Beim hiesigen Publikum und den Spielplanmachern hat Puccini mit seiner „Manon Lescaut“ die nur mit „Manon“ betitelte Version von Jules Massenet aus dem Jahre 1884 überholt. Der Italiener ist hierzulande die respektierte gültige Marke für Gefühl mit Schluchzpotenzial. Massenet, wie französische Oper überhaupt, ist immer noch eher das apart Besondere – so jetzt auch zur Premiere am Theater Magdeburg. Das Frauenschicksal, um das es in beiden Opern geht, ist von heutigen Befindlichkeiten weit entfernt. Es hat eine Gesellschaft im Visier, die mit ihrem Frauenbild und ihren Ehrbegriffen zumindest als überholt betrachtet wird. Auch wenn sie es nicht wirklich in jedem Falle tatsächlich ist. Als Oper funktioniert das Mitfühlen, auch wenn es sich in die Vergangenheit richtet. Alle dem realen, männlichen Machtgehabe des Patriarchats geopferten Frauen triumphieren in den Opern vor allem des 19. Jahrhunderts durch die Parteinahme der Literaten und Komponisten, die für Empathie mit den Opfern sorgen.

Wenn der Weg „nach oben“ zum unweigerlichen Absturz führt
Bei Manon geht es bei Massenet wie dann, neun Jahre später, bei Puccini um ein blutjunges Mädchen, das nicht nur vom Weg in das von der Familie für sie vorgesehene Klosterleben, sondern dabei auch gleich noch vom Pfad der Tugend abkommt. Auf der Reise verliebt sie sich in den Chevalier Des Grieux und brennt mit ihm durch. Als den wiederum dessen Vater aus dem Pariser Zweisamkeitsidyll entführen lässt und Manon ihn nicht vor der Entführung warnt, geht es für sie dem Anschein nach bergauf, in Wahrheit aber bergab. Sie lässt sich zu einem Leben in der Halbwelt verführen und macht dort mit Schönheit und Charme Karriere. Dass sie dafür ihre große Liebe verraten hat, verdrängt sie zwar, kann das aber nicht überwinden. So hält sie ihn gerade noch davon ab, Priester zu werden, und verführt ihn, mit ihr in die Welt der Spielsalons zu kommen. Zum zweifelhaften Weg „nach oben“ gehört der unweigerliche Absturz. Beim Glücksspiel werden beide des Betrugs beschuldigt und verhaftet. Vater Des Grieux rettet zwar seinen Sohn, aber Manon bleibt ihrem Schicksal überlassen. Operngemäß stirbt sie in den Armen ihres Geliebten (anders als bei Puccini) noch auf französischem Boden und nicht in der amerikanischen Verbannung.

Musik zum Mitfühlen mit Manon
Die Musik von Massenets „Manon“ baut auf die Bereitschaft zum Mitfühlen und sich ergreifen lassen. Es gab sicher Zeiten, in denen da auch geschluchzt wurde. Kommt das heute auf die Bühne, schwingt natürlich der Ehrgeiz mit, die Verhältnisse ins Visier zu nehmen, die zu solchen Frauenschicksalen führen, die Doppelmoral der männlich dominierten bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen.

Unter männlichen Blicken
Die Oper Magdeburg kündigt die Inszenierung des Briten James Bonas denn auch ambitioniert mit der Überschrift „Unter männlichen Blicken“ an. Tatsächlich liefert das für Thibault Vancraenenbroeck die Grundidee seiner Ausstattung. Ein Dutzend beweglicher, durchsichtiger Spiegel sind das wesentliche Interieur in einem ansonsten leeren dunklen Raum. Im Halbkreis formiert begrenzen sie die Spielfläche. In veränderter Kombination lassen sich damit alle benötigten Räume knapp andeuten. Für den Gasthof, in dem die Reisenden warten, sind es ein paar Koffer; für die Pariser Bleibe der Liebenden ein Tisch mit zwei Stühlen im Spiegelkabinett; für den Luxuseinkauf ein paar Auslagen mit Schmuckstücken; fürs Kloster ein Neonkreuz; für die Spielbank ein geometrisches Deckenvideo und für den Weg in die Gefangenschaft projizierte Wolken und Schnee.

Brave Opera-Noir-Optik
Wenn hinter den Spiegeln Männer stehen und Manon beobachten, soll das bedeuten, dass sie zur Projektionsfläche männlicher Begehrlichkeiten wird. Nun ja. Da ist zwar eine nachvollziehbar umgesetzte Idee, aber für eine wirklich packende Geschichte, die von Menschen (Frauen mit ihrer ausgebremsten Lebenslust und Männern mit ihren egoistischen Besitzansprüchen und Charakterabgründen) erzählen, ist das allenfalls ein Rahmen. Hier wird die Szenenfolge in Opera-Noir-Optik im Grunde brav abgearbeitet. Zweimal schimmert dabei in andeutend witzigen Ensemblechoreografien auch mal Humor auf. Gleich zu Beginn, wenn die Damen der besseren Gesellschaft über die Reisenden tratschen. Und dann noch mal im Kloster, wenn eine weibliche Fangemeinde Des Grieuxs (wohl mehr über ihn als seine Predigt) in Verzückung gerät. Der Rest ist mehr Arrangement als echte Personenführung. Damit bremst die Szene das emotionale Auflodern der Leidenschaft im Graben und bei den meisten Protagonisten eher aus.

Die Magdeburgische Philharmonie wirft sich nach Kräften ins französische Idiom der Musik
Der neue GMD Christian Øland und seine Magdeburgische Philharmonie werfen sich nach Kräften ins französische Idiom der Musik. Er vermag es, die tragisch umschimmerte Traurigkeit in der Leichtigkeit der Musik aufscheinen zu lassen und damit zu berühren. Aber auch mit den beschwingten, eher tänzerischen Passagen zu beeindrucken. In der Titelpartie fasziniert Anna Malesza-Kutny sowohl mit ihrer gefühlvollen vokalen Leichtigkeit als auch mit ihrem darstellerischen Wandel vom naiven jungen Mädchen zur Königin (auf Zeit) in den Salons und der am Boden zerstörten Sterbenden. Leider ist Aleksandr Nesterenko ein Cavalier Des Grieux, der nur punktuell stimmlichen Glanz entfaltet und darstellerisch meist regelrecht ausgebremst wirkt. Johannes Stermann überzeugt mit der Würde des in letzter Minute einschreitenden Vaters Des Grieux. Marko Pantelić ist ein viriler, gar zackiger Lescaut, der sowohl den besorgten Familienmenschen als auch den gewissenlosen Spieler überzeugend verkörpert. Oliver Huttel verschafft dem Intriganten Guillot ein ebenso wahrnehmbares Profil wie Mingyu Ahn es mit Monsieur de Brétigny gelingt. Eine Show für sich sind Rosha Fitzhowle als Poussette, Jeanett Neumeister als Javotte und Claire Péron als Rosette. Jeder ihrer Atmosphäre imaginierenden Auftritte ist eine Augen- und Ohrenfreude. Das gilt auch für den von Martin Wagner einstudierten Chor.
Der einhellige Beifall würdigte alle. Man darf ihn getrost als herzlichen Willkommen für den GMD interpretieren. Wieviel Zuschauer froh waren, dass Manon nicht noch wie bei Puccini in die amerikanische Wüste geschickt werden musste, um zu sterben, bleibt ein Geheimnis.
Theater Magdeburg
Massenet: Manon
Christian Øland (Leitung), James Bonas (Regie), Thibault Vancraenenbroeck (Bühne & Kostüm), Lutz Deppe (Beleuchtungsdesign), Anouar Brissel (Video), Esther Beisecker (Dramaturgie), Martin Wagner (Chor), Federico Zeno Bassanese (Choreografische Mitarbeit), Anna Malesza-Kutny (Manon Lescaut), Aleksandr Nesterenko (Chevalier Des Grieux), Marko Pantelić (Lescaut), Johannes Stermann (Comte Des Grieux), Oliver Huttel (Guillot de Morfontaine), Mingyu Ahn (Monsieur de Bretigny), Rosha Fitzhowle (Poussette), Jeanett Neumeister (Javotte), Claire Péron (Rosette), Opernchor des Theaters Magdeburg, Magdeburgische Philharmonie
Termintipp
Sa., 16. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Massenet: Manon
Anna Malesza-Kutny (Manon Lescaut), Aleksandr Nesterenko (Chevalier), Marko Pantelić (Lescaut), Johannes Stermann (Graf), Christian Øland (Leitung), James Bonas (Regie)
Termintipp
Fr., 22. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Massenet: Manon
Anna Malesza-Kutny (Manon Lescaut), Aleksandr Nesterenko (Chevalier), Marko Pantelić (Lescaut), Johannes Stermann (Graf), Christian Øland (Leitung), James Bonas (Regie)
Termintipp
Fr., 29. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Massenet: Manon
Anna Malesza-Kutny (Manon Lescaut), Aleksandr Nesterenko (Chevalier), Marko Pantelić (Lescaut), Johannes Stermann (Graf), Christian Øland (Leitung), James Bonas (Regie)
Termintipp
So., 07. Juni 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Massenet: Manon
Anna Malesza-Kutny (Manon Lescaut), Aleksandr Nesterenko (Chevalier), Marko Pantelić (Lescaut), Johannes Stermann (Graf), Christian Øland (Leitung), James Bonas (Regie)




