Opern-Kritik: Theater Magdeburg – Die Walküre

Zerrieben von Ordnung und Rebellentum

(Magdeburg, 8.9.2018) Der leider scheidende GMD Kimbo Ishii setzt auf innere Energie statt auf Wagner-Phonstärke, die Regie von Jakob Peters-Messer bleibt blass

© Andreas Lander

Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

„Odin statt Jesus“ steht in Frakturbuchstaben auf der Rückscheibe eines alten Ford, der in Nähe des Opernhauses Magdeburg parkt. Die Neuinszenierung von „Die Walküre“, die das intensive Drama aus dem „Ring“-Zyklus herauslöst und jetzt in die Reihe der jede zweite Spielzeit angesetzten Produktion eines Wagner-Werks stellt, zeigt: Das ist keine Lösung im Dilemma der Werte und Konflikte. Odin heißt bei Wagner Wotan und ist hier am Ende seiner göttlichen Macht.

Mit einer souveränen musikalischen Gesamtleistung und schlagkräftigen Bildwirkungen thematisiert die Magdeburger „Walküre“ Grenzen und Gefährdungen, obwohl die Regie von Jakob Peters-Messer blass bleibt. Mit der Darstellung dieser Zertrümmerung von Orientierungsgewissheit zwischen stabilisierender Ordnung und wenig befreiendem Rebellentum gelingt trotzdem ein starker Wurf.

Rausch und Ehrlichkeit

© Andreas Lander

Julia Borchert und Lucia Lucas in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Julia Borchert und Lucia Lucas in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Ohne einen derart glanzvollen, durchdachten, pulsierend fließenden Zugriff der Magdeburgischen Philharmonie und ihres (warum nur?) in der nächsten Spielzeit Richtung Schleswig-Holsteinisches Landestheater scheidenden GMDs Kimbo Ishii wäre der Abend nur halb so eindringlich. Bis zum letzten Takt, mit dem der psychisch kollabierende Göttervater Wotan im Feuerzauber der Bodenscheinwerfer entschwindet, trägt die gekonnt enervierende Spannung. Im dichten Klangraum, der weder Solostimmen überflutet noch instrumentale Nebenstimmen verdeckt, wird der heikel lange Mittelakt zum Höhepunkt. Selten hört man danach den brachialen Lärm des Walkürenritts mit dem so schneidend darüber fegenden Walküren-Ensemble derart überlegt brutal.

Kimbo Ishii hält an den entscheidenden Stellen – wie vor dem Liebesgeständnis des inzestuösen Geschwisterpaars oder vor dem Zweikampf – korrekt das Tempo. Das ist viel spannender als die oft zu hörenden Beschleunigungen. Kaum merkbar verhilft Kimbo Ishii seinen Sängern zu Höchstleistungen. Er fordert innere Energie statt outrierter Phonzahlen. Genau deshalb zeigt die zutiefst beeindruckende Noa Danon als Sieglinde neben Höhen-Reserven eine starke runde Mittellage, beweist der Siegmund-Debütant Richard Furman sein schönes Material erst recht in den kraft- und resonanzstarken „Wälse!“-Rufen.

Böse neue Welt

© Andreas Lander

Richard Furman in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Richard Furman in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Zum Streicherbrodeln des Vorspiels: Video! Dieser Unruhestifter Siegmund kommt direkt von den Hamburger G20-Krawallen in die Bleibe des zum tätlichen Großeinsatz ausgerüsteten Ordnungshüters Hunding. Guido Petzolds Raum mit leeren, fensterlosen weißen Wänden und neutralem Teppichboden ist trostlos. Die alkoholischen Getränke stehen zum Feierabendverzehr im Putzeimer, das Essen kommt aus der Alutrommel. Auch ohne viel Leidenschaft, ohne Wonnemond lassen sich diese Sperrholzwände mit Hohlräumen unter dem tristen Licht leicht zum Einsturz bringen. Sinnlosigkeit im billigen Funktionsdesign.

Johannes Stermann hat eindeutig zu schöne Farben in der Stimme für die ultramännliche Polizeidrohne Hunding. Wenn Siegmund seine Schwester Sieglinde auf dem Tapetentisch im schnellen Quickie nimmt, weiß man nicht ganz genau, ob das programmierter Hormonsturm ist oder szenische Unbeholfenheit.

Splitternde Gemeinschaft

Der im ersten Akt noch ganze, dann immer mehr zerfallende Raum zeigt den unaufhaltsamen Verfallsprozess der von Wotan gewollten Gesellschaft mit Ordnung UND Freiheit. Seine Gattin Fricka im Hosenanzug hat für den trotzigen Göttervater, der mit langem Pferdeschwanz und Revoluzzermantel gegen das von ihm selbst aufgebaute Establishment rebelliert, sogar mütterliches Verständnis. Sven Bindseils Kostüme erzählen weitaus mehr als das Spiel der Solisten. Auch, dass Fricka und Wotan sowieso am Ende sind: Undine Dreißig legt in die moralisch korrekten Attacken etwas vokale Belegtheit und demonstriert damit mangelnde Selbstsicherheit. Wotan hat zwar den Willen zur Macht, ist aber alles andere als ein Machtmensch. Gewalttätigkeit ist für ihn ein letztes Mittel gegen die ihm entgleitende Stabilität.

Die Baritonistin Lucia Lucas charakterisiert einen weichen Walvater mit rauer Schale und, vollkommen kongruent zum szenischen Geschehen, mit ebenso weicher Diktion. Sie verzichtet auf die ihr zur Verfügung stehende vokale Markanz und segelt auf Legato-Wellen dahin. Spätestens bei den Verbal-Invektiven gegen die unfolgsame Walküre Brünnhilde weiß man, dass diesem Wotan die ganz scharfe Attacke ebenso fremd ist wie die scharfe Prosa des Machtmenschen.

Mädchenhafte Walküre im Blätterwald

© Andreas Lander

Noa Danon, Richard Furman und Julia Borchert in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Noa Danon, Richard Furman und Julia Borchert in Wagners „Walküre“ am Theater Magdeburg

Die größte und im Sinne von Wagners Anspruch an seine Sänger am meisten beeindruckende Leistung des Abends ist Julia Borcherts Brünnhilde, die mit fast nur einem Riesensprung vom lyrischen im heroischen Fach bemerkenswert zielsicher ankommt. Ein heller jugendlich-dramatischer Sopran, der von den jauchzenden „Hojotoho“-Rufen über das Erwachen von Brünnhildes Mitgefühl bis zum Sich-Fügen in den von Wotan verhängten Schlaf alle Stationen ihrer Entwicklung faszinierend durchdringt. Diese amazonenhafte Kindfrau treibt von den Barrikaden direkt in ihre erste Liebe, wenn sie Siegmund nach der Todesverkündigung gleich zweimal so kräftig küsst, dass dieser nicht weiß, wie ihm geschieht.

Die sich hinter beider Begegnung aufbauende Projektion eines lichtdurchfluteten Blättergrüns ist der einzige Moment des Abends, in dem ein trügerischer Hoffnungsfunke gegen die quälende Zerrissenheit zwischen Ordnungsdruck und manischem Rebellentum glüht: Dieser entlarvt sich schnell als Lügeneffekt auf dem Weg zu einem Walkürenteam, für das Leichensammeln nur ein Job ist.

Trotz szenischer Neutralität nehmen der visuelle Trümmerhaufen und das quälende Auftrumpfen der Magdeburgischen Philharmonie am Ende der „Walküre“ die Katastrophe der „Götterdämmerung“ vorweg, In Magdeburg weiß man beim Fallen des Schlussvorhangs, dass für diese Welt jede Hoffnung vergeblich ist. Viele Bravi als Dank für die musikalische Seite und einige Buhs.

Theater Magdeburg
Wagner: Die Walküre

Kimbo Ishii (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie), Guido Petzold (Bühne), Sven Bindseil (Kostüme), Julia Borchert (Brünnhilde), Lucia Lucas (Wotan), Noa Danon (Sieglinde), Richard Furman (Siegmund), Johannes Stermann (Hunding), Undine Dreißig (Fricka), Statisterie des Theaters Magdeburg, Magdeburgische Philharmonie

Kommentare sind geschlossen.