatteten Timbre und ohne jede musikalische Unsicherheit. Sie lässt tief in die Seele dieses orientierungslosen Mädchens schauen, dass vor ihrer Verlobung wegläuft und am Ende ein totes Kind und einen Vater mit zwei Schlaganfällen hat – und ihren Verlobten doch heiraten muss. Ihre Gegenspielerin ist Valerie, 50 Jahre alt und zerfressen von Torschlusspanik. Kristine Larissa Funkhauser, eine Protagonistin der Intendanz Hilchenbach, leiht der Figur nicht nur ihre große Intensität, ihr sehr körperliches Spiel, sondern überzeugt auch stimmlich mit beweglichem Mezzosopran, der sich offenbar auch im von Gruber gern benutzten Bereich zwischen Sprechen und Singen wohlfühlt. Marilyn Bennett schließlich gelingt als Großmutter eine unvergessliche, geradezu tanzende Studie kleinbürgerlicher Dämonie.

Nah am Kunstwerk, mit einem kleinen Lächeln des Abschieds

© Klaus Lefebvre

Szenenbild aus "Geschichten aus dem Wienerwald"

Geschichten aus dem Wienerwald/Theater Hagen

Wenn doch mal ein paar Worte nicht zu verstehen sind, liegt es daran, dass der scheidende GMD Florian Ludwig sein Dirigat ein kleines Stück zu weit oben auf der Lautstärkeskala positioniert. Das ist ein wenig schade, weil ansonsten alles stimmt. Die vertrackte Rhythmik, die komplexen Schichtungen beherrscht das Philharmonische Orchester Hagen perfekt, zudem mit außergewöhnlicher Spielfreude. Diese „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sind also ein gelungener Ausstand und in vielem so, wie Norbert Hilchenbachs Intendanz war – nah am Kunstwerk, stets mit einem kleinen Lächeln und ohne jedes Nachtreten gegen wen oder was auch immer auf der Bühne.

HK Gruber über HK Gruber:

Theater Hagen
HK Gruber: Geschichten aus dem Wiener Wald

Florian Ludwig (Leitung), Norbert Hilchenbach (Regie), Jan Bammes (Bühne), Yvonne Förster (Kostüme), Wolfgang Müller-Salow (Chor), Jeanette Wernecke, Kenneth Mattice, Phillipp Werner, Kristine Larissa Funkhauser, Martin Blasius, Joslyn Rechter, Marilyn Bennett, Björn Christian Kuhn, Andrew Finden, Rainer Zaun, Richard van Gemert, Keija Xiong, Chor des Theater Hagen, Philharmonisches Orchester Hagen

Termine: 24. (Premiere) &. 30.6., 5., 7., 12. & 15.7.

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